Rezensionen Buchvorstellung: „Wertschätzung unterlegt erst Wertschöpfung“

Die Wertschöpfungskette stellt laut dem Gabler Wirtschaftslexikon die zusammenhängenden Unternehmensaktivitäten des betrieblichen Gütererstellungsprozesses dar. Dieser Wertschöpfungskette stellt der frühere Bereichsvorstand für die Konzernkommunikation der Commerzbank, Sven Korndörffer, die Wertschätzungskette gegenüber. In seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel will er die Frage beantworten, warum wir uns Chefs ohne Empathie nicht leisten können.

Das Buch von Sven Korndörffer (© +Daniel) erscheint am 1. Februar. Das PR-JOURNAL stellt den Titel im Gespräch mit dem Autor vor.

Sven Korndörffer war bis November 2023 bei der Commerzbank für die Bereiche Corporate Communications, Public Affairs, Brand and Research sowie die Commerzbank Stiftung verantwortlich. Im PR-JOURNAL hieß es damals, Korndörffer habe die Bank auf eigenen Wunsch verlassen und werde sich nach fast drei Jahrzehnten im Banking nun außerhalb der Branche einer neuen beruflichen Herausforderung stellen.

Das hat Korndörffer getan und die Zeit genutzt, um sich in seinem Buch mit Führungsfragen zu beschäftigen. Auf 288 Seiten analysiert er in zehn Kapiteln unterschiedliche Führungsstile und fordert am Ende: „Führungskräfte müssen in erster Linie Mensch sein – und erst in zweiter Linie Manager.“ Mit dem Thema ist der Autor seit vielen Jahren vertraut. Er schrieb sein Buch also nicht nur auf Basis eigener Erfahrungen, sondern mit dem Hintergrund seit 2005 Vorsitzender der „Wertekommission – Initiative Werte bewusste Führung in Deutschland“ zu sein. Anhand von vielen Beispielen zeigt er, wie sich Werte und Wertschätzung auf der Führungsebene bei den Mitarbeitenden spiegeln.

Das alles ist Grund genug nachzufragen bei Sven Korndörffer, wie es dazu kam, das Buch zu schreiben, welche Botschaft er transportieren möchte, welche Reaktionen er erwartet und was er sich in seinem Inneren davon erhofft.

"Es geht darum, mit welchen Werten Unternehmen geführt werden sollen"

PR-JOURNAL: Herr Korndörffer, etwas zugespitzt gefragt: Haben Sie so viele schlechte Erfahrungen mit ihren Vorgesetzten gemacht, dass der angestaute Frust jetzt einmal raus musste?
Sven Korndörffer: Definitiv nicht (lacht). Das Thema „Wertschätzung“ beschäftigt mich seit Anbeginn meines Berufslebens, und nicht aus Zufall habe ich dann vor inzwischen 19 Jahren die Wertekommission mitgegründet, deren Vorsitzender ich bis heute bin. Hier geht es darum, mit welchen Werten Unternehmen geführt werden sollen. Wertschätzung, man kann auch sagen: gegenseitiger Respekt auf allen Ebenen, ist hier das Konzentrat von allem!

PR-JOURNAL: Ich möchte die Anschlussfrage etwas seriöser formulieren. Im Vorwort verweisen Sie darauf, wie Sie aufgewachsen sind: „Empathische Kommunikation als Grundlage eines wertschätzenden Miteinanders – das war das Fundament des offenen Hauses, in dem ich groß geworden bin. Eine Prägung, die ich immer mehr zu schätzen weiß, je älter ich werde,“ heißt es. Haben Sie dieses wertschätzende Miteinander in den Jahren Ihrer beruflichen Laufbahn seither vermisst?
Korndörffer: Wenn ich auf meinen beruflichen Lebensweg zurückblicke, hatte ich das Glück und die Freude immer hohe Wertschätzung erfahren zu haben. Auch wenn ich persönlich also nicht unbedingt betroffen war, weiß ich aus unzähligen Gesprächen mit einer Vielzahl von Führungskräften und Mitarbeitern aus Unternehmen, quer durch alle Branchen und Größenklassen, dass viele von ihnen unter einem Mangel an Wertschätzung in ihren jeweiligen Organisationen leiden oder diesen zumindest ein Defizit in dieser Hinsicht attestieren. Diese Gespräche haben mich darin bestärkt, Erfahrungsberichte, die mich erreicht haben, und meine Gedanken zum Thema Wertschätzung zu Papier zu bringen. Wertschätzung ist für mich, eng verbunden mit Vertrauen, die Basis jeder gedeihlichen Zusammenarbeit. Wertschätzung unterlegt erst Wertschöpfung! Wertschätzung ist aber auch über die Mauer des Firmengeländes hinweg ein wichtiger gesellschaftspolitischer Kitt; gerade in Zeiten gefühlter gesellschaftlicher Verrohung. Heute schaffen es viele noch nicht einmal mehr einander zuzuhören.

"Jeder von uns möchte Wertschätzung erfahren"

PR-JOURNAL: Warum ist Ihnen das Anliegen einer wertschätzenden Führung so wichtig? Glauben Sie, dass es daran im großen Maßstab mangelt?
Korndörffer: Egal in welcher Situation oder in welchem Job wir uns befinden, reicht eine einfache Frage: Arbeiten wir lieber oder weniger gern, besser oder schlechter, produktiver oder ineffizienter, wenn wir Wertschätzung erfahren? Die Antwort liegt auf der Hand: Wir sind alle besser, wenn wir als Persönlichkeit, als Mitarbeiter und als Mensch gewertschätzt werden. Ich weiß nicht, ob schon mal jemand versucht hat, die volkswirtschaftlichen Effekte eines Mangels an Wertschätzung hochzurechnen. Als Volkswirt würde mich das Ergebnis brennend interessieren...

PR-JOURNAL: Im Buch kritisieren Sie Führungspersönlichkeiten, denen es nicht gelingt, Vertrauen zu den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung herzustellen und darüber hinaus. Sie legen dar, dass fehlendes Vertrauen zu mangelhafter Transparenz führt und somit Führung nicht ihre Orientierungsfunktion erfüllen kann. Ist das Ihrer Auffassung nach die Ursache für mangelhafte Effizienz in Unternehmen und überbordender Bürokratie in Behörden?
Korndörffer: Jeder von uns möchte Wertschätzung erfahren. Ob als CEO oder als Mitarbeiter in der Kantine. Wenn ein Vorstandsmitglied ohne zu grüßen durch das Unternehmen geht, fühlen die Menschen sich nicht gesehen oder an-(erkannt). Wenn ein Geschäftsführer in seiner Leitungsrunde darlegt, dass er niemandem traut, kann man gleich die innere Kündigung einreichen. Verweigertes Vertrauen ist die völlig falsche Incentivierung. Wo es fehlt, sorgt jeder nur noch für sich, nach der Devise: rette sich wer kann!

"Führungskräfte brauchen ein klares Wertegerüst"

PR-JOURNAL: In Kapitel 5 beschäftigen Sie sich ausführlich mit Autorität. Dabei definieren Sie den Begriff so, dass Autorität eine dem Menschen zugewandte Haltung ist, sie zeichnen eigentlich ein neutral positives Bild von einem Begriff, der in Deutschland in Verruf gekommen ist. In diesem Sinne bedauern Sie, dass es heute einen erschreckenden Mangel an Autoritätsfiguren gebe, an Führungskräften, die souverän in der eigenen Autorität ruhen. Haben Sie da konkrete Vorbilder vor Augen, sprich: wen meinen Sie? – Wenn Sie keine Namen nennen wollen, können Sie vielleicht drei Fähigkeiten oder Grundeigenschaften nennen, die solche Personen Ihrer Meinung nach haben sollten.
Korndörffer: An der Spitze braucht es im Idealfall eine Leitfigur mit natürlicher Autorität, der die Menschen im Unternehmen vertrauen und der sie gerne folgen. Eine solche Führungspersönlichkeit ist idealerweise sichtbar, glaubwürdig, kompetent und in ihrem Handeln sowie in ihren Motiven transparent. Also in mancher Hinsicht gerade nicht jener autoritäre Typus des Unternehmenslenkers, der dem empathischen Miteinander im Unternehmen keinen Platz lässt. Machen wir uns aber nichts vor: Dieses Ideal gibt es nicht oder nur höchst selten. Jeder hat Stärken und Schwächen. Es kommt aber im Wesentlichen darauf an, dass Führungskräfte ein klares Wertegerüst haben, welches sie ihr Tun immer wieder hinterfragen lässt. Und: Sie müssen die Stärke haben, ihre fehlenden Kompetenzen durch andere starke Führungskräfte auszugleichen.

PR-JOURNAL: Nach grundlegender Kritik an Führungsstilen und Führungskräften nehmen Sie in den weiteren Kapiteln mehr und mehr auch die Geführten in die Pflicht. Sie fordern Sie auf, mehr Verantwortung zu übernehmen und ermuntern sie zu einer Art „zivilem Ungehorsam“. Steht dahinter die Annahme, dass sich Geführte ihre Führungskräfte ein Stück weit auch formen können?
Korndörffer: Jeder Mitarbeitende sollte in voller Loyalität immer kritische Distanz zum Unternehmen und zu seiner Führungskraft wahren. Und wenn es Themen gibt, die es zu besprechen gilt, dann sollte auf jeden Fall bilateral ein Gespräch erfolgen. Ist sich zudem das Team insgesamt einig, dass beispielsweise die Art der Zusammenarbeit geändert werden sollte, dann sollte dies auch kollektiv angesprochen werden. Wenn ein System, das ein Defizit an empfundener Wertschätzung hervorbringt, jedoch im bilateralen Verhältnis oder insgesamt „stärker“ ist, muss man die Konsequenzen als Mitarbeitender ziehen und letztendlich gehen.

Positive Resonanz schon vor Erscheinen

PR-JOURNAL: Im Epilog am Schluss des Buches kommen Sie zurück auf die Wertschätzung. Sie sagen: „Die Wertschätzungskette verbindet Menschen miteinander und mit ihrer Verantwortung füreinander. Führung ist Leben; Führung ist eine Form von Miteinander. Jeder Versuch, sie auf weniger zu reduzieren, wird auf Dauer zum Scheitern verurteilt sein.“ Möchten Sie diesem Schlusswort im Buch hier noch einen Appell speziell für Kommunikationsverantwortliche hinzufügen, wie Sie bei ihren CEOs Einfluss nehmen können auf einen wertschätzenden Führungsstil?
Korndörffer: CEOs benötigen im oft turbulenten Alltag immer jemanden, der Ihnen den Spiegel vorhält; auch zu dem so wichtigen Thema Wertschätzung. Diese Funktion kann durchaus von dem oder der Kommunikationsverantwortlichen wahrgenommen werden.

PR-JOURNAL: Ihr Buch erscheint jetzt in diesen Tagen. Welche Reaktionen erwarten Sie von Ihren ehemaligen CEOs und Weggefährten?
Korndörffer: Die Resonanz auf mein Buch vor dem offiziellen Erscheinungstermin am 1. Februar war bisher sehr lebhaft und positiv. Dies freut mich ungemein.

PR-JOURNAL: Vielen Dank für Ihre Antworten!

Titel: Die Wertschätzungskette – Warum wir uns Chefs ohne Empathie nicht leisten können; Autor: Sven H. Korndörffer; Verlag: Econ, Berlin 2024; Umfang: 288 Seiten; Preis: 24,99 Euro; ISBN: 978-3-43021104-8

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