Wenn das Private doch nicht vom Beruflichen getrennt werden kann: Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner und die von ihm berufene Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch. (Foto: picture alliance /dpa / Jörg Carstensen)

Zwei Menschen zeigen sich vertraut. An der Situation ist nichts anstößig, einvernehmlich nennt man das heute. Das Bild hat in den letzten Tagen eine steile Karriere in der Berliner Hauptstadtpresse hingelegt, denn es ist nicht nur ein Foto zweier vertrauter Menschen: Es wurde zum gefühlten Beweis für das Gerücht, dass der Regierende Bürgermeister Berlins, Kai Wegner, eine Liaison mit der von ihm berufenen Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch hat.

Erst „Bild“, dann „Tagesspiegel“, innerhalb von Stunden wurde der Schneeball zur Lawine. Immer öfter begleitete das Foto die Berichterstattung: „Morgenpost“, „Welt“, ZDF online und schließlich Google. Aus, vorbei. Vergangenen Freitag war es dann soweit, das übliche Statement: Das Paar wolle “Privates und Berufliches strikt trennen.“ Und hier genau beginnt das Problem…

Im Kontext der Berichterstattung zeigt das Foto, dass Privates und Öffentliches eben nur schwer zu trennen sind. Das Bild selbst ist dafür der Beleg: Wir sehen kein Foto aus einer Paparazzi-Perspektive, irgendwo in einem dunklen Restaurant. Viel mehr erinnert die Beleuchtung an einen Konferenzraum, die Wandverkleidung in schlichtem Grau ebenso. Auch steht der Fotograf nur wenige Meter entfernt im gleichen Raum, das Paar weiß also, dass es fotografiert werden könnte. Auch ist das Bild von einer technischen Qualität, dass es sich kaum um ein Handy-Foto handeln kann. Jeder, der sich einmal in einem Konferenzraum mit einer Kamera in der Nähe von mächtigen Personen professionell bewegt hat, weiß, mit welchen Argusaugen „Kommunikationsverantwortliche“ auf die Bilder ihrer Chefinnen und Chefs achten. Hier erscheint das Private plötzlich öffentlich, dass machte das Bild erst zum Hinweis, und dann zum Beweis. Naivität oder Unaufmerksamkeit bei den handelnden Personen? Das wird sich nicht mehr klären lassen.

Das Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und Verantwortung tragen, ihre Privatsphäre schützen müssen, hat gerade erst Robert Habeck bitter lernen müssen: In Zeiten „authentischer Kommunikation“ und Hatespeech wird kaum noch jemand eine schützende Distanz zugebilligt, geschweige denn Respekt. Gleichzeitig wird alles Persönliche gerne zu Markte getragen, solange es der eigenen Profilierung dient und kontrollierbar erscheint.

Jetzt steckt der Regierende Bürgermeister von Berlin in einem Dilemma, die politischen Erfolge des letzten Jahres verschwinden hinter der medialen Welle. Die Meute nimmt Witterung auf, wer noch eine Rechnung offen hat, begleicht sie jetzt. Es wird Opfer geben, Karrieren werden beschädigt, Menschen verletzt. Die Eskalation wird dem bekannten Drehbuch folgen, derweil wartet das Publikum auf weitere menschliche Details…denn jetzt ist das Private sichtbar öffentlich.

Über den Autor: Jost Listemann ist Inhaber der Videoproduktionsfirma Time:Code:Media GmbH in Berlin. Er berät globale Unternehmen und öffentliche Institutionen in ihrer visuellen Kommunikation. Gestartet als Politikwissenschaftler ist er seit 2000 in der PR-Branche als Filmproduzent tätig. An der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft leitet er die Ausbildung für visuelles Storytelling und Bewegtbild.


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