Der Screenshot stammt aus einer Videosequenz von Open AI/Sora, die auf diesen Prompt hin generiert wurde: Nahaufnahme des Augenaufschlags einer 24-jährigen Frau in Marrakesch mit 70 mm Tiefenschärfe. (Quelle: OpenAI/Sora)

Schon wieder droht eine ganze Branche im KI-Schlund zu verschwinden: erst waren es die Texter und Kreativen, jetzt sind es die Filmemacher. In der Tat: Was Open AI mit SORA auf unsere Wirklichkeit losgelassen hat, erscheint auf den ersten Blick atemberaubend. Zweifelsohne ist SORA ein Text-zu-Video-Tool der nächsten Generation. Aber erst die Kombination aus Technologie und der Marktmacht von OpenAI / Microsoft macht SORA zu einem Werkzeug, dass unsere Wirklichkeit beeinflussen wird. Aber schauen wir doch erstmal genauer hin...

SORA zeigt, dass die Entwicklung generativer KI exponentiell verläuft: Wo vor zwölf Monaten nur einzelne Bilder möglich waren, verspricht uns Open AI jetzt schon Videosequenzen bis zu 60 Sekunden Länge: 60 mal 25 Bilder pro Sekunde bedeuten 1.500 Einzelbilder – für eine Sequenz! Auf Zuruf (Prompt!). Wer sich einige Minuten in die Videoclips von SORA vertieft, findet noch diverse Schwächen – und die Gewissheit, dass hier eine technologische Dynamik entfesselt worden ist, die nicht mehr zu ignorieren ist. Die „Süddeutsche Zeitung“ sieht schon Legionen von Designern, Kameramännern und Filmemachern arbeitslos werden, und Sascha Lobo ruft im "Spiegel" die "Fake Reality" aus – eine neue digitale Realität, verquirlt aus Tik Tok-Algorithmus und SORA-Videos.

Wirklichkeit bleibt komplex

Aber stimmt das? Sind wir alle die Frösche im Glas, die nicht merken, dass Sam Altman die Temperatur hochdreht? Mitnichten – die Wirklichkeit ist und bleibt komplex. Timm Rotter, KI-Experte und Agenturchef aus München sieht die Grenzen dort, „wo ein echtes inhaltliches Verständnis gefragt ist.“ Denn wir sehen zwar viele beeindruckende Stills und Video-Sequenzen – aber in welchen erzählerischen Kontexten stehen diese Bilder? Welche Botschaft und Marken werden hier transportiert? Und, viel wichtiger: Haben wir nicht alle in den letzten Jahren das Mantra der „Authentizität“ tagtäglich vor uns hergetragen? Wen überzeugt man mit hochglänzenden KI-Videos in einer Welt, die nach Echtheit, Überzeugung und eigenem Standpunkt ruft? Trotzdem werden die Videos von SORA gekauft und eingesetzt werden, und sie werden unsere Wahrnehmung und unsere Workflows verändern.

„Wo ChatGPT uns bei Texten über die ‚leere Seite‘ hinweg hilft, wird uns SORA bei den Visualisierungen im Workflow von Videoproduktionen helfen“, meint Tobias Peil, Motion Designer aus Berlin. Für Kunden, Filmemacher und Designer wird SORA die Abstimmung erleichtern und Abläufe beschleunigen. Aber bleiben wir realistisch: Ein komplexes, emotionales Produkt mit bewegten Bildern herzustellen und sich damit von der Masse abzuheben, bleibt eine kreative und filmemacherische Herausforderung.

Verwertungsrechte sind zu klären

Deshalb behaupte ich, dass in der Videoproduktion die gute, alte Pareto-Regel vorerst weiter gilt: 80 Prozent des Projekts können wir mit 20 Prozent des Aufwandes erreichen – und hier wird die KI enorm helfen! Aber für die verbleibenden 20 Prozent des Projekts wird weiterhin 80 Prozent des Aufwandes benötigt – Know how, Kreativität, Zuverlässigkeit und (nicht zu vergessen) Rechtssicherheit! Denn die digitale Zauberkraft der Video-KI macht auch vor den Gesichtern von Prominenten oder weniger Prominenten nicht halt – wie Taylor Swift und manch andere Person schon bitter lernen musste, die sich plötzlich in Porno-Videos wiederfanden. Aber nicht nur Persönlichkeitsrechte können für Agenturen, Produzenten und Auftraggeber zum Bumerang werden. Auch Urheberrecht und Nutzungsrecht stehen bei KI-Videos in einem noch nicht endgültig geklärten Spannungsverhältnis: Wem gehören Verwertungsrechte wie lange und für welchen Verwendungszweck? Welches Verwertungsrecht gilt in GermanyAustriaSwitzerland, wie müssen Videosequenzen für globale Marken lizensiert werden, welche Standards gelten in den USA? Sicherlich werden dazu noch Gerichte befragt und werden Antworten geben müssen. Das kann dauern.

Bleibt noch eine letzte Frage: Wer will das eigentlich alles sehen? Sicher, die Konkurrenz unter den Anbietern auf dem Bewegtbild-Markt wird steigen. Aber wird sich nicht auch die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Publikums weiter verschärfen? Auch mit KI hat der Tag weiterhin nur 24 Stunden. Heißt es also wieder: Alle kämpfen gegen alle, und am Ende gewinnt immer die Plattform / OpenAI / Microsoft? Hilft hier nicht vielleicht eine Ressource, die zutiefst menschlich ist: Das Hinschauen, Nachdenken, selbst Kreieren? Ich bin davon überzeugt - und Sie?

Über den Autor: Jost Listemann ist Inhaber der Videoproduktionsfirma Time:Code:Media GmbH in Berlin. Er berät globale Unternehmen und öffentliche Institutionen in ihrer visuellen Kommunikation. Gestartet als Politikwissenschaftler ist er seit 2000 in der PR-Branche als Filmproduzent tätig. An der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft leitet er die Ausbildung für visuelles Storytelling und Bewegtbild.


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