Unternehmen Verteidigungssektor Sicherheit muss neu erzählt werden

Sicherheit ist ein sperriges Wort. Eines, das selten Bilder im Kopf erzeugt, aber sofort Debatten lostritt. Darüber, wer sie garantiert, wer sie gefährdet, wer von ihr profitiert. Nur: Wer beantwortet sie eigentlich? Lange galt die Verteidigungs- und Rüstungsindustrie als kommunikative Blackbox. Sichtbar waren Unternehmen und ihre Produkte nur, wenn (meist globale) Krisen den öffentlichen Diskurs bestimmten. Alles andere blieb unter der Wahrnehmungsschwelle. Fabriken ohne Geschichten, Budgets ohne Erklärungen, politische Entscheidungen ohne verständliche Begleitung. Aber die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen die Anforderungen an eine Branche, die strategisch aufrüstet, aber kommunikativ noch zögert.

Für Alexandra Groß ist klar: "Technologie ist oft gar nicht das Entscheidende. Es geht um das große Ganze." (Foto: Fink&Fuchs)

Alexandra Groß, Vorstand von Fink & Fuchs, kennt diese Zögerlichkeit. Ihre Agentur hat sie nicht nur beobachtet, sondern auch untersucht. Das Ergebnis: Ein Großteil der Bevölkerung fordert mehr Informationen über Verteidigungsausgaben und sicherheitsrelevante Unternehmen. Die kommunikative Lücke ist also nicht nur ein Eindruck, sondern empirisch belegbar. Die Zeit ist reif: Die Kommunikations-Chancen für Unternehmen im Rüstungssektor waren nie größer, die Menschen selten so offen für einen positiven Diskurs in diesem Bereich. 


Die Deutschen fordern eine Kommunikationswende bei der Sicherheit. (Grafik: Fink & Fuchs)

"Wenn sich eine Industrie weiterentwickelt, erschließt man sich mit guter Kommunikation neue Reputations-Chancen", sagt Groß. 

Das ist naheliegend und doch scheint das kommunikative Fundament ausbaufähig. Im Verteidigungssektor entstehen neue Unternehmen, Investitionen steigen, sicherheitsrelevante Technologien werden als Zukunftsmarkt gehandelt, die Branche zunehmend als Schlüsselindustrie wahrgenommen  – wirtschaftlich wie politisch. Doch die Öffentlichkeitsarbeit bleibt oftmals eher reaktiv. Das liegt nicht nur an den sehr sensiblen Rahmenbedingungen in Bezug auf Transparenz und Sicherheit. Manches sei Findungsphase, anderes jedoch schlicht eine Frage des Selbstverständnisses, erklärt Groß.

Dabei wachsen die Erwartungen. Nicht nur auf der großen politischen Bühne, sondern auch im Kleinen. Etwa dort, wo eine neue Produktionshalle entsteht. Was ist das für eine Fabrik in meiner Nähe? Entstehen dort auch neue Jobs? Sind wir in der Region noch sicher? "Die Anschlussfähigkeit an die Menschen in der Region erfordert heute ein höheres Tempo", sagt Groß. Das hat auch viel mit Transparenz und Vertrauen zu tun. Standortkommunikation wird also zur Schnittstelle zwischen Rüstungsindustrie und Gesellschaft (und zur ersten Bruchstelle, wenn sie fehlt). 

Hinzu kommt: Wer hier arbeitet und warum, ist längst nicht mehr nur eine Frage der HR-Abteilung. Der Bedarf an Fachkräften steigt. Und was bedeutet es für die Arbeitgebermarke, wenn der eigene Unternehmenszweck und die Rolle in der Region erklärungsbedürftig ist? 

Also wie spricht man nun über etwas, das sicherheitskritisch, wirtschaftlich relevant und gesellschaftlich umstritten ist? Nicht alles darf gesagt werden, vieles kann nicht erklärt werden; zumindest nicht einfach. 

Für Groß ist klar: "Technologie ist oft gar nicht das Entscheidende. Es geht um das große Ganze." 

Sicherheit, so ihre Perspektive, müsse neu gedacht und neu erzählt werden. Nicht als Bedrohungsszenario, sondern als Teil einer gesellschaftlichen Infrastruktur, die bislang kaum sichtbar war: Cyberabwehr, Drohnentechnologie, Frühwarnsysteme. All das sei relevant, aber noch nicht anschlussfähig. Gerade deshalb, sagt sie, brauche es keine Hochglanzkampagnen, sondern Kommunikation, die nachfragt, zuhört, Kontext schafft. Die sich nicht hinter Komplexität versteckt, sondern sie übersetzt, ohne sie zu glätten. Denn Schweigen sei keine Schutzstrategie mehr, sondern ein Risiko. 

"Die Bevölkerung ist informationshungrig. Wer nicht kommuniziert, überlässt anderen die Deutungshoheit."

Alexandra Groß formuliert keine fertigen Lösungen. Aber sie macht sichtbar, wo Kommunikationsarbeit beginnt: dort, wo Fragen im Raum stehen und niemand antwortet. Ihr Blick auf die sicherheitsrelevante Industrie ist ein Appell, Verantwortung nicht nur technisch, sondern auch diskursiv zu verstehen. Kommunikation ist kein Nebenschauplatz. Sie ist ein Bestandteil von Sicherheit. Und sie ist überfällig.

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