Agile Denkpause Die Sache mit der Wut

Es ist zum Kotzen, checkt Ihr es immer noch nicht? Wir werden belogen, gegängelt, manipuliert!
Wut ist ein Erfolgsfaktor im Netz. „Wer emotionalisiert, kriegt Likes, Kommentare und Shares“, erklärte Ingrid Brodnig, eine österreichische Journalistin und Autorin, auf der diesjährigen re:publica. Ihr Vortrag klingt nach: Laut einer Studie ernten hasserfüllte Beiträge fünfmal so viele Reaktionen wie sachlich vorgetragene. Negative Emotionen verbreiten sich zudem schneller viral, oft explosionsartig. Ein profitables Geschäft – die Einnahmen für Online-Ads steigen mit den Clickraten.

(Foto: John Tyson via Unsplash)

Den Preis dafür bezahlen wir als Gesellschaft: Die Menschen tragen die Wut weiter, gerne auch ohne valide Faktenbasis. Eines von Brodnigs Beispielen: „Nur noch eine Wurst pro Monat für jeden“, titelte „Bild“ Ende Mai. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) wolle „eine neue Höchstgrenze von gerade einmal zehn Gramm Fleisch pro Tag“, hieß es weiter. Ein Beitrag, der durch die Decke ging.

Was steckte dahinter? Nichts Haltbares: Die DGE hat Ihre Ernährungsempfehlung, die sie bereits seit Jahrzehnten veröffentlicht, bis heute nicht aktualisiert. Kommuniziert hatte sie lediglich, dass in Zukunft nicht nur Gesundheitsaspekte, sondern auch Umwelt- und Klimaaspekte berücksichtigt werden. Der Rest ist Fantasie. Dennoch witterte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder prompt seine Chance und twitterte: „Warum soll immer alles verboten werden? Was die Menschen essen, sollen sie selber bestimmen. Wir leben in einer Demokratie.“ Seither postet Söder auf Instagram regelmäßig pralle Wurstplatten – seine letzte erntete Im Oktober knapp 16.000 Likes.

Dieser Mechanismus findet täglich statt: Eine überhöhte News plus Hetze - und ab geht die emotional-virale Rakete. Nicht nur die Medien sind hasserfüllter geworden, der Zorn ist überall wahrnehmbar. Unzählige Narrative des Negativen durchdringen unsere Gesellschaft. Und immer stärker auch Unternehmen. „Transformation? Kostet nur Arbeitsplätze; die da oben wollen uns wegrationalisieren. Schiere Profitgier“, sind raue Töne, die man gern von denen hört, über deren Köpfe Wandel stattfindet. Mitarbeitende, die von der Unternehmenskommunikation oft nicht gesehen werden. Als gäbe es sie nicht. Dabei haben sie mit ihrer Wut eine erhebliche Macht im Unternehmen; sie können die Stimmung zum Kippen bringen und die Transformation massiv blockieren.

Was tun? „Gerade in der stark emotionalen, digitalen Debatte müssen wir über einen strategischen Umgang mit Wut nachdenken“, so Brodnig mit Bezug auf das Internet. Auch in Unternehmen ist es wichtig, der Emotionen Herr zu werden. Wie? Indem wir uns mit ihnen beschäftigen. Zunächst müssen Kommunikationsabteilungen lernen, die Stimmen aus den eigenen Reihen überhaupt zu hören. Die interne Kommunikation unterscheidet viel zu selten zwischen unterschiedlichen Dialoggruppen. Schwer lassen sich alle über einen Kamm scheren: Jemand im Controlling tickt anders als jemand in Marketing, Facility-Management, Administration, Produktion etc. Wir müssen lernen, ein Gefühl für sie zu bekommen und negative Strömungen schneller abzufangen: Was bewegt die Menschen? Wovor haben sie Angst? Wie können wir ihre Angst in Zuversicht umlenken? Fragen, die nicht pauschal zu beantworten sind – aber in Angriff genommen werden müssen.

Über die Autorin: Kathrin Behrens ist Partnerin bei elfvorzwölf, einer Boutique-Beratung für Transformation und Kommunikation für den Mittelstand. Sie unterstützt Unternehmen im Wandel dabei, eine wirkungsvolle Change-Strategie und -Story zu entwickeln. Als Trainerin vermittelt sie Kernkompetenzen der Kommunikation und Strategien für Profis.

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