Autoren-Beiträge Die GenAI-Revolution: mutig eine neue Ära gestalten

Die Revolution durch generative KI überrollt aktuell die Wirtschaft. Gerade Technologie- und Kommunikationsexpertinnen und -experten aus der Agenturbranche treibt das Thema um. Wer den Diskurs jedoch aufmerksam verfolgt, stellt fest, dass viele Agierende aktuell genau das sagen, was sie zu wissen glauben. Bei GenAI reden wir aber über ein Thema, in dem sich aktuell nur sehr wenige Menschen wirklich auskennen. Die Gefahr ist groß, dass das Thema durch die populistische Diskussion verzerrt wird. Gleichzeitig fehlt es oft an einer langfristig ausgerichteten KI-Strategie.

Gregor Schermuly leitet derzeit eine spezialisierte Einheit für den Einsatz von GenAI-Technologien bei OSK. (Foto: OSK)

Gemeinsam mit KI-Expertinnen und -experten sollten folgende Fragen kurzfristig beantwortet werden: Was ist das neue Agentur-Geschäftsmodell, wenn immer mehr Arbeit in kürzerer Zeit erledigt werden kann? Welche Services biete ich heute an, möchte ich anbieten und auf welche Services verzichte ich künftig besser? Wie weit gehe ich vertikal in der technischen Dienstleistung für meine Kunden? Was ändert sich am Pricing? Welche Tools muss ich selbst entwickeln und welche wird der Markt für mich bereitstellen? Wie finde ich einen Wettbewerbsvorteil, wenn auch die Konkurrenz mit den neuen Tools arbeitet?

KI-Roadmap sollte Kunden miteinbeziehen

Bei sämtlichen Überlegungen sollten dabei immer die Kunden im Fokus stehen. Sie sind es schließlich, die von der Veränderung profitieren sollen – so will es die Symbiose aus Auftraggeber und Auftragnehmer. Dabei liegen die Vorteile klar auf der Hand: Durch effizientere Prozesse können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Agenturen sich auf komplexere, kreative, wertschöpfende Aufgaben konzentrieren und dadurch als wertstiftende Kreative oder als echte Berater, nicht nur als Dienstleister, agieren.

Damit der Wandel gelingt, ist eine breite Palette von KI-Tools in den gesamten Workflow und Wertschöpfungsprozess der Agentur zu integrieren. Chatbots und Textgeneratoren sind lediglich die Spitze des Eisbergs. GenAI-Technologie bietet schließlich auch Möglichkeiten zur automatisierten Datenanalyse, führt zu kundenspezifischen Marketingstrategien, zur Content-Erstellung sowie zu gänzlich neuen Angeboten.

Aktuell werden in Agenturen viele einzelne Aufgaben noch „manuell automatisiert“. Beispielsweise erstellt eine Redakteurin oder ein Redakteur mit ChatGPT einen Newsletter. Wieso aber nicht weiterdenken? Wieso nicht vollautomatisch mit aneinandergeketteten KI-Aufträgen ganze Kampagnen erstellen lassen und dann gemeinsam mit Expertinnen und Experten finalisieren? Mit Tools wie LangChain ist das schon heute kein Problem.

Investitionen in die eigene Zukunft

Damit KI wirklich breit in Agenturen eingesetzt werden kann, müssen die Verantwortlichen Geld in die Hand nehmen. Beratungsfirmen machen es vor, sie investieren bereits massiv in KI (Beispiel: Accenture investiert drei Milliarden Euro). Eine gründliche Kosten-Nutzen-Analyse, entschlossene Entscheidungen und möglicherweise eine schrittweise Implementierung helfen beim Prozess. Die Investitionen in KI lohnen sich unbedingt: Nur so können Agenturen ihren Kunden zusätzlichen Wert bieten, etwa durch personalisierte, datengesteuerte Kampagnen, die das Potenzial haben, effektiver zu sein als traditionelle Methoden.

Der erfolgreiche Einsatz von KI erfordert aber nicht nur Investitionen in Software, sondern auch in die Qualifikation von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um vorhandene Vorbehalte ab- und Fachkompetenzen aufzubauen. Weiterbildungsprogramme im Bereich KI und Data Science gehören also in jede KI-Roadmap. So wirken Agenturen zugleich auch dem Fachkräftemangel entgegen.

Compliance, Datensicherheit & Co: Aus Gegenargumenten werden Produkte

Obgleich Agenturmitarbeiter und Kunden tendenziell KI-Nutzung – gerade im Kreativbereich – offen gegenüberstehen, gibt es dennoch Menschen aus beiden Lagern, die Aspekte wie Datenschutz, Compliance und Urheberrecht als Argumente gegen die Nutzung von KI anführen. Wieso machen Agenturen sich dieses Feld nicht zunutze, bauen eine Expertise auf und bieten das Wissen als USP an? Compliant AI als Produkt – nicht mehr, nicht weniger. Mit Blick auf den kommenden European AI Act können sich die Nutzerinnen und Nutzer sowieso keine Nachlässigkeit mehr erlauben. Ein frühzeitiges Einbeziehen von Rechtsexperten und Data Scientists macht dabei den Unterschied – die Erkenntnisse lassen sich dann auch als Teil der Leistung verkaufen.

Kulturwandel braucht Führung und Vision

Das Implementieren von KI in unsere Arbeitswelt ist nicht nur eine Frage der Technologie, sondern auch der Unternehmenskultur. Idealerweise sollte das Management die Mentalitätsänderung vorleben und einen Kulturwandel anstoßen. Damit dieser gelingt, müssen Führungskräfte nicht nur die Technologie verstehen, sondern auch die Vision und den Mut haben, ihre Organisationen in eine neue Ära zu führen. Das bedeutet, Unsicherheiten und Ängste zu adressieren, kontinuierliche Weiterbildung und Schulung zu fördern und eine Kultur des Experimentierens und Lernens zu schaffen.

Aus meiner Sicht kommt es genau darauf an. Wir müssen nämlich nicht jedes Tool vollständig verstehen und im Griff haben. Viel wichtiger ist eine Kultur des Ausprobierens und Scheiterns, damit wir nicht nur bei der Entwicklung von KI-Tools am Ende der Nahrungskette stehen, sondern auch bei ihrem tagtäglichen Einsatz.

Über den Autor: Gregor Schermuly, General Manager & Head of Product bei OSK, zeichnet sich durch seine vielseitigen Positionen an der Schnittstelle zwischen Fachbereich und IT aus. Mit einem starken Fokus auf die Optimierung von Arbeitsabläufen durch künstliche Intelligenz leitet er derzeit eine spezialisierte Einheit für den Einsatz von GenAI-Technologien bei OSK.

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