Nomos Nachrichtenwerttheorie 2Die von Donald Trump entfachte Fake-News-Debatte hat weltweit Zweifel an der professionellen Nachrichten-Selektion bewirkt. Welche sind aber genau die Regeln, nach denen Nachrichten-Macher diejenigen News auswählen, die das Publikum zu lesen und zu hören bekommt?

Offensichtlich reichen die Zweifel an einer professionellen Nachrichtenversorgung inzwischen weit über extreme politische Lager auf der rechten oder linken Seite hinaus. Das scheint in weiten Teilen mit Unkenntnis des Publikums zu tun zu haben, nach welchen professionellen Regeln Nachrichten in etablierten Medien ausgewählt und bearbeitet werden.

Dabei ist es ja gerade die deutsche Forschung, die dieses Thema zu den besonders intensiv untersuchten Bereichen in der Kommunikations- und Medienlandschaft zählt. Es ist darum genau die richtige Zeit, dass Michaela Maier, Professorin für Angewandte Kommunikationspsychologie an der Universität Koblenz-Landau, mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die zweite, aktualisierte Fassung des Bandes „Nachrichtenwerte“ auflegt. Auch dieses Mal erscheint das Paperback in der Studienreihe „Konzepte – Ansätze der Medien- und Kommunikationswissenschaft“ im NOMOS-Verlag.

Nachrichtenauswahl verstehen

Die Kommunikationswissenschaft hat verschiedene Modelle und Konzepte vorgelegt, um die Nachrichtenauswahl des Journalismus zu erklären. Nachrichtenfaktoren sind die Merkmale, die in den E.reignissen selber liegen. Je mehr davon ein Ereignis aufweist, umso höher ist sein Nachrichtenwert. Je höherer der Nachrichtenwert, desto sicherer ist seine Repräsentation in Nachrichtenmedien. Andere Ansätze der Forschung versuchen die Erklärung eher über die Einstellungen und Merkmale der handelnden Akteure sowie ihre Arbeitsroutinen und ihr Umfeld (Medieninstitutionen und – Unternehmen etc.) zu erklären.

Die wichtigsten Ansätze der Forschung werden in dem Buch vorgestellt. Der prominenteste Beitrag stammt von den Skandinaviern Galtung und Ruge. Sie haben 12 Nachrichtenfaktoren erarbeitet, die seitdem Grundlage für vielfache Anschluss-Forschung geworden sind: Dauer des Ereignisses/Übereinstimmung mit Periodizität des Mediums (frequency), Schwellenfaktor (threshold), Eindeutigkeit (unambiguity), Bedeutsamkeit (meaningfulness), Konsonanz (consonance), Überraschung (unexpectedness), Kontinuität (continuity), Variation (composition), Betroffenheit von Elitenationen (reference to elite nations), Betroffenheit von Elitepersonen (reference to elite persons), Personalisierung (reference to persons), Negativismus (reference to something negative).

Die ersten acht Faktoren galten für die norwegischen Forscher weltweit, die letzten vier als gebunden an jeweilige regionale, nationale oder kontinentale Kulturen. So ist dies gemeint: eine Nachricht, die eine Elitenation (z.B. Frankreich) in großer kultureller, politischer, historischer und regionaler Nähe betrifft, wird von einem deutschen Journalisten eher ausgewählt.

So beeindruckend und klar dieser Ansatz war, die Forschung ist weiter gegangen und hat weitere Nachrichtenfaktoren erarbeitet. Manche Forscher nennen 19, andere 22. Namhaft geworden sind in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die Arbeiten der deutschen Forscher Winfried Schulz und neuerdings von Georg Ruhrmann und Christiane Eilders und andere. Alle diese Forschungen werden inhaltlich und methodisch sehr detailliert und nachvollziehbar dargestellt. Auch die diversen Versuche, die verschiedenen Nachrichtenfaktoren übergreifenden Faktoren zu bündeln, werden skizziert.

Wie immer in dieser Studienbuchreihe, wendet man sich mit besonderer Spannung dem Kapitel zu, in dem Grenzen der bisherigen Forschung kritisch analysiert und Anschlussfragen für die kommende Forschungsagenda formuliert werden.

Lässt sich ein Thema visualisieren?

Als Forschungsdesiderat wird vor allem die Bild-Ebene deutlich. Wie sehr spielt es für Journalisten eine Rolle, dass das jeweilige Thema überhaupt visualisierbar ist?

Ein weiteres Forschungsdesiderat wird nur eher kurz angesprochen, dabei ist es in der Realität eine erhebliche offene Flanke. Es ist doch ganz offensichtlich, dass die Nachrichten-Rezeption vor allem des jüngeren Publikums sich in einem dramatischen Wandel befindet. Diese läuft nämlich zunehmend über das Netz und dort über verschiedene Plattformen und Algorithmen. Ob also die Nachrichtenauswahl neuer und traditioneller Medien sich in den nächsten zehn Jahren noch in den Bahnen der hier vorgelegten Forschungsergebnisse abspielen wird, das bedarf noch weiterer, zeitnaher Anschluss-Forschungen.

Was bleibt von diesem Buch: Journalistische Nachrichtenauswahl ist weder Zauber- noch Hexenwerk. Auch zieht kein unsichtbarer Regisseur irgendwelche interessengeleiteten Strippen. Die Nachrichtenauswahl folgt nachvollziehbaren, fast objektiven Regeln und sie ist gut erklärbar.

Titel: Michaela Maier/Joachim Retzbach/Isabella Glogger/Karin Stengel, Nachrichtenwerttheorie, NOMOS, 2. Auflage 2018, € 21,90. ISBN 9783848742349

Kiefer Markus Prof FOM kleinÜber den Autor der Rezension: Markus Kiefer (60, Foto) ist Professor an der FOM - Hochschule für Oekonomie und Management. Dort lehrt er BWL, mit dem Schwerpunkt der Unternehmens- und Wirtschaftskommunikation. Darüber hinaus arbeitet er in Seminaren, Vortragsveranstaltungen und Workshops für Weiterbildungs-Akademien der Wirtschaft. Er berät Unternehmen in Fragen der Kommunikationsstrategie, der PR, Mitarbeiterkommunikation, Social Media und Krisenkommunikation. Im Recito Verlag, Essen, ist im Sommer 2018 sein neues Buch „Unternehmenskommunikation - Erfolgreiche Kommunikationskonzepte aus Wissenschaft und Praxis“ erschienen. Markus Kiefer richtet sich darin an Praktiker, die über den Tellerrand hinaus denken. Ein Buch für Kommunikatoren der Zukunft.


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