Geschäftsführer Nils Seger mit den Mitgründerinnen Lisa Teicher (l.) und Karolin Hewelt.

Interview mit Nils Seger, Gründer und Geschäftsführer von RCKT

RCKT ist die Berliner Kommunikationsagentur, an der Rocket Internet eine Mehrheit hält. Nach der Gründung vor etwa drei Jahren durchaus kritisch beäugt und mit dem Label versehen, hauptsächlich Start-ups aus dem Samwer-Imperium zu betreuen, kann davon inzwischen keine Rede mehr sein. Die Agentur ist auf Wachstumskurs. Sie zählt einige Großkonzerne zu ihren Kunden und hat sich mit Mitarbeitern der Generation Digital Native den Ruf erarbeitet, die Digitalisierung verstanden zu haben.

Im Interview mit dem „PR-Journal“ erklärt Gründer und Geschäftsführer Nils Seger, womit die Agentur bei traditionellen Kunden wie dem ADAC, dem Bundeswirtschaftsministerium und der Deutschen Bahn punktet, warum jüngere Mitarbeiter Vorteile mit sich bringen und weshalb die Agentur Berufseinsteigern 2.400,00 Euro pro Monat zahlt.

PR-Journal: Vor zwei Jahren lautete die Überschrift unseres Agenturporträts „Digital-Experten mit Lust auf mehr“. Jetzt seid Ihr bei den „PR Report“-Awards als Kommunikationsberatung des Jahres nominiert, habt einen Cannes Lion gewonnen und betreut einen großen Etat des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi). Klingt, als ob es ganz gut läuft.
Nils Seger: Wir sind die Hub Agency für die Digitalisierungsinitiative des Bundeswirtschaftsministeriums. Durch dieses Mandat haben wir noch einmal ordentlich Schwung bekommen. Auch unsere Kunden haben sich verändert: weniger Start-ups, dafür mehr Mittelstand und größere Konzerne wie Commerzbank, Deutsche Bahn, Merck, Volkswagen, Henkel oder internationale Kunden wie Adyen. Für den ADAC betreuen wir die Kampagne „Don’t call Mom“, mit der wir den Cannes Lion gewonnen haben. In der Tendenz haben wir weniger Etats. Dafür werden die Umsätze größer und die Projekte ganzheitlicher. Wir haben inzwischen mehr als 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und suchen aktuell Räumlichkeiten, damit wir alle wieder zusammensitzen können.

PR-Journal: Inwieweit sind „Don’t call Mom“ und das Hub-Agency-Projekt für das Bundeswirtschaftsministerium typisch für Eure Agentur und zeigen, was Ihr besser als andere könnt?
Seger: Das Bundeswirtschaftsministerium ist Markenentwicklung und Netzwerkaufbau. Teil der Aufgabe ist es, die zwölf digitalen Hubs zu vernetzen, die das Ministerium in verschiedenen Themenfeldern benannt hat. Gleichzeitig promoten wir die Hubs, indem wir beispielsweise versuchen, dass Themen in relevanten Tech-Blogs erscheinen. Wir erstellen zudem die Corporate Identity, gehen auf Events, setzen Virtual Reality um. Es ist insofern auch ein klassischer PR-Auftrag. Es geht darum, das digitale Deutschland erlebbar zu machen. Wir sehen uns als kreative Digitalberatung. Kommunikation von Innovation ist unser Schwerpunkt.
ADAC war ein Pitch, zu dem wir eingeladen wurden. Unser Kampagnenansatz war ‚Wir kümmern uns. Wir ersetzen deine Mutter‘ – der ADAC soll ja ein seriöses Unternehmen bleiben und keine pseudohippe Marke. Dafür haben wir eine WhatsApp-Line eingerichtet, über die User den ADAC alles fragen konnten. Jetzt läuft die Kampagne themenspezifisch und rückt näher an die ADAC-Produkte wie beispielsweise Versicherungen heran.

Die Sprache der digitalen Kanäle treffen

PR-Journal: Einige Eurer Kunden wirken recht traditionell, konservativ und digital eher zögerlich. Warum wählt ein Unternehmen Euch aus?
Seger: Generell haben Kunden an uns eine sehr hohe Erwartungshaltung. Sie erwarten sicherlich, dass wir die richtige Sprache für digitale Kanäle treffen. Anfangs denken Kunden häufig, dass von uns etwas ganz Innovatives und komplett Neues kommt, bevor sie dann im Gespräch feststellen, wie anschlussfähig unsere Lösungen sind und wie gut sie diese bei sich integrieren können. Kunden müssen nicht alles umschmeißen, um mit uns zusammenarbeiten. Wir sind aus meiner Sicht sehr gut darin, zuzuhören und Dinge inhaltlich aufzubereiten. Respekt müssen wir uns natürlich durch Leistung erarbeiten.

PR-Journal: Ihr seid eine noch recht neue Agentur mit eher jüngeren Mitarbeitern. GPRA-Präsidentin Christiane Schulz hat die These aufgestellt, Unternehmen wären kaum bereit, für Beratung von Berufseinsteigern zu bezahlen. Wie nehmt Ihr das wahr?
Seger: Manchmal, wenn wir zu Kunden gehen, denken die sich schon ‚Hoppala‘. Wir wurden zum Beispiel einmal gefragt, ob von uns überhaupt noch jemand ein Auto fährt. Zum Glück habe ich selbst eines. Wir wurden auch schon einmal bei einem Termin dezent darauf hingewiesen, dass man in diesem Unternehmen siezt.
Nur darum geht es ja nicht. Man darf nicht vergessen, dass zahlreiche Unternehmen einen wahnsinnigen Druck haben, sich zu wandeln und digital stattzufinden. Ich bin überzeugt, man sollte digitale Sprache von den Natives lernen, genauso wie man Englisch am besten von einem Englisch-Native lernt. Man muss die Sprache der Kanäle sprechen. Junge Kommunikatoren besitzen da aus meiner Sicht einen Vorsprung, der insbesondere in der aktuellen Wechselphase hin zur Digitalisierung sehr hilfreich ist. Man muss jüngere Kollegen natürlich lenken und ihnen helfen.
Der entscheidende Zielgruppen-Insight und der damit verbundene Kampagnenansatz bei ‚Don’t call Mom‘ zu der WhatsApp-Line kam übrigens von einer Werkstudentin. Am Ende geht es für Kunden um Resultate.

PR-Journal: Nicht nur in Berlin gibt es aktuell einen ‚War for Talents‘, der sowohl die Start-up- als auch die Agenturbranche betrifft. Wie schwierig ist es für RCKT, Mitarbeiter zu finden? Mit wem konkurriert Ihr?
Seger
: Ich habe das Gefühl, dass wir alle Stellen recht schnell besetzen können, ohne dass wir große HR-Kampagnen machen müssen. Wir spielen unsere Stellenanzeigen höchstens mal über unsere digitalen Kanäle aus. Gut funktioniert Instagram, weil wir dort zeigen, wofür wir stehen und wie die Atmosphäre bei uns ist. Berlin als Standort hilft uns – auch das Netzwerk, aus dem wir kommen. Wir hatten in diesem Jahr etwa 1.300 Bewerber und konkurrieren mit den PR-, Werbe- und Digitalagenturen; bei unserer Unit ‚Next‘ mit Schwerpunkt auf Innovationsberatung eher mit Beratungen.

PR-Journal: Ein Thema der Agenturbranche sind aktuell die Einstiegsgehälter. Der Agenturverband GPRA hat für Trainees einen Mindeststandard von 1.600 Euro im Monat festgelegt. Durchschnittlich zahlen die Mitgliedsagenturen Berufsanfängern im Mittel 1.863,64 Euro brutto im Monat. Wie viel zahlt Ihr Einsteigern?
Seger
: Wir zahlen jedem Trainee 28.800 Euro pro Jahr, das sind immerhin knapp 10.000 Euro mehr als der Mindeststandard. Von seinem Gehalt muss man leben und vor allem seine Wohnung bezahlen können. Es geht ja auch darum, Leute langfristig zu binden. 1.600 Euro finde ich schon hart.
Ein Traineeship dauert bei uns normalerweise zwölf Monate. Abhängig davon, wie sich ein Mitarbeiter entwickelt, verkürzen wir das manchmal. Wir haben beispielsweise eine Kollegin, die ist innerhalb von drei Jahren vom Trainee zum ‚Head of‘ einer Unit aufgestiegen. Eines ist auch klar: Im Agenturbusiness werden wir den ‚War for Talents‘ nicht über die Gehälter gewinnen. Andere Branchen können mehr zahlen.

PR-Journal: Wie läuft ein Traineeship bei Euch ab? Was lernen die Berufseinsteiger?
Seger: Bei uns sind alle Units in die Traineeausbildung eingebunden. Im Rahmen unserer Trainee Academy können die Trainees in bis zu zwölf Workshops die für uns wichtigen Themen kennenlernen. Die Trainees sollen vor allem Verständnis für die Units aufbauen und wissen, was die Grundlagen einer Agentur sind. Wie muss ein Briefing für die Design-Unit aussehen? Was sind digitale Trends? Wie berate ich einen Kunden? Was gehört zu PR und Medienarbeit? Die Workshops leiten meist Senior-Berater oder Unit-Leiter. Demnächst haben wir erstmals einen externen Coach eingeladen. Ziel ist es auch, Mitarbeiter zu kreativen Unternehmern mit Verantwortungsgefühl für Projekte zu entwickeln.

PR-Journal: Im hippen Berlin versuchen Agenturen und Start-ups gerne mit kostenlosem Frühstück, Fitness-Studio-Mitgliedschaft oder Yoga-Kursen zu punkten. Was bietet RCKT?
Seger: Jeden Freitag haben alle Mitarbeiter Home-Office. Man kann zwar in die Agentur kommen, muss es aber nicht. Generell soll es am Freitag ruhiger zugehen. Wir haben auch einen Lunch-Club. Jeden Mittwoch kommen ein Koch sowie ein externer Gast, der etwas präsentiert. Alle Mitarbeiter erhalten ein iPhone und MacBook. Jedes Quartal können Teams ein Teamevent organisieren und freie Getränke, Müsli und Obst gibt es natürlich ebenfalls.
Agentur ist ein arbeitsintensives Business. Es geht um Leistung. Wir versuchen schon, einen Ausgleich zu schaffen, wenn es abends länger wird. In Projektphasen, in denen weniger zu tun ist, sollen Mitarbeiter ruhig mal früher nach Hause gehen, oder wir geben hitzefrei. Die Menge an Arbeitsstunden ist nicht der entscheidende Wert, über den wir zeigen wollen, dass wir richtig gut arbeiten können.

Das Interview wurde in der für die Berliner Agenturbranche üblichen Du-Form geführt.


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