Besucher des Krisenkommunikationsgipfels

Der Krisenkommunikationsgipfel in München war Anfang März gut besucht. (Phil Stephan)

Aktueller ging es kaum. Es schien fast so, als sei das Programm des diesjährigen 35. Krisenkommunikationsgipfels extra auf die sich abzeichnenden Folgen des Super-Tuesdays in den USA zugeschnitten war. Denn der Umgang mit Fake News und Hatespeech war eines der Themen, die der Krisennavigator - Institut für Krisenforschung Kiel am 6. März in München gesetzt hatte. Das PR-JOURNAL war erneut Medienpartner.

Der Super-Tuesday ist durch. Und die Zeichen verdichten sich. Donald Trump wird für die Republikaner aller Voraussicht nach als Präsidentschaftskandidat ins Feld ziehen. Schon wieder… Siegt Trump kommt auf die Europäer in Sachen Kommunikation eine Monsteraufgabe zu. Denn der aktuell noch ehemalige Präsident gilt als Meister: nicht unbedingt in Sachen politisches Kalkül, dafür aber in Sachen Fake News und Hatespeech.

Umso aktueller erschien daher das Programm des diesjährigen 35. Krisenkommunikationsgipfels. 130 Kommunikatorinnen und Kommunikatoren waren dem Ruf des Krisennavigators gefolgt, um sich über aktuelle Themen der Krisenkommunikation zu informieren – teils vor Ort im Konferenzzentrum München der Hanns-Seidel-Stiftung, teils online.

Wandel im Journalismus

Trump selbst dürfte mit Blick auf sein Herkunftsland und seinen politischen Status eine Begegnung mit Professor Christian Schertz, Partner der Kanzlei Schertz Bergmann Rechtsanwälte in Berlin, nicht scheuen. Wohl aber diejenigen hierzulande, die inspiriert durch ihn ebenfalls auf Fake News setzen. Gemeint ist damit die gezielte Verbreitung von Falschmeldungen.

Und von denen, die solche verbreiten, gibt es laut dem Presseanwalt viele. Nicht nur Privatpersonen, sondern, so Schertz, auch unter den Medienschaffenden. Denn hier gebe es zunehmend einen Wandel, erklärte Schertz. Statt des tradierten objektiven Blicks auf Themen gebe es immer mehr Journalistinnen und Journalisten, die gezielt mit ihren Meinungen beeinflussen wollen. Spannend: Laut Schertz seien von diesem Phänomen mitunter auch tradierte Nachrichtenmagazine betroffen. Damit einher gehe seiner Einschätzung nach auch eine Zunahme der voreiligen Berichterstattung. „Die Medien haben Druck, Nachrichten so schnell wie möglich rauszubringen“, erklärte er dem Publikum.

Vielfältiges Programm

Wie auch in den Vorjahren setzte Zeremonienmeister Frank Roselieb, geschäftsführender Direktor des Krisennavigator, auf ein bewährtes Programm. Insgesamt acht Referenten plus ein hochklassig besetztes Panel gaben in den vier Themenkategorien Einblicke darüber, wie Krisenkommunikation mit Business Continuity, Recht, Vertrauen sowie Sicherheit zusammenhängt. Pro Vortrag standen 30 Minuten zur Verfügung. Die obligatorische blaue Rettungsleuchte am Vortragspult, die die Redner vor einer möglichen Überziehung warnt, kam dank der routinierten Rednerinnen und Redner nicht zum Einsatz.

Auf dem Rechtsweg gegen Fake-News und Hate-Speech

Zurück zu dem Mann mit der roten Krawatte und seinen Nachahmern. Wie nun mit Fake News umgehen? Hier hat Schertz eine klare Vorstellung davon wie es geht – beziehungsweise, wie es eben auch nicht mehr geht. Denn: Das mit 80er Jahre Flair behaftete Hintergrundgespräch, bei dem man den Redakteur bei einer launigen Golfpartie mit ergänzenden Erläuterungen noch dazu bewogen hat, seine Meinung zu ändern, hat aus seiner Sicht ausgedient. Zu unbeirrbar sei die schreibende Zunft in ihrer Meinung. Sein Mittel hierfür: der Rechtsweg. Und das nicht zwangsläufig erst nach der Berichterstattung. Ein anwaltliches Schreiben mit dem Hinweis auf etwaige rechtliche Konsequenzen bei Veröffentlichung der Falschinformation könne helfen, diese gänzlich im Keim zu ersticken.

Auch mit David Beck dürften Befürworter des Trumpschen Fake News-Kalkül ihre liebe Mühe haben. Denn der versteht bei diesem Thema ungefähr so viel Spaß wie der immerblonde Republikaner bei dem Verlust einer Golfpartie. Und Beck hat auch allen Grund zu seiner Null-Humor-Politik. Denn als Staatsanwalt und Hatespeech-Beauftragter der bayerischen Justiz bei der Generalstaatsanwaltschaft München ist es sein Job, sich mit dem Thema zu befassen.

Eine mehr als umfängliche Aufgabe. Denn im Social Web ist bekanntlich einiges los. Facebook, X (ehemals Twitter), Tik Tok, Telegram und Co. beinhalten tausende Verunglimpfungen, seien es nun Texte, Bilder oder Videos, die es bei entsprechender Beschwerde zu prüfen gilt. Denn nicht immer ist die Zuordnung, ob nun eine Verunglimpfung vorliegt, schnell zu treffen. Allerdings: Ist einmal ein entsprechender Störer identifiziert, wird es für diesen unschön. Empfindliche Geldstrafen bis hin zu Haftstrafen können die Folge sein.

Empfehlungen für den Umgang mit Phishing

Aber nicht nur Trump, auch die Bundesregierung konnte von dem interessanten Rahmenprogramm des Krisenkommunikationsgipfels einiges mitnehmen. Das galt unter anderem für den Vortrag von Hauke Kramm von der Deutschen Kreditbank AG in Berlin. Denn in Zeiten von Mitschnitten vertraulicher Webex-Konferenzen brachte dieser mit Phishing ein Thema auf das kommunikative Paket, das sich für so manchen Regierungsvertreter – wenn auch präventiv – derzeit anzuschauen lohnt.

Seine Empfehlung bezüglich des kommunikativen Umgangs mit dem Phänomen, bei dem Betrüger sich quasi per Enkeltrick Zugang zu den Kontodaten ihrer Opfer beschaffen: Die drei R.: regret, react, reinform. Die Taktung sollte, besonders mit Blick auf die Informationsvermittlung an die Kunden: regelmäßig und wenn nötig auch an den Wochenenden sein. „Die Kunden müssen wissen, dass etwas gemacht wird“.

Die unsichtbare Behörde

Dass Krisenkommunikation auch auf Behördenebene gelebt wird, zeigte indes der Vortrag von Bjoern Wilck. Der Pressesprecher und Leiter Kommunikation der Bundesanstalt für den Digitalfunk BOS (BDBOS) in Berlin referierte unterhaltsam über die Relevanz von Erreichbarkeit der Einsatzkräfte wie Polizei, Feuerwehr & Co im Krisenfall – und eröffnete damit den Zuhörerinnen und Zuhörern Informationen zu einer Behörde, die viele Besucher der Krisenkommunikationsgipfels bis dato noch nicht kannten. Die Relevanz der BDBOS ist für den Fall einer Krise dabei immens. Denn verglichen mit dem Mobilfunk ist der Digitalfunk noch einmal deutlich zuverlässiger, was auch im Fall der Fälle schnelles Wirken der Einsatzkräfte erlaubt.

Prominent besetztes Panel

Für Abwechslung zwischen den Vorträgen sorgte auch in diesem Jahr die Podiumsdiskussion. Diese befasste sich mit der Frage, wie Institutionen im Angesicht von Politikverdrossenheit, Standortflucht, Wissenschaftsfeindlichkeit, Medienskepsis und Bildungskrise dem Vertrauensverlust in der Bevölkerung begegnen können. Mit dabei: Simone Fleischmann (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband), Stefanie Zenke (Südwestrundfunk), Eric Markuse (Bayerischer Landtag), Ulrich Meyer (Technische Universität München) und Andreas Fehler (Chemie BW). Die Expertenrunde identifizierte überraschungsfrei unter anderem die umfangreiche, aber nicht funktionierende Bürokratie als eine der größten Ursachen für den Vertrauensverlust. Gleichwohl galt es für Herrn Markuse zwischen Politik- und Demokratieverdrossenheit zu differenzieren: „Ersteres liegt aktuell vor, das zweite aber definitiv nicht“, so der Kommunikationsstableiter. Eine Möglichkeit, dem zu begegnen, ist nach Meinung der Experten, die Verbesserung der Informationskultur und ein verstärkter direkter Austausch mit den Bürgern.

Wiedersehen in Wien und in Leipzig

Der Krisenkommunikationsgipfel war auch in diesem Jahr eine gelungene Veranstaltung, zu der neben den oben genannten Rednern auch die Vorträge von Simone Pott (Deutsche Welthungerhilfe), Matthias Walter (Deutsche Umwelthilfe), Sabrina Artinger (Bundeskanzleramt), Alexander Schilling (TransnetBW) und Frano Ilic (Unternehmensgruppe Studiosus) beigetragen haben.

Die Lehre aus dem Gipfel: Auch in 2024 hat die Krise Relevanz. Hatespeech und Fake News verlagern viele kommunikative Krisen dabei zunehmend in das Social Web. Aufbauend: Auch heute gibt es zahlreiche Profis in Unternehmen, Behörden und Regierungen, die wissen, wie man mit Krisen umgeht. Eine klare Zuständigkeitsstruktur, vordefinierte Abläufe, Schnelligkeit und auch Empathie helfen, diese bestmöglich zu bewältigen. Ob diese Kompetenzen auf der politischen Bühne auch im Umgang mit einem gewissen Republikaner helfen, bleibt abzuwarten. Idealerweise wird sie aber erst gar nicht gebraucht…

Am 10. Oktober 2024 lädt Roselieb bereits zum nächsten Krisenkommunikationsgipfel. Dieser findet dann in Österreich an der Uni Wien statt. In Deutschland geht es nächstes Jahr weiter. Der nächste Krisenkommunikationsgipfel findet am 12. März 2025 in Leipzig statt.

Über den Autor: Phil Stephan verantwortet als Senior PR Manager die Kommunikation der Droniq GmbH in Frankfurt am Main. Als freier Mitarbeiter der „PR-Journal“-Redaktion hat er 2023 und 2024 von den Krisenkommunikationsgipfeln in Köln und München berichtet.


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