Vanessa Vu (Zeit Online), Marietta Slomka (ZDF) und Florian Klenk (Falter) diskutierten mit „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle (v.l.) über Relevanz. (© republica - Stefanie Loos)

Man muss sich sehr ungeschickt anstellen, um auf der re:publica und Media Convention keine Themen zu finden, die einem Denkanstöße für das Berufsleben und private Diskussionen liefern. „tl;dr: ‚too long; didn’t read‘“ lautete das etwas kryptische Motto, das der Veranstalter in seiner Pressemitteilung damit erklärte, dass man sich dem „Kleingedruckten“ und der „Notwendigkeit und Dringlichkeit, die Themen kritisch zu hinterfragen, die polarisieren, uns spalten – oder auch vereinen“ widmen wolle.

27 Bühnen, rund 500 Sessions und 1.000 Speaker versprach das dreitägige Event, das heute endet und in Sachen Publikumsresonanz offenbar nicht darunter litt, dass in Hamburg parallel die Online Marketing Rockstars stattfanden. Tatsächlich ging es bei den Speakern hochkarätig zu. Der Bundespräsident eröffnete die Veranstaltung, mehrere Ministerpräsidenten und Bundesminister waren vor Ort, dazu EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager, Astronaut Alexander Gerst und Edmund Stoiber. Einigen Besuchern und Livestream-Konsumenten war es „too much establishment“. 

Die Veranstaltung profitiert davon, dass sie hochaktuelle Themen kurzfristig ins Programm nimmt. Mit Jakob Basel und Luisa Neubauer von der „Fridays for Future“-Bewegung und dem Europaabgeordneten Axel Voss, dem Gegner der EU-Urheberrechtsreform und von Uploadfiltern in liebevoller Abneigung verbunden sind, waren Protagonisten vor Ort, die Diskussionen der vergangenen Wochen prägten. Es gab diverse Sessions zur Mobilität, ein weiteres Thema, das stärker in den öffentlichen Fokus gerät.

Euphorie der Netzgesellschaft ist verflogen

Inhaltlich ging es viel um Manipulation, um den Kampf für die Wahrheit, Trolle, die Zukunft des Journalismus sowie um negative Entwicklungen im digitalen Universum mit Rückkoppelung auf das reale Leben. Die schöne heile Digitalwelt war gestern. So scheint es.

Poerksen Bernhard Prof Tuebingen c Jan Michalko republica

In diese Richtung argumentierte auch Bernhard Pörksen (Foto, © republica - Jan Michalko), Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, in seinem Vortrag zum „Abschied vom Netzpessimismus“. Die Euphorie in der Netzgesellschaft sei der Ernüchterung gewichen, sagte er. Pörksen verwies auf die aus seiner Sicht berechtigten Ängste vor dem Untergang der Demokratie, einem Erstarken des Faschismus und dem postfaktischen Zeitalter mit dem Verschwinden der Wahrheit. Nur: Apokalyptisches Denken helfe nicht weiter. Horrorvisionen von Journalisten befeuert von rechts würden sich beschleunigend auswirken. „Irgendwann werden die berechtigten Warnungen der Total-Pessimisten zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung.“

Die These „wir leben bereits im postfaktischen Zeitalter“, hält Pörksen für fatal. Sie treffe nicht zu. Die „Eine-Million-Euro-Frage“ für ihn laute, wie es gelingen könne, den Kampf gegen Desinformation mit dem Wunsch nach Mündigkeit zu kombinieren. Wie bereits in seinem Buch „Die große Gereiztheit“ machte sich Pörksen für das Schulfach Medienmündigkeit und Medienkompetenz stark. Das Herausbilden eines öffentlichen Bewusstseins, wie wichtig Medien für eine Gesellschaft seien und zu verstehen, wie sie funktionierten, hält er für eine zentrale Aufgabe.

Wie geht es den Medien? „Heute-Journal“-Moderatorin Marietta Slomka, Florian Klenk, Chefredakteur des „Falter“ aus Österreich, und die „Zeit-Online“-Journalistin Vanessa Vu widmeten sich in einem von „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle moderierten Talk dem Thema „Relevanz in digitalen Zeiten“ und damit der Auswahl von Nachrichten.

Während in der Runde Konsens darüber herrschte, dass Journalisten sich bei der Bewertung der Relevanz von Themen an Werten wie Freiheit, Europa oder gegen Rassismus leiten lassen dürften, gab es ein Uneinigkeit, inwieweit die Gefühle und das persönliche Empfinden der Masse eine Rolle spielen sollten. Während Vu die Meinung vertrat, es sei notwendig, Gefühle anzukennen und Emotionen aufzugreifen, hielt Slomka dagegen. „Die Gegenemotionalisierung ist Aufgabe von Politikern“, sagte sie. Es sei nicht ihre Job Description als Moderatorin und Journalistin, im Studio zu stehen und große Betroffenheit zu demonstrieren.

Slomka hält es für wichtig, „sich nicht vom Strom in den sozialen Medien treiben zu lassen“. Für die Themenauswahl des „Heute Journals“ seien Twitter-Trends nicht entscheidend. Die Kontroverse rund um die Aussagen des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer zu einer Werbekampagne der Deutschen Bahn sei deshalb für die Redaktion kein Thema gewesen.

Was ist los in Österreich?

Einblicke in die Situation der Medien in Österreich gab „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk, dessen Wochenzeitung wie aktuell der „ORF“ regelmäßig Gegenstand von Attacken der rechtsgerichteten Regierungspartei FPÖ ist. Eine Taktik der Partei und der von ihr besetzten Ministerien: Bewusst die finanzielle Basis der für sie unangenehmen Medien zu schwächen, indem man in diesen kaum noch Anzeigen schalte. Im Umfeld dauerhafter Diskreditierung der Medien würden sich viele Journalisten mittlerweile dreimal überlegen, zu welchen Themen sie recherchierten, so Klenk.

Als „hochprofessionell“ bewertet der Chefredakteur die Medienarbeit von Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache, der gleichzeitig FPÖ-Chef ist. Immer wieder gelinge es der Regierung, mit ihrer hohen Zahl von Followern in den sozialen Netzwerken Themen auf die Agenda zu setzen, die so viele Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht verdienten. Der Boulevard übernehme häufig die Regierungspropaganda. Seriösen Medien bliebe dann kaum etwas anderes übrig als hinterher zu hecheln, meint Klenk.

Er sieht zudem eine Politik der Ablenkung, indem die FPÖ bewusst Themen spiele, die eigentlich sekundär seien. Häufiger Aufhänger: Migranten. Klenk nannte zwei Beispiele für diese Ablenkungsstrategie: Die von einem FPÖ-Politiker losgetretene Diskussionen, ob in Tierheimen zu viele Hunde aus dem Ausland aufgenommen würden oder ob muslimische Erntehelfer auch Schweinefleisch essen sollten, seien in Österreich breit diskutiert worden.


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