ECC 2017 Teilnehmer AuschnittDer erste internationale PR-Kongress, der sich gezielt mit den Themen Lügen und Fake News beschäftigte, fand am 22. und 23. März im Münchener Schloss Nymphenburg statt - unmittelbar vor der Verleihung des internationalen deutschen PR-Preises der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG). PR-Profis aus verschiedenen Ländern Europas diskutierten zwei Tage lang über das Phänomen der Lüge: die Wahl des US-Präsidenten Donald Trump, dessen erste Amtswochen, die Brexit-Kampagne und das diktatorhafte Auftreten des türkischen Präsidenten Erdogan boten genügend Gesprächsstoff. Wie schon bei den vorangegangenen Veranstaltungen waren die Teilnehmer angetan von Programm, Referenten, Location und von den zahlreichen Möglichkeiten des Networking und wollen beim nächsten Mal wieder mit dabei sein. Die Veranstaltung hätte mehr Zuschauer verdient gehabt.
Foto: Die Organisatoren Christina Kahlert und Thomas Achelis (Mitte) mit einigen Teilnehmern.

Der zweifelhafte Erfolg der Lüge

Wenn Lügen im Prinzip auch so alt wie die Menschheit sind, so hat die derzeitige Flut von Falschmeldungen allerdings eine neue Qualität erreicht, nicht zuletzt durch die weiter entwickelten Kommunikationstechniken. Man muss kein Experte sein, um zu prognostizieren, dass auch in den bevorstehenden Wahlkämpfen in Frankreich und Deutschland alle Tricks zum Einsatz kommen und Glaubwürdigkeit sowie Wahrhaftigkeit, die wesentlichen Eckpfeiler des PR-Berufs, auf der Strecke bleiben. Stattdessen scheint zu gelten: Wer nur oft genug lügt, der hat Erfolg damit, denn fast immer bleibt irgendetwas davon hängen.

Nach einer generellen Einführung und dem Dank an Sponsoren und Medienpartner durch die Co-Organisatorin Christina Kahlert, zugleich Vorstandsmitglied der DPRG, befasste sich Jean-Pierre Beaudoin, der „Doyen“ der französischen PR, mit der Meinungs-Generation. Er erläuterte, dass es nicht der Wechsel (Change) sei, der Probleme bereite, sondern die Anpassung, bei der die Kommunikation eine entscheidende Rolle spielt.

Spannend auch der Vortrag von Michael T. Schröder dem Präsidenten von IPREX, der sich Gedanken darüber machte, wie Kommunikation eigentlich wirklich funktioniert. Matthew Thomson, Managing Director von TheNewsMarket zeigte, wie audiovisuelle Medien mit Fake News umgehen, während Ioannis Zografos, der verantwortliche TV-Redakteur der European Peoples Party in Brüssel, darauf einging, wie man Fake News in der politischen Kommunikation aufspürt.

Cyber-Sicherheit und Cyber-Kriminalität

Im Anschluss an die erste Vortrags-Session hatten die Teilnehmer Gelegenheit, sich in Arbeitsgruppen mit virtuellen Krisensituationen zu befassen oder Cyber-Angriffe zu bekämpfen. Der Nachmittag des ersten Konferenztages war dann ganz den Themen Cyber-Kriminalität und Cyber-Sicherheit gewidmet. Gabi Dreo Rodosec von der Bundeswehr-Universität in München und John Adams, Cyber-Spezialist aus Chicago, prognostizierten einen dramatischen Anstieg solcher Angriffe, zeigten aber auch, wie man sich dagegen wehren und die Gefahr verringern kann.

Das Abendessen, eine Küchenparty im Haus der Bayerischen Wirtschaft, war ganz im Sinne von Kommunikation konzipiert. Hier konnte jeder mit jedem ins Gespräch kommen, neue Kontakte knüpfen oder sich fachlich austauschen.

65 Millionen Flüchtlinge

Am Vormittag des zweiten Tages ging es zunächst um die Situation der Flüchtlinge weltweit, eines der zentralen Themen der jüngsten Wahlkämpfe. Adrian Edwards, Sprecher der Weltflüchtlingsorganisation UNHCR, konnte von erschreckenden Zahlen berichten: 65,3 Millionen Menschen befinden sich momentan auf der Flucht. Darüber zu kommunizieren sei ein schwieriges Unterfangen, weil das Thema mit Gerüchten besetzt ist und weil viele überzeugt seien, dass ihre Fakten die einzig richtigen sind. Wer würde glauben, dass durchschnittlich im Jahr zwei Amerikaner von islamistischen Dschihadisten getötet werden, aber mehr als 11.000 von anderen Amerikanern.

Anschließend ging es um den Brexit und was er für die Kommunikation bedeutet. Christophe Fricker, Managing Partner von Nimirum, lebt in Großbritannien und gab seine Sicht der Entwicklung als Ausländer wider. Dabei fällt auf, dass die Befürworter mit abenteuerlichen Lügen und Fehlinformationen gearbeitet haben und letztlich damit erfolgreich waren. Der CEO des britischen Instituts CIPR, Alastair McCapra, sowie CIPR-Präsident Jason MacKenzie zogen ihre durchaus unterschiedlichen Schlüsse aus der Entscheidung des britischen Volkes.

Den Schlusspunkt setzte der britische Journalist und Medienprofi Rob Beynon, CEO von DMA Media aus London, der Fake News aus der Sicht von Newsrooms betrachtete.

Je professioneller die PR und je professioneller Journalismus betrieben werden, desto eher scheuen sich allerdings die Protagonisten, Unwahrheiten zu verbreiten, weil sie selbst, ihre Firma oder Agentur, aber auch ihr Verleger zur Verantwortung gezogen werden können. Deshalb blühen die Lügen- und Fake-News-Konstrukte in den Social Media in besonderer Weise. Hier gibt es in der Regel keine Verleger. Es ist zwar - da waren sich Referenten und Teilnehmer einig - äußerst schwierig, eine „gut erzählte“ Lüge als solche zu identifizieren, aber dank moderner Techniken ist es in vielen Fällen doch möglich, Wahrheit von Lügen zu trennen. So berichtete Stefan Primbs vom Bayerischen Rundfunk, wie sein Haus im Auftrag der ARD als erster öffentlich-rechtlicher Sender im Kampf gegen gefälschte Nachrichten richtig aufgerüstet. Das brandneue „BR-Verifikation“-Team hat die Aufgabe, der bewussten Desinformation mit Faktenchecks und ausgeklügelter Software entgegen zu wirken.

Fazit

Die ECC 2017 war eine beachtliche Veranstaltung, die sich in Vorträgen, Präsentationen und mehreren Podiumsdiskussionen mit wichtigen Themen der internationalen PR-Branche befasste. Sie bot viele Möglichkeiten, mit Kollegen aus anderen Ländern ins Gespräch zu kommen. Doch machten davon nur rund 50 Teilnehmer Gebraucht – rund 65 waren angemeldet. Die Anwesenden aber nutzen die Tagung. So gründeten PR-Leute aus Kroatien, Serbien, UK, Belgien und Deutschland während der ECC'17 ein neues Netzwerk inhabergeführter PR-Agenturen. Außerdem konnte Christina Kahlert, als für internationale Verbindungen zuständiges Vorstandsmitglied der DPRG verschiedene neue Kooperationen anbahnen, so mit den Verbänden in Bulgarien, Ungarn, Kroatien und Serbien.


Wir haben die Kommentarfunktion wegen zu vieler Spam-Kommentare abgeschaltet. Sie können uns aber trotzdem Ihre Meinung zu diesem Artikel als Leserbrief direkt zusenden. Falls Sie wünschen, dass wir Ihren Leserbrief als Kommentar dem Artikel hinzufügen, vermerken Sie dies bitte in der Mail an uns.
leserbrief@pr-journal.de


Heute NEU im PR-Journal