Bernhard Pörksen, Foto (c)Peter-Andreas Hassiepen

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. In seinem neuen Buch „Die große Gereiztheit“ kommt er zu dem Ergebnis, dass sich westliche Gesellschaften in Empörungsdemokratien verwandeln. „Alle“ seien ständig empört und könnten dank sozialer Netzwerke ihren Unmut auch kommunizieren. Für Pörksen ein zweischneidiges Schwert: Aus Empörung könne wie bei #MeToo eine „Gesellschaftsveränderung“ eintreten, häufig führe sie aber auch zu einem „sinnlosen Erregungsspektakel“. 

Im Interview mit dem „PR-Journal“ erklärt Pörksen, warum viele PR-Profis unter dem schlechten Zustand des Journalismus leiden und öffentliche Empörung an Durchschlagskraft verliert und weshalb Kommunikationsethik in Zeiten von Social Media zur Allgemeinbildung zählen sollte.

PR-Journal: Herr Professor Pörksen, in Ihrem neuen Buch „Die große Gereiztheit“ konstatieren Sie, dass sich westliche Gesellschaften von Medien- in Empörungsdemokratien verwandeln. Wer ist empört? Warum?

Bernhard Pörksen: Im Zweifel – das meint der Ausdruck Empörungsdemokratie – sind alle empört und können diese Empörung auch öffentlich machen. Der Grund ist, dass sich jeder zuschalten kann und seine eigenen Ideen und Themen in die Erregungskreisläufe des digitalen Zeitalters einzuspeisen vermag. Eigentlich ist das eine grandios gute Nachricht – eine Öffnung des kommunikativen Raumes, ein Zugewinn an Freiheit, der jedoch nicht mit dem nötigen Zuwachs an publizistischer Verantwortung einhergeht. Und genau das ist das Problem.

PR-Journal: Neben dem Boulevard scheinen auch Journalisten von Qualitätsmedien sich in einem konstanten Empörungszustand zu befinden. Äußerungen des designierten Bundesgesundheitsministers zu Hartz IV lösen genauso einen Aufschrei aus wie jeder Tweet von Donald Trump, drohende Diesel-Fahrverbote und alles mit Bezug zur Flüchtlingsthematik. Wem hilft diese Dauererregung?

Pörksen: Das scheint mir eine fast rhetorische Frage. Daueraufregung ohne Relevanz hilft niemanden wirklich. Aber Empörung hat durchaus ein Doppelgesicht – sie kann zum sinnlosen Erregungsspektakel ausarten – und das passiert oft. Aber sie kann auch im Sinne einer letztlich positiven Gesellschaftsveränderung wirken. Denken Sie nur an die #MeToo-Debatte. Sie hat das viel zu lange verdrängte Thema sexualisierter Gewalt auf die Agenda gesetzt, und zwar im globalen Maßstab.

Systemisch bedingte Wahrheitskrise

PR-Journal: Nach der Brexit-Entscheidung und der US-Wahl sowie aufgrund der zu-nehmenden Verbreitung von Fake News haben zahlreiche Medien angekündigt, Fakten dezidierter zu checken, Genauigkeit vor Schnelligkeit zu stellen und Recherchewege offenzulegen. Inwieweit ist das aus Ihrer Sicht passiert?

Pörksen: Mein Befund ist gleich aus mehreren Gründen zwiespältig. Natürlich, es gibt eine neue Sensibilität für die Gefahr der Desinformation bei den Qualitätsmedien. Und es stimmt: Klassische Nachrichtenanbieter und ehrenamtliche Kräfte haben sich verstärkt um das Fact-Checking verdient gemacht.

Aber das Problem ist, dass die gegenwärtig erlebbare Wahrheitskrise systemisch bedingt ist und von einem Zusammenspiel von drei Faktoren verursacht wird. Sie ergibt sich zum einen aus den Möglichkeiten der Medientechnologie, die die Manipulation erlauben; Sie resultiert zum anderen aus der Organisation des digitalen Informationsmarkes, auf dem man mit Dreck und Fälschungen leicht Geld verdienen kann. Und sie ist drittens ein Resultat der allgemeinen menschlichen Bestätigungssehnsucht, der die Netzöffentlichkeit sehr weit entgegenkommt: Jeder kann hier ohne weitere Hürde in sein eigenes Selbstbestätigungsmilieu eintauchen. Eben deshalb gibt es keine einfachen Lösungen.

PR-Journal: Hat Journalismus im Internet und in den Social Media ohne Zuspitzung, Provokation und einem Maximum an „Spin“ überhaupt eine Chance? Durch Zuspitzung geht auch immer ein Stück Wahrheit verloren.

Pörksen: Das ist ein interessanter Punkt. Aber als Bildungsidealist glaube ich doch an den Zwischenweg und die Chance einer komplexitätserhaltenden Komplexitätsreduktion. Die Arbeit der verantwortungsvollen, gerade noch legitimen Zuspitzung muss allerdings gelernt werden. Und Sie haben Recht: Wir erleben jeden Tag, wie sinnlose Click-Hascherei den Anspruch an Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit unterminiert.

Verletzung von Moral kein nachhaltiges Geschäftsmodell

PR-Journal: Sie nennen im Kapitel „Reputationskrise“ das Beispiel eines Mannes, der nach jahrelanger Online-Diffamierung Suizid begeht. Auf Unternehmensseite lässt sich trotz angeknackster Reputation gut Geschäfte machen – siehe Automobil-, Banken- und Lebensmittelindustrie. Dient die öffentliche und mediale Empörung nicht eigentlich dazu, fehlende Moral zu überlagern?

Pörksen: Nein! Aber wir erleben gerade unter den Bedingungen einer von Nervosität, Polarisierung und raschen Themenwechseln geprägten Aufmerksamkeitsökonomie, dass öffentliche Empörung an Durchschlagkraft verliert.

Und doch, ganz kühl und grundsätzlich gesprochen, ist die Verletzung von moralischen Standards kein Geschäftsmodell von Dauer, auch weil die Moralkommunikation durchaus an Intensität gewinnt. Ich würde daher sagen: Unternehmerische Integrität ist nachhaltige Intelligenz. Wer betrügt, fliegt gerade unter den Transparenzbedingungen des digitalen Zeitalters irgendwann auf und ist angreifbar wie nie. Denn die gerade noch passiven Konsumenten sind längst zur neuen Medienmacht geworden.

PR-Journal: Mit Blick auf die professionelle Kommunikation von Unternehmen und Politik – inwieweit halten Sie es für ein Problem, dass sich das Verhältnis von PR-Experten und Lobbyisten gegenüber Journalisten zugunsten der PR verschiebt? Was resultiert daraus?

Pörksen: Im Extremfall resultiert aus dieser Machtverschiebung im Verbund mit den Refinanzierungsproblemen der Qualitätspublizistik eine Verschärfung der Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus. Dieser wird anfälliger für den PR-Spin; Journalistinnen und Journalisten lassen sich schon aus Gründen der Zeitersparnis und um ohnehin knapper werdende Ressourcen zu schonen zur Übernahme von PR-Statements verleiten. Viele gestandene PR-Profis leiden längst unter dem Zustand des Journalismus. Dies auch deshalb, weil sie merken, dass seine Schwächung die Öffentlichkeit und damit den Effekt glaubwürdiger oder einfach gut gemachter Kommunikationsleistungen insgesamt ruiniert.

PR-Journal: Welche Schritte sind notwendig, um öffentliche Debatten und die mediale Berichterstattung zu versachlichen?

Pörksen: Die Bildungsutopie einer redaktionellen Gesellschaft, die ich in meinem Buch entfalte, basiert auf zwei Überlegungen. Zum einen sollte in einer Zeit, in der jeder zum Sender geworden ist, auch jeder lernen, als sein eigener Redakteur zu handeln.

Zum anderen behaupte ich, dass in den Maximen und Prinzipien des guten Journalismus – Wahrheitsorientierung, Skepsis, Quellenprüfung, das Bemühen um Proportionalität und Relevanz – eine Kommunikationsethik enthalten ist, die heute jeden angeht. Sie sollte in den Schulen gelehrt werden und so zu einem Element der Allgemeinbildung werden. Wir müssen medienmündig werden, weil wir längst medienmächtig geworden sind. Darum geht es.

Grosse Gereiztheit CoverBernhard Pörksen: „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung.“ Carl Hanser Verlag, 256 Seiten. ISBN 978-3-446-25844-0; ePUB-Format: ISBN 978-3-446-25956-0. 

Terrorwarnungen, Gerüchte, Fake News, Spektakel und Skandale in Echtzeit – Professor Bernhard Pörksen analysiert in seinem Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ den kommunikativen Klimawandel. Er entwickelt eine Ethik auf dem Weg zur Medienmündigkeit. Zahlreiche Beispiele von aktueller Berichterstattung und aus den sozialen Netzwerken zeigen, wo Medien, Demokratie und Gesellschaft im Jahr 2018 stehen.


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