Unternehmen Deutsch Bahn, E.on und BASF Wie sieht Klimaresilienz-Kommunikation in der Praxis aus?
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- von Jana Schmülling, Fabian Virgil
Ein Fluss, der versiegt. Eine Bahnstrecke, die sich im Sommer verbiegt. Ein Stromnetz, das im Hochwasser untergeht. Klimafolgen treffen Unternehmen längst im Kern ihres Geschäfts. Doch während die Schäden sichtbar sind, bleibt die öffentliche Wahrnehmung oft träge. Klimaresilienz wird damit zur Überlebensfrage – und Kommunikation zum unterschätzten Schlüssel, sie durchzusetzen.
50 Millionen Euro Verlust in einem einzigen Sommer: BASF erlebte 2018 hautnah, welche Auswirkungen der Klimawandel auf das eigene Geschäft haben kann. Das Stammwerk Ludwigshafen bezieht 40 Prozent seiner Rohstoffe über den Rhein. Als extreme Trockenheit den Wasserpegel sinken ließ, musste der Chemiekonzern die TDI-Produktion stoppen. Explodierende Transportkosten und Produktionsausfälle waren die Folge.
BASF ist kein Einzelfall. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Bis 2050 könnten direkte Klimafolgen Unternehmen weltweit bis zu 25 Prozent ihrer Gewinne kosten. Der Global Risk Report des World Economic Forums nennt die Klimakrise als größtes Risiko der nächsten Dekade. Der Bundesnachrichtendienst warnt vor Ressourcenknappheit, explodierenden Kosten und fragilen Lieferketten.
Paradox dabei: Die Klimakrise verliert medial und politisch an Sichtbarkeit. Dabei zeigen Klimaberichte wie der European State of the Climate Report, dass Europa auf der Rasierklinge eines Klimakollaps balanciert. Selbst wenn wir ab sofort klimaneutral wirtschaften, würde das erst in Jahrzehnten volle Wirkung zeigen. Unternehmen müssen sich daher jetzt an den Wandel anpassen. Klimaresilienz entscheidet über Zukunftsfähigkeit. Und der Hebel für ihr Gelingen ist Kommunikation.
Der Weg zu Resilienz ist oft lang, teuer und disruptiv
Wie Klimaresilienz Zukunftsfähigkeit bedingt, zeigt sich schon in ihrer Definition. Denn Klimaresilienz bezeichnet die Fähigkeit, sich an den Klimawandel anzupassen, dessen Folgen zu bewältigen und sich nach Extremwetter schnell zu erholen. Klimarisiken sind längst keine Zukunftsszenarien mehr, sondern schon heute reale Gefährdungen für Unternehmen. Wer Resilienz strategisch verankert, bleibt wettbewerbsfähig und attraktiv für Talente, Investor:innen und Kund:innen.
Die Herausforderung liegt in der Vermittlung: Der Weg zu Resilienz ist oft lang, teuer und disruptiv – besonders wenn der Nutzen erst langfristig sichtbar wird. Hier zeigt sich der strategische Mehrwert der Unternehmenskommunikation. Sie übersetzt komplexe Zusammenhänge in verständliche Narrative, schafft Orientierung und macht Wandel greifbar – für Mitarbeitende, Kund:innen und Kapitalgeber:innen.
Was gute Resilienzkommunikation ausmacht
Die Aufgabe, die mit dieser Rolle einhergeht, ist herausfordernd, aber essenziell. In einer polarisierten Klimadebatte wird Kommunikation zur Kraftprobe. Ohne Akzeptanz droht Widerstand gegen Anpassungsmaßnahmen. Wer Klimaresilienz will, braucht Kommunikation, die nicht nur informiert, sondern überzeugt. An der Schnittstelle zwischen Nachhaltigkeit, Krisenmanagement und Strategie entfaltet sie Wirkung in drei Dimensionen:
- Strategisch beraten: Resilienz beginnt mit Aufmerksamkeit für das Problem – und Aufmerksamkeit ist eine kommunikative Ressource. Als Beobachterin und Frühwarnsystem setzt Kommunikation Klimaresilienz proaktiv auf die unternehmensinterne Agenda. Sie sensibilisiert das Top-Management für klimabedingte Risiken, übersetzt externe Entwicklungen in unternehmerische Fragestellungen und macht Klimaresilienz damit zur „Chefsache“.
- Krisen vorbereiten: Identifizierte Klimarisiken sind potenzielle Krisenszenarien, auf die sich Unternehmen operativ und kommunikativ vorbereiten müssen. Die Unternehmenskommunikation integriert sie systematisch in die Krisenvorsorge, prüft Eskalationspotenziale und Reputationsrisiken und sorgt dafür, dass Klimarisiken in realistischen Simulationen durchgespielt werden.
- Akzeptanz schaffen: Die anspruchsvollste Dimension liegt in der Vermittlung kostspieliger, disruptiver Anpassungsmaßnahmen. Kommunikation muss die Maßnahmen verständlich machen. Sie muss Rahmen geben, Erwartungen managen und Sinn stiften – für alle Stakeholder. In einem polarisierten Umfeld muss sie die Lücke zwischen strategischer Notwendigkeit und öffentlichem Verständnis schließen.
Beispiele aus der Praxis
Wie diese Kommunikation in der Unternehmenspraxis aussehen kann, veranschaulichen drei Beispiele:
Die Deutsche Bahn spürt Klimafolgen täglich: Heißere Sommer und Starkregen belasten die Schieneninfrastruktur. Der Konzern entwickelte ein umfassendes Klimaresilienzmanagement für Sturm-, Hitze- und Hochwasserrisiken. Basis ist eine Studie mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Herausforderungen und Lösungsansätze vermittelt die Bahn über eigene Websites, Social Media und Medienarbeit mit Fachsprecher:innen.
E.on erlebte 2021 im Ahrtal Katastrophenrealität: Die Flut zerstörte Teile der Netzinfrastruktur vollständig. Daraus entwickelte der Konzern eine systematische Klimaresilienz-Strategie für resiliente und intelligente Netze, die widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels wie Hitze, Erosionen oder Starkregen sind. Neue Infrastruktur wird in höher gelegene Gebiete verlegt, der „hochwasserresiliente Netzanschluss" wird zum Standard – auch beim Neuaufbau der Netze in den Hochwasserregionen. Die Kommunikation erfolgt über regionale Medienarbeit, Bürgerdialoge und Projektwebseiten. So positioniert der Konzern das Ahrtal als „Blaupause" für klimaresiliente Energieinfrastruktur.
Und BASF? Nach dem teuren Weckruf 2018 charterte das Unternehmen Spezialschiffe, baute alternative Verkehrsträger aus und entwickelte mit Partnern eigens ein modernes Niedrigwasserschiff. Die Maßnahmen kommunizierte das Unternehmen transparent über ihre Medienarbeit und im integrierten Geschäftsbericht.
Diese Beispiele zeigen: Klimaresilienz-Kommunikation gibt es bereits. Allerdings kommunizieren Unternehmen ihre Anpassungsmaßnahmen bisher vor allem reaktiv und begleitend, ohne strategische Einbettung. Hier liegt großes Potenzial für Kommunikationsprofis dieses emerging field professionell zu gestalten. Denn der langfristige Erfolg von Klimaresilienz hängt daran, ob Unternehmen vermitteln können, was sie tun und warum. Wer Wandel will, muss ihn erklären können. Wenn Kommunikation strategisch berät, Awareness und Akzeptanz schafft, kann sie maßgeblich zum Umsetzungserfolg von Anpassungsmaßnahmen beitragen. Kommunikation begleitet Klimaresilienz dann nicht nur – sie entscheidet über deren gesellschaftliche Akzeptanz und damit über den Umsetzungserfolg.
Über die Autor:innen
Jana Schmülling leitet den Beratungsbereich Responsibility & Sustainability bei der Kommunikationsberatung Klenk & Hoursch AG. Seit 2018 ist sie am Hamburger Standort als Beraterin mit den Schwerpunkten Change- und Nachhaltigkeitskommunikation für Kunden verschiedenster Branchen tätig.
Fabian Virgil ist Senior Consultant bei der Klenk & Hoursch AG am Standort Hamburg. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne zu Fragen der Krisen-, Akzeptanz- und Change-Kommunikation.
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