Die Welt durchlebt eine Phase tiefer Verunsicherung. Das zeigen die Daten des Edelman Trust Barometers 2018. Wesentliche Faktoren für die globale Vertrauenskrise: Fake News und die verzweifelte Suche nach echten Informationen. Ein Grund: Das Versagen der Medien, die diese Orientierung nicht geben. Das Resultat - vor allem in Deutschland: ein weitgehender Verzicht auf Medienkonsum. Edelman.ergo gab am 23. Januar die Ergebnisse des Trust Barometers für Deutschland bekannt. Die USA sind die Verlierer des Jahres, Deutschland kann sich nur bedingt freuen.

China gewinnt, USA verlieren drastisch

Wenn China an der Spitze des Trust Index steht, mit einem Vertrauen der allgemeinen Bevölkerung in Höhe von 74 Prozent, dann sollte das den demokratischen Staaten zu denken geben. In nur noch vier der 28 untersuchten Länder (33.000 Befragungsteilnehmer) liegt das Vertrauen der Menschen auf einem hohen Niveau. Konkret sind das neben China, Indonesien, Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Westliche Staaten befinden sich bis auf die Niederlande im „Bereich des Nichtvertrauens“. Deutschland steht mit immerhin 43 Prozent besser da als im letzten Jahr (plus fünf Prozent), die USA hingegen verloren 14 Prozent und befinden sich jetzt mit 33 Prozent im unteren Mittelfeld.

Ein Tsunami an Desinformation?

Von einem Vertrauens-Tsunami spricht Richard Edelman, einer Welle der Desinformation, die Wahrheit würde auf der Strecke bleiben. „Aus der Vertrauenskrise, die sich bereits aus den Ergebnissen des vergangenen Jahres ablesen ließ, ist ein Ringen um die Wahrheit geworden“, sagt Susanne Marell, CEO Edelman.ergo. Erstmalig sind auf globaler Ebene die Medien die Institution, der die Menschen am wenigsten vertrauen.

Allerdings zählt Edelman zu den „Medien“ sehr unterschiedliche Informationsquellen: Klassische Medien, aber auch „Plattformen“ wie Social Media, Newsaggregatoren, Suchmaschinen. Weltweit an Vertrauen verloren haben „Peers“, also „Menschen wie Du und ich“, und deren Plattformen, so die sozialen Netzwerke. Die klassischen Medien hingegen haben zum Teil deutlich an Vertrauen gewinnen können. Grund zur Freude haben sie dennoch kaum, vor allem nicht in Deutschland.

Deutsche sind die größten Medienmuffel

Denn gerade für die Deutschen gilt: Statt Fake News gibt es Null News, eine Verweigerung der medialen Nahrungsaufnahme. Und sollten sie dann doch einmal eine News zur Kenntnis nehmen, dann ist keineswegs gesichert, ob sie diese auch richtig einordnen können. So haben 61 Prozent der befragten Deutschen Angst vor Fake News. 54 Prozent der Menschen können allerdings laut des Barometers nicht mehr Journalismus von Gerüchten unterscheiden. 55 Prozent fällt es schwer, zu beurteilen, ob die Nachricht von einer respektablen Nachrichtenorganisation kommt. Und: 61 Prozent können nicht mehr unterscheiden, was wahr und was falsch ist.

Medienabstinenz als Reaktion auf Verunsicherung?

In einer solchen Situation scheint für viele Menschen Abstinenz das Rezept der Wahl zu sein: 67 Prozent (global 50 Prozent) der Befragten gaben an, dass sie weniger als einmal pro Woche Nachrichten lesen, hören oder sehen. Nur 15 Prozent (global 25 Prozent) beschäftigen sich mehrmals pro Woche mit dem Weltgeschehen. Auch Fake News kommen somit bei vielen Menschen nicht mehr an.

Fake News und die Plattformen sind nur ein Problem

Der Verweis auf Fake News und die „sozialen Netzwerke“ als Hauptübel, wie ihn die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) zum Trust Barometer tätigt, trifft damit nicht ganz. Die Medien sind in der Pflicht – und diese ist alles andere als leicht. „Der Schutz einer hohen Informationsqualität ist zur wichtigsten Aufgabe der Medien geworden“, sagt Susanne Marell.

Auf den ersten Blick positiv: In Deutschland ist die Lücke zwischen dem Vertrauen in den klassischen Journalismus und in Plattformen aller Art besonders groß: 61 zu 40 Prozent (global 59 zu 41 Prozent). In 21 der untersuchten Länder sank das Vertrauen in die Plattformen, in Deutschland um drei Prozent. Das Vertrauen in die Journalisten als „Stimme der Autorität“ hat im Land deutlich zugenommen: um 19 Prozent auf 45 Prozent, das in die klassischen Medien um zehn auf nunmehr 61 Prozent.

Auch Experten sind zunehmend gefragt. Entgegen dem allgemeinen Trend sind in Deutschland „Menschen wie Du und ich“ mit 67 Prozent immer noch als höchste Autorität geschätzt, sie haben sogar um zwei Prozent zugelegt.

Facebook-Bashing greift zu kurz

Der Stolperstein für die Medien: In Deutschland sind 46 Prozent (66 Prozent global) der Befragten der Meinung, dass Nachrichtenorganisationen mehr an einer großen Reichweite interessiert sind, als an faktischen Informationen. Für 47 Prozent (global 59 Prozent) haben diese zudem eine politische Agenda und informieren nicht neutral.

Trump Bashing und Facebook-Schelte mögen in diesen Zusammenhang die Journalistenseele beruhigen, sind aber nur das Pfeifen in einem Wald, in dem sich die Medien zunehmend allein vorfinden.

Das PR-Journal hat mit Susanne Marell, CEO Edelman.ergo, ein ausführliches Interview zu den wichtigsten Aussagen des Trust Barometers geführt und wird dieses in einigen Tagen veröffentlichen.


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