Piwinger Manfred quer grossWie halten es die DAX30-Unternehmen mit der Gender-Schreibweise? Finden sich Formulierungen wie „Mitarbeiter:innen“ oder „Mitarbeiter*innen“ in den Geschäftsberichten? Angesichts der hohen Reputation der DAX-Mitglieder – deren Kreis sich mittlerweile auf 40 erhöht hat – sollte man das erwarten. Mitnichten, sagt der Wuppertaler Publizist Manfred Piwinger (Foto), nachdem er die 2020er Geschäftsberichte der DAX30-Unternehmen gründlich untersucht hat. In stattlichen 24 der DAX-Geschäftsberichte wird auf die Gender-Schreibweise verzichtet. Mit einer pikanten Ausnahme: Geht es um die eigenen Vorstände, so scheint die geschlechterneutrale Differenzierung doch wichtig zu sein. Dazu Piwinger: „Selbst die 24 Gender vermeidenden Gesellschaften weichen in der Anrede ihrer Vorstandsvorsitzenden, also den Leuten mit der höchsten Autorität im Unternehmen, von ihren guten Vorsätzen ab und gendern unkoordiniert dahin.“

Mit dieser Analyse widerspricht Piwinger einer im März dieses Jahres vom Institut für Kommunikation und Medien an der Hochschule Darmstadt gemeinsam mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ durchgeführten Befragung von DAX- und MDAX-Unternehmen. (Wir berichteten am 26. März 2021 darüber.) Dort zog man (anhand einer schmalen Datenbasis) die Schlussfolgerung, die “gendergerechte Sprache“ werde vermehrt genutzt. „Das stellt sich im DAX faktisch anders dar“, sagt Piwinger und fügt hinzu: „Zudem fällt auf, dass die wenigen gendernden DAX Firmen ihre Entscheidung teilweise rechtfertigen, als ob das angesichts der geltenden Rechtschreibungsempfehlung erforderlich wäre.“ Denn vom Deutschen Rat für Rechtschreibung, der seine 2018 beschlossenen Kriterien geschlechtssensibler Texte aktuell wiederholt, wird die „Aufnahme von… (Gender-)Formen im Wortinneren in das amtliche Regelwerk der deutschen Rechtschreibung zu diesem Zeitpunkt nicht empfohlen“.

Sechs Unternehmen verwenden Gender-Schreibweise

Von den sechs Unternehmen, die eine Gender-Schreibweise verwenden, gibt die Deutsche Wohnen eine Erklärung zum gewählten Sprachgebrauch ab und betont, die Verwendung des „Gender:Doppelpunktes“ diene dazu, „der Vielfalt an Geschlechtern im vorliegenden Text gerecht zu werden“. Allerdings macht das DAX-Unternehmen eine Aussage, die für nahezu alle untersuchten Texte gilt. Im Interesse „der besseren Lesbarkeit wird an einigen Stellen jedoch auf eine geschlechterneutrale Differenzierung verzichtet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform beinhaltet keine Wertung.“

„Dieses Argument gegen das Gendern fand sich bei der Analyse auf Schritt und Tritt“, so Piwinger. Lesbarkeit, Sprachvereinfachung und Verständlichkeit sind die Argumente der großen Mehrheit der Gender-Abstinenten im DAX. So etwa die Firmen Merck und Bayer: „Die gewählte männliche Form steht für alle Geschlechter.“

„Ein ungelöster Sprachnormkonflikt in der Gesellschaft“

Die gültigen Regeln der deutschen Rechtschreibung – ohne Gendern – ist für manche der DAX Unternehmen wie Munich Re, SAP, Siemens, MTU und andere das Maß aller Dinge, auch wenn einzelne, wie die BASF, wo immer möglich geschlechterneutrale Formulierungen wählen. In der generell uneinheitlichen Verwendung von Sprachformen sieht der Publizist Piwinger „einen ungelösten Sprachnormkonflikt in der Gesellschaft“ widergespiegelt.

Die uneinheitliche Verwendung der Bezeichnungen (häufiger in der maskulinen Form, seltener die Beidbezeichnung) in den Texten zeigt auch, dass die Verwendung von Beidbezeichnungen sprachlich aufwändiger ist, vom Schreiber als umständlicher empfunden wird und daher häufiger darauf verzichtet wird. Dahinter steht laut Piwinger wohl die Annahme, dass dies dem Leser genauso ginge. „Konsequente Beidbenennung würde zwar die sprachliche Präsenz von Frauen darstellen, häufig jedoch auch Satzungetüme produzieren, in denen eine sprachliche Doppelung auf Kosten der Verständlichkeit erfolgen könnte“, so Piwinger nüchtern und fragt: „Wer will das wem noch zumuten?“

Piwingers Fazit: „Einen allgemein gültigen Maßstab für die Textgestaltung in Geschäftsberichten gibt es nicht. Ein Lektorat dagegen wäre des Öfteren segensreich, um wenigstens eine sprachliche Konsistenz im Text sicherzustellen.“ Als Mindestanforderung gelte, dass die Textqualität den „Verstehensvoraussetzungen“ eines „verständigen Adressaten“ zu entsprechen habe. Piwinger: „So gendern alle vor sich hin… oder eben nicht. Bleibt noch die Frage: Erwartet man von einem Traditionsunternehmen eigentlich, dass es ‚gendert‘? Irritiert es Anleger hinsichtlich des Ansehens / der gewachsenen Reputation, ob ja oder ob nicht?“


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