Unternehmen Künstliche Intelligenz Glaubwürdigkeit ist in der Medizin nicht verhandelbar
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- von Annett Bergk, Hamburg
Künstliche Intelligenz ist auch in der Kommunikation von Krankenhäusern angekommen. Doch wie führt man sie dort ein, wo es nicht um Trend-Adaption, sondern um Vertrauen, Verantwortung und komplexe Inhalte geht? Bianca Hermle leitet seit 2017 die Stabsstelle Kommunikation und Medien am Universitätsklinikum Tübingen. Im Interview spricht sie über kluge Anwendungen, Effizienzsteigerung und warum KI bewusste Grenzen braucht.
PR-Journal: Frau Hermle, das Universitätsklinikum Tübingen zählt zu den forschungsstärksten in Deutschland. Inwiefern spielt Künstliche Intelligenz in der Kommunikation dort heute schon eine Rolle?
Bianca Hermle: In der medizinischen Forschung ist KI bei uns längst angekommen – und das schon vor dem Hype rund um ChatGPT. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem unserer Neurowissenschaftler vor der Pandemie, der schon damals mit KI-basierter Diagnostik gearbeitet hat. Für uns in der Kommunikation war das damals noch weit weg, aber natürlich spannend.
Was die Kommunikation betrifft: Wir sind keine First Mover, aber mein rund 15-köpfiges Team nutzt KI inzwischen regelmäßig zur Recherche, zur Ideenfindung oder auch zur Textoptimierung. Niemand hat den gesamten Workflow auf KI umgestellt, aber sie ist Teil unseres Werkzeugkastens geworden.
PR-Journal: Gab es einen konkreten Startpunkt, an dem Sie gesagt haben: Jetzt bringen wir das Thema strategisch ins Team?
Hermle: Ja, vor knapp zwei Jahren. Damals wurde vom Universitätsklinikum Freiburg die erste wissenschaftliche Pressemitteilung vollständig durch Künstliche Intelligenz verfasst. Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Jetzt müssen wir uns im Team ernsthaft damit auseinandersetzen. Wie bauen wir das ein? Was wollen wir verändern?
Ein Bereich war sofort klar: die Pressearbeit. Sie kostet enorm viel Zeit bei überschaubarem Output. Also haben wir überlegt, wie wir da effizienter werden. Seit Anfang 2024 haben wir mit einem CustomGPT-Ansatz experimentiert. Das funktioniert inzwischen ziemlich gut. Auch bei Videoprojekten nutzen wir KI, etwa um Drehbücher zu schärfen oder konzeptionelle Vorarbeit zu leisten. Tools wie Perplexity oder ChatGPT sind da sehr hilfreich.
PR-Journal: Wie gelingt es, ein so komplexes Thema wie KI in einem medizinischen Hochleistungsbetrieb nicht nur technisch, sondern auch kulturell zu verankern?
Hermle: Ganz ehrlich: Wir haben oft gar nicht die Zeit, uns tiefgreifend mit KI zu beschäftigen. Und das ist schade. In der Forschung ist Tübingen hier schon viel weiter. In der Kommunikation passiert vieles eher punktuell.
Ich beobachte, dass viele KI-Projekte machen, weil es gerade angesagt ist. Das ist gefährlich. Wir brauchen keine Videos, nur weil sie mit KI gemacht wurden. Wir brauchen gute Kommunikation. Ich selbst nutze KI, wenn sie mir hilft, schneller, effizienter oder kreativer zu arbeiten. Etwa bei der Recherche: Wenn ich herausfinden will, warum das Image der Pflege eigentlich so ist, wie es ist. Dann hilft mir KI, schneller auf Studien zu stoßen oder Vergleiche aus anderen Ländern zu ziehen.
Ein schönes Beispiel: Das Motto unseres letzten Personalfests kam von ChatGPT. Kein Selbstzweck, sondern ein echtes Brainstorming-Tool.
PR-Journal: Gibt es Bereiche, in denen Sie KI ganz bewusst nicht einsetzen?
Hermle: Ja, absolut. Für mich geht es um Glaubwürdigkeit. Die ist gerade in der Medizin nicht verhandelbar. Wir müssen differenzieren können, wann KI sinnvoll ist und wann sie Schaden anrichtet. Ich kennzeichne alles, was mit KI entstanden ist. Die Entwicklung ist unfassbar schnell, das sehen wir alle. Aber wenn wir irgendwann nicht mehr unterscheiden können, ob Inhalte von Menschen oder Maschinen kommen, dann haben wir ein Problem.
Gerade subtile Anpassungen, politische Strategien oder visuelle Manipulationen sehe ich kritisch. Deshalb: Ja zu KI, aber mit klaren Grenzen.
PR-Journal: Und wie ziehen Sie diese Grenze? Etwa zwischen technischer Unterstützung und inhaltlicher Verantwortung?
Hermle: Bisher ist das viel Bauchgefühl. Ich orientiere mich am Impact: Da, wo KI einen großen Einfluss auf das Endprodukt hat, braucht es Transparenz. Wenn ein Tool nur hilft, Gedanken zu sortieren oder Ideen zu generieren, fein. Aber wenn die KI ganze Inhalte vorgibt oder sichtbar gestaltet, muss das kenntlich gemacht werden.
Ich fände es übrigens wichtig, dass sich die Branche hier stärker austauscht. Denn Zielgruppen unterscheiden sich. Und die Frage ist immer: Will ich am Ende Wirkung erzielen oder einfach nur zeigen, dass ich mithalten kann?
PR-Journal: Blicken wir nach vorn: Welche Rolle wird KI in der Medizinkommunikation in den nächsten fünf Jahren spielen?
Hermle: Sie wird bleiben und besser werden. Ich sehe schon heute, wie sie Arbeit erleichtert und Prozesse beschleunigt. Gleichzeitig wird Kommunikation kreativer, wenn man KI richtig einsetzt. Aber ich plädiere dafür, sich genau zu fragen: Was mache ich mit KI und warum eigentlich? Nur der Technik wegen sollte niemand kommunizieren.
PR-Journal: Was treibt Sie persönlich an, sich mit neuen Technologien wie KI nicht nur zu beschäftigen, sondern sie aktiv mitzugestalten?
Hermle: Ich liebe Veränderung. Ich liebe Innovation. Und in der Medizin pulsiert das ja ohnehin an jeder Ecke. Mich treibt der Wunsch an, Dinge besser zu machen – durchdachter, wirksamer, relevanter. Und manchmal auch schneller.
Aber bei aller Begeisterung bleibt Haltung mein Kompass. Gerade in einem so sensiblen Feld wie der Medizinkommunikation darf Technologie nie das letzte Wort haben.
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