Personalien Martin Riecken Kurz vor zwölf muss man vorbereitet sein
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- von Annett Bergk, Hamburg
Davon ist Martin Riecken überzeugt. Nach drei Jahrzehnten in der Konzernkommunikation, unter anderem bei E.ON, Lufthansa und TUI, hat er sich mit „11 Fifty-Nine“ selbstständig gemacht. Seine neue Beratung soll Unternehmen helfen, genau in diesem entscheidenden Moment handlungsfähig zu bleiben. Wir haben mit ihm über seine Beweggründe, erste Projekte und die Bedeutung der „goldenen Minute“ gesprochen.
PR-Journal: Herr Riecken, drei Jahrzehnte Konzern und jetzt selbstständig. Es drängt sich die Frage auf: Warum?
Martin Riecken: Ich habe lange in großen Organisationen gearbeitet: bei E.ON, bei der Lufthansa Group in Deutschland, den USA und Europa und fast zehn Jahre bei TUI. In all diesen Jahren war ich in sehr unterschiedliche Krisensituationen eingebunden – von Unfällen über terroristische Anschläge, Reputationsthemen bis hin zur Coronapandemie. Da habe ich gelernt, wie unberechenbar Krisen sind und wie wichtig es ist, vorbereitet zu sein. Und irgendwann habe ich gemerkt: Das ist eigentlich meine Kernkompetenz. Und es macht mir einfach Spaß. Deshalb jetzt die eigene Beratung.
PR-Journal: Hatten Sie das lange im Kopf – oder war das eher eine spontane Entscheidung?
Riecken: Es hat sich über Jahre entwickelt. Ich war oft als Gastdozent unterwegs, habe Vorträge gehalten. Da wurde mir klar: Am meisten Energie habe ich, wenn es um Beratung in Krisen geht. Und dann war irgendwann der Punkt erreicht: Nach 30 Jahren Corporate Life wollte ich das konzentriert machen, aber ohne Konzernlogik und ohne Agentur-Overhead.
PR-Journal: „11 Fifty-Nine“ soll, wie Sie sagen, keine Agentur sein. Warum haben Sie sich nicht einem Netzwerk oder einer großen Einheit angeschlossen? Wäre das nicht einfacher gewesen?
Riecken: Ich will mittendrin sein, nicht „außenrum“. Wenn ich komme, bin ich Teil des Teams und nicht unzählige Hierarchieebenen entfernt. Natürlich habe ich ein Netzwerk, etwa für Simulationen oder Medientrainings. Aber die Grundidee ist direkte Beratung, keine langen Wege.
PR-Journal: Woran hapert es in Unternehmen, wenn es um Krisenkommunikation geht?
Riecken: Am meisten daran, dass Krisen im Alltag einfach nicht vorkommen. Die Kommunikationsteams sind voll ausgelastet mit Kampagnen, mit Produkt-PR, mit den schönen Geschichten. Für den Ernstfall bleibt da kaum Raum. Wenn ich dazukomme, schaue ich deshalb zuerst: Was ist schon vorhanden, wo sind die Lücken? Und dann geht es ums Schließen dieser Lücken und vor allem ums Trainieren. Denn Papier allein hilft nicht. Man muss Abläufe und Rollen regelmäßig durchspielen, sonst ist der beste Plan wertlos. Andersherum: wenn das Crisis Mindset da ist, gehen Kommunikationsteams viel sicherer in die nächste „Lage“.
PR-Journal: Gab es schon erste Einsätze in Ihrer neuen Rolle?
Riecken: Ja, es gibt bereits Projekte, auch in Zusammenarbeit mit Anwaltskanzleien. Und die Themen sind breit gefächert – klassische Krisenpläne, Cyberthemen, Reputationsfragen. Am Ende läuft es aber oft auf dieselben Mechanismen hinaus: Wer gelernt hat, einen Unfall kommunikativ zu managen, kann auch eine Cyberattacke bewältigen.
PR-Journal: Sie sprechen gern von der „goldenen Minute“. Was meinen Sie damit genau?
Riecken: Früher hieß es, in einer Krise habe man eine Stunde, um sich zu sortieren. Heute ist das Wunschdenken. Oft sind es nur Minuten, bis das erste Telefon klingelt oder etwas in den sozialen Medien hochkocht. Dann tickt die Uhr. Mein Ziel ist, diese Zeit ein Stück weit zu dehnen. Durch klare Prozesse, eingespielte Teams, durchgespielte Szenarien. Dann steht man nicht mit dem Rücken gleich an der Wand, sondern kann mit einem Plan und einer gewissen Ruhe in die Lage gehen.
PR-Journal: Der Name „11 Fifty-Nine“ spielt darauf an. Es ist kurz vor zwölf.
Riecken: Genau. Es ist ein Bild, das mich schon lange begleitet. Als Teenager hatte ich dieses Blondie-Lied „11:59“ im Ohr – „it’s 11:59, and I want to stay alive“. Und irgendwann habe ich gemerkt: Das passt perfekt zu meinem Feld. Krisenkommunikation bedeutet ja immer, dass die Zeit knapp wird. Für mich ist 11:59 der Moment, in dem man vorbereitet sein muss.
PR-Journal: Wenn wir in einem Jahr wieder sprechen: Woran machen Sie fest, ob Sie in Ihrer Selbstständigkeit erfolgreich sind?
Riecken: Wenn Unternehmen sagen, dass meine Arbeit ihnen wirklich geholfen hat. Die Königsdisziplin ist natürlich, sie durch eine akute Krise zu begleiten. Aber genauso wichtig ist mir, dass Teams besser vorbereitet sind und Führungskräfte ein anderes Sicherheitsgefühl entwickeln. Im Idealfall wird Krisenkommunikation für Unternehmen so selbstverständlich wie eine Versicherung: Man hofft, sie nie zu brauchen, aber wenn man sie benötigt, dann ist sie unbezahlbar.
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