Die Bilder aus der Ostsee verschmelzen mit den Angstbildern in unseren Köpfen, das ist die perfide Botschaft. (Screenshots: YouTube / Europa Today / Tagesschau)

Da sprudelt es, das Gas, um das sich alle Diskussionen drehen, sinnlos vergiftet es das Meer. Wer auch immer das getan hat, wollte eine Botschaft senden: Seht her, wie verletzlich ihr seid. Mit vollem Risiko eine unter Druck stehende Gasleitung in die Luft zu sprengen, heißt, Grenzen überschreiten zu wollen und neue Grenzen zu markieren: bis hier hin und nicht weiter! Katastrophen in den Meeren Nordeuropas haben ihre eignen Bilder. Die brennende Ölplattform „Brent Spar“ oder die gesunkene „Estonia“, allesamt Unfälle, so schlimm sie waren. Der Gasstrudel über den Nordstream-Pipelines ist ein Akt des politischen Willens, ein Bild, dass in keinem Jahresrückblick fehlen wird.

Wer gedacht hatte, der Krieg in der Ukraine sei weit weg, den belehrt dieses verstörende Bild eines Besseren: Egal wie ihr Euch selbst seht, wir sehen Euch als Gegner. Wandel durch Handel - gescheitert, endgültig!

Wir lernen, dass auch hybride Konflikte ihre Bilder produzieren: Flüchtlinge am Berliner Hauptbahnhof, Grafiken der Füllstände von Gasspeichern in Onlinemedien oder jetzt die Gaslecks in der Ostsee. Es sind nicht die Bilder von Gewalt und Zerstörung, wie wir sie aus den Kampfgebieten täglich sehen. Aber es sind Bilder, die verunsichern, verstören – und das ist ihr Zweck, ihre Botschaft. Die Bilder aus der Ostsee verschmelzen mit den Angstbildern in unseren Köpfen: Insolvenzwellen, Deindustrialisierung, Volksaufstände – die Stichworte lesen wir jeden Tag auf allen Kanälen.

So zynisch es klingen mag: Krieg gehört zu den höchsten kollektiven Erregungszuständen menschlicher Gesellschaften. Wer diese Erregung für sich zu nutzen weiß, den Strom der Emotionen auf seine Mühlen lenken kann, ist im Vorteil. „Es geht darum, uns zu überfordern.“ beschrieb der Sicherheitsexperte Christian Mölling vergangene Woche bei Markus Lanz den Sinn diese Sabotageakte. Wer profitiert also?

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“, soll Helmut Schmidt einmal gesagt haben. Angst schränkt den Blick auf die eignen Handlungsmöglichkeiten ein, und exakt darum geht es. Damit ist das Bild des Gasstrudels in der Ostsee Teil einer kühl kalkulierten Drohung: Seht her, wir sind zu allem bereit!

Vielleicht hat das Bild des Lecks bei allem ökologischen Irrsinn noch eine andere Botschaft: Es gibt wohl wirklich keine Rückkehr zu einem Status quo ante. Zu viele Menschen sind bereits gestorben und die Kriegsparteien offensichtlich weiter wild entschlossen, zu kämpfen. Gleichzeitig zeigen die Bilder aus der Ostsee, dass der Einsatz fossiler Energien immer größere Risiken birgt. Damit stehen wir vor einer sehr unangenehmen Frage, die nicht moralisch zu beantworten ist: Macht uns unser Wohlstand erpressbar? Wollen wir eine Zukunft in dauerhafter Abhängigkeit von Potentaten am Golf oder in China? Haben wir unsere Lektion schon gelernt?

Über den Autor: Jost Listemann ist Inhaber des Unternehmens Time:Code:Media GmbH in Berlin. Er berät große Unternehmen wie die Bayer AG und die Autobahn GmbH des Bundes und produziert für sie Bewegtbild-Kommunikation. Gestartet ist er als Politikwissenschaftler, seit dem Jahr 2000 ist er in der PR-Branche mit Schwerpunkt visuelle Kommunikation und Film tätig. An der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft unterrichtet er Storytelling und Bewegtbild. 


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