Wuehle Eberhard privatDer Umgang in der PR-Branche mit gendergerechter Sprache ist uneinheitlich. Den jüngsten Beleg lieferte „PR-Journal“-Autor Manfred Piwinger in einem Beitrag vom 16. Oktober 2020. Während sich immer mehr Institutionen um einen gendergerechten Sprachgebrauch bemühten, gebe es in der Finanzberichterstattung der DAX-Unternehmen einen gegenläufigen Trend, hatte Piwinger festgestellt. Er hatte sich die Geschäftsberichte des Jahres 2019 angesehen und kam zu dem überraschenden Ergebnis: „Im Vergleich zu den Vorjahren ist tendenziell eine Abkehr von Doppelbenennungen erkennbar.“ Dazu verfasste Eberhard Wühle (Foto), u. a. langjähriger PR-Chef bei Wolff Walsrode und Dow Chemical sowie DPRG- und DJV-Mitglied zu einem Leserbrief. Seine Meinung: „Die ‚Krankheit‘ der mangelnden Umsetzung der Gleichstellung lässt sich damit (mit einer gendergerechten Sprache; Anmerkung der Redaktion) nicht kurieren, weil sie etliche andere, einflussreichere Ursachen hat.“

Leserbrief von Eberhard Wühle vom 20. Oktober 2020

„Lieber Kollege Dillmann,

man kann noch so viele Untersuchungen anstellen, welchen negativen Einfluss eine nicht-gendergerechte Sprache für die Gleichstellung habe oder haben könnte. Sie alle werden an der gewünschten Gleichstellung wenig ändern, weil gendergerechte Sprache mehr oder minder eine Symptom-Therapie ist. Die Krankheit der mangelnden Umsetzung der Gleichstellung lässt sich damit nicht kurieren, weil sie etliche andere, einflussreichere Ursachen hat.

Auch wird eine Genderkonzeption allein von „oben“ bei den Aufsichtsräten stets subsidiär bleiben, wenn nicht zugleich „von unten“ die (weibliche) Basis quantitativ und qualitativ gestärkt wird, vom Kindergarten bis zum Studienabschluss, vom 1. Lehrjahr bis zur Werkstatt- oder Betriebsleitung. Warum sind wir in unserer PR-Profession vergleichsweise so gender-fortschrittlich: u.a. deshalb, weil sich schon vor Urzeiten sehr viele Frauen für einen Berufseinstieg bei uns entschieden haben und Freude an – sowie Erfolg mit – ihrer Arbeit hatten. Wie ihre männlichen Kollegen haben sie sich dem internen Wettbewerb gestellt, und das oft mit bestem Erfolg.

Ob wir als Gesellschaft mehr Frauen in die Verantwortung, sprich Leitungs- oder Multiplikations-Funktionen bekommen, wird zu allerletzt davon abhängen, ob wir von Kolleg(Schluck)innen, Wissenschaftler(Schluck)innen, Gewerkschafter(Schluck)innen oder Referent(Schluck)innen sprechen.

Damit ich in meinen Texten niemanden außen vor lasse, schreibe ich völlig traditionell „liebe Kollegen“ oder „liebe Freunde“ oder „sehr geehrte Mitglieder“, manchmal auch „sehr geehrte Spektabilitäten“– und füge meist jeweils (m/w/d) hinzu, dann mag sich jeder nehmen, was ihm passt. Wer die Gendersternchen oder -striche vermisst, wird mit diesem Defizit leben und kann sich auf den Inhalt nach der Überschrift konzentrieren.

Im Übrigen finde ich das Themenheft des Sprachdienstes, Heft 1-2/2020 der Gesellschaft für deutsche Sprache, Wiesbaden, lesenswert. Hier wird recht differenziert der Standpunkt der GfdS dargelegt und mit Empfehlungen begründet.

Herzliche Grüße vom Ufer des Essener Baldeneysees
Ihr Eberhard Wühle“


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