Die Work-Life-Balance wird von 43 Prozent der Frauen in Deutschland als gut bezeichnet. Das ist der niedrigste Wert im internationalen Vergleich. (Quelle: GWPR Annual Index 2021)

Für Frauen, die in PR und Kommunikation arbeiten, war 2021 ein herausforderndes Jahr. Die Covid-Pandemie hat die Arbeitsweise dramatisch verändert. Das zeigen die Umfrageergebnisse aus dem dritten Jahresindex von GWPR. Bezüglich einer ausgeglichenen Vorstandsetage und einer Erhöhung der Anzahl weiblicher Führungskräfte hat sich trotzdem nur sehr wenig geändert. In einer globalen Branche, die zu zwei Dritteln weiblich ist, sind die Vorstandsmitglieder nach wie vor mehrheitlich männlich.

Der Index wurde entwickelt, um die Position von Frauen, die weltweit in der PR- und Kommunikationsbranche arbeiten, zu erheben und zu messen. Das Ergebnis zeigt, dass die Gleichstellung sich verlangsamt, obwohl ausgewogene Führungsteams zum Unternehmenserfolg beitragen.

In Zusammenarbeit mit der Marktforschungs- und Insight Beratung Opinium deckte der Fragebogen der Studie das Arbeitsumfeld, den Druck bei der Arbeit in der PR, die Hindernisse für Frauen bei der Übernahme von Führungspositionen, die Auswirkungen der Elternzeit, das geschlechtsspezifische Lohngefälle und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ab.

Ungleichgewicht von Männern und Frauen in Führungspositionen

Neben der Hervorhebung des Ungleichgewichts von Männern und Frauen in Führungspositionen wurde in der Studie gefragt, was erforderlich ist, um die Situation zu ändern. Was sind die Antriebskräfte, die dazu beitragen, dass mehr Frauen in den Bereichen PR und Kommunikation Führungspositionen übernehmen?

Die Möglichkeit, remote zu arbeiten, wurde von 57 Prozent der PR-Fachleute als wichtigster Punkt gewertet – vor der finanziellen Entlohnung. 73 Prozent gaben an, dass sie eher einen Job wählen würden, der flexibles Arbeiten ermöglicht als einen, der dies nicht bietet (im Vergleich zu 69 Prozent im Jahr 2020).

Flexibles Arbeiten wird bleiben

Die Studie ergab auch, dass 91 Prozent der PR-Fachleute derzeit flexibel arbeiten und die meisten glauben, dass das hybride Arbeiten nach der Pandemie weitergehen wird. Im Durchschnitt gehen die Befragten davon aus, dass sie in den nächsten zwölf Monaten an drei Tagen pro Woche von zuhause arbeiten werden. 21 Prozent glauben sogar, dass sie vollständig remote bleiben. Die Zahlen in Deutschland fallen zu dieser Frage höher aus: 88 Prozent der deutschen PR-Fachleute wurde in diesem Jahr die Möglichkeit des remoten Arbeitens angeboten, was über dem länderweiten Durchschnitt liegt (72 Prozent).

Für Frauen sind weiterhin die Kinderbetreuung oder andere Betreuungspflichten die größten Hindernisse beim Aufstieg in Führungspositionen. Drei Viertel der Befragten sind der Ansicht, dass vor allem starre Arbeitszeitgestaltung und familienfeindliche Politik den Aufstieg von Frauen in leitende Positionen verhindern. Eine ähnliche Anzahl glaubt, dass die fehlende Work-Life-Balance in einer leitenden Position ein weiteres Hindernis darstellt. Die pandemiebedingten Veränderungen in der Arbeitspraxis sollten Frauen dabei helfen, diese Barrieren abzubauen und ihren beruflichen Aufstieg zu erleichtern.

Hohe Belastung in Unternehmen und Agenturen

Letztes Jahr ergab die Studie des Annual Index, dass PR-Profis auf Unternehmensseite im Vergleich zu ihren Kolleginnen und Kollegen in Agenturen häufiger aufgrund von Stress eine Auszeit genommen haben. In diesem Jahr hat sich diese Lücke vollständig geschlossen. Allerdings gab ein Drittel der internen und agenturseitigen Fachkräfte an, dass sie sich wegen ihrer psychischen Gesundheit eine Auszeit nehmen mussten.

Für viele Frauen, die während der Pandemie von zu Hause aus arbeiten, bedeutet dies, dass sie Kinderbetreuungspflichten, häusliche Pflichten und eine hohe Arbeitsbelastung unter einen Hut bringen müssen. Es überrascht nicht, dass viele Frauen von Burnout betroffen sind und nur etwa die Hälfte der PR-Fachleute behauptet, eine gute Work-Life-Balance zu haben. Besorgniserregend ist, dass über einem Drittel der Befragten von ihren Organisationen keine Unterstützung zur Erhaltung der psychischen Gesundheit angeboten wird.

Beim Vergleich des beruflichen Werdegangs von Müttern und Vätern sind die Geschlechterunterschiede nach wie vor stark ausgeprägt. Die Hälfte (51 %) der PR-Expertinnen und -Experten ist der Meinung, dass Mütter langsamer befördert werden, während das nur vier Prozent von Vätern glauben.

Bessere Aufstiegschancen für Frauen in Agenturen

Frauen, die in PR-Agenturen arbeiten, scheinen bessere Aufstiegschancen zu haben als ihre Kolleginnen, die in Unternehmen oder Organisationen arbeiten. Sie werden mit doppelter Wahrscheinlichkeit schneller befördert und erreichen mit doppelter Wahrscheinlichkeit eine Vorstandsposition.

Mehr als vier Fünftel der PR-Fachleute glauben, dass Frauen in den Führungsetagen sowohl die Produktivität als auch die Kreativität des Unternehmens verbessern. Beide Zahlen sind seit Beginn der Erhebung vor drei Jahren gestiegen. 82 Prozent glauben, dass Frauen in der Führungsriege dazu beitragen können, die Arbeitsweise des Unternehmens zu verbessern. Und 81 Prozent sind der Meinung, dass Frauen in den Vorständen die Beförderungshindernisse für andere Frauen beseitigen.

Viele glauben auch, dass mangelnde Transparenz Frauen aus höheren Positionen fernhält, da sie bezüglich Beförderungen tendenziell weniger proaktiv sind als Männer.

„Licht am Ende des Tunnels“

Flexible Arbeitsmöglichkeiten gelten als wichtigster Gesichtspunkt, um mehr Frauen die Übernahme von Führungspositionen zu ermöglichen. Dieser Aspekt belegt dieses Jahr den Spitzenplatz, vor „mehr ältere weibliche Vorbilder“, der letztes Jahr ganz oben stand. Andere Aspekte, die den beruflichen Aufstieg von Frauen unterstützen, sind Mentoring-Programme, größere Anerkennung der Probleme der Geschlechterungleichheit und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Angela Oakes, erste Vorsitzende und Mitbegründerin von GWPR, kommentierte diese Ergebnisse wie folgt: „Mit den Veränderungen zu flexibleren Arbeitsmodellen durch Covid und der Anerkennung, dass Frauen und eine wirklich vielfältige Belegschaft einen Unterschied für die Profitabilität eines Unternehmens machen, ist Licht am Ende des Tunnels. Wir hoffen, dass unser Jahresindex 2022 zeigt, dass das Pendel für alle in unserer Branche, die immer noch zu zwei Dritteln weiblich ist, zur richtigen Seite ausschlägt.“

Methode der Erhebung

Die Erhebung fand über eine von Opinium entworfene Online-Umfrage statt, die von Global Women in PR über ihr globales Netzwerk verbreitet wurde. Die Feldarbeit fand zwischen Juli und September 2021 statt. Wir haben mit 430 PR-Profis auf der ganzen Welt gesprochen – 61 Prozent davon auf Direktorenebene.

Zu den Ergebnissen des GWPR-Jahresindex 2021 finden Sie hier ein Interview mit Cornelia Kunze, der Vorsitzenden des GWPR in Deutschland.


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