Medien Frisch gepresst: Dominik Bath "Ich glaube, dass die Menschen nach wie vor an der Wahrheit interessiert sind"
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- von Nils Wigger, Berlin
Dominik Bath ist Wirtschafts- und Politikredakteur in der Funke-Zentralredaktion in Berlin. Im Gespräch erklärt er, wie das Zentralmodell die Regionaltitel stärkt. Außerdem haben wir darüber gesprochen, warum Print weiter Relevanz hat, Regionalmedien beim Vertrauen oft vorn liegen und wie er Wirtschaft so erzählt, dass sie für ein breites Publikum verständlich bleibt.
PR Journal: Dominik, viele kennen die Funke Mediengruppe über die Berliner Morgenpost, das Hamburger Abendblatt oder die WAZ. Weniger bekannt ist, wie die Zentralredaktion arbeitet. Was liefert Ihr täglich in die Häuser und worin liegt Dein Part dabei?
Dominik Bath: Die Kolleginnen und Kollegen in den Regionen verantworten das, was vor Ort passiert und Menschen direkt betrifft. Wir liefern den überregionalen Teil – Politik, Wirtschaft, Panorama, Wissenschaft – zentral aus Berlin, einheitlich produziert und so, dass die Stücke in Essen, Hamburg oder Erfurt gleichermaßen funktionieren und sich vor Ort andocken lassen. Früher hätte man dazu „Mantel“ gesagt, heute denken wir radikal digital, mit tagesaktuellen Angeboten, die von der Breaking-News-Einordnung bis zum exklusiven Gespräch reichen. Mein Job ist, die große Wirtschaftslage und die Gesundheitspolitik im Bund so zu übersetzen, dass sie im Alltag greifbar wird: Wer ist betroffen, was kostet es, wo liegen Fristen und Hürden – und welche Alternativen gibt es.
PR Journal: Zentralredaktion heißt auch bündeln. Wie viel Auswahl obliegt den Titeln vor Ort?
Bath: Natürlich kommen auch Themenwünsche aus den Regionen – und wir arbeiten eng mit ihnen zusammen. Ein aktuelles Beispiel ist der Stahlgipfel im Ruhrgebiet, das ja historisch ein starker Stahlstandort ist: ob Essen, Dortmund oder Duisburg – alles Städte im Funke-Kerngebiet. Dort spüren die Menschen sehr unmittelbar die Auswirkungen von Entscheidungen, die in Berlin getroffen werden – von Zöllen bis zu hohen Energiepreisen. Die Frage, ob und wie man die Stahlwirtschaft wieder wettbewerbsfähig machen kann, ist dort kein abstraktes Thema, sondern gelebter Alltag. In solchen Fällen tauschen wir uns eng mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort aus. So nutzen wir ganz bewusst die Kompetenz in den Regionen – wovon am Ende alle Marken profitieren.
Gleichzeitig erreichen uns auch Themenwünsche und Leserpost aus den Regionen, die an uns herangetragen werden, genauso wie Ideen einzelner Standorte. Die greifen wir auf und setzen sie um. Es ist immer ein wechselseitiger Austausch. Aber generell versuchen wir aus Berlin natürlich täglich ein Themenangebot zu machen, das dem gruppenweiten Anspruch an Aktualität, Exklusivität und Relevanz entspricht.
PR Journal: Welche Themen verantwortest Du konkret im Hauptstadtbüro – worüber schreibst Du vor allem?
Bath: Ich war ab 2017 bei der Berliner Morgenpost für Wirtschafts- und Landespolitik zuständig und bin jetzt seit zwei Jahren als Wirtschafts- und Politik-Korrespondent für die Funke-Mediengruppe in Berlin. Ich schreibe über Wirtschaft in all ihren Facetten – überregional, für alle Titel – und über Gesundheitspolitik. In dem Bereich liegt gerade unglaublich viel auf dem Tisch: von Krankenkassen über die Pflegeversicherung bis hin zu geplanten Veränderungen für Apotheken. Das ist ein Feld mit enormem Reformbedarf, das die Menschen sehr konkret betrifft und interessiert. Daneben machen wir viel Berichterstattung über einzelne Unternehmen: Wenn bei VW der Gewinn einbricht oder sich bei Lufthansa etwas Grundsätzliches verändert, steigen wir ein und ordnen das ein.
Dazu kommt die klassische Wirtschafts- und Finanzberichterstattung: Welche neuen Entwicklungen gibt es? Was bedeutet das für meinen Geldbeutel? Wie kann ich mein Geld sinnvoll anlegen? In diesem Bereich entstehen auch viele Ratgeberstücke rund um Geldanlage und Vorsorge. Ein weiterer Schwerpunkt sind Interviews – gerade mit Vorständen und CEOs. Wir führen viele Gespräche mit Entscheidern und versuchen, mit diesen Stücken auch zitiert zu werden, weil sie oft Themen setzen oder Debatten anstoßen.
PR Journal: Das ist ja ein ganz schön “weites Feld”, um es mit Fontane zu sagen. Wie sicherst Du eine gewisse Tiefe, ohne für jede Branche Spezialreporter zu sein?
Bath: Das Spektrum ist ja gewissermaßen selbst gewählt – dadurch, dass ich Wirtschafts- und Gesundheitspolitik-Korrespondent bin. Der Blick auf Wirtschaft ist bei uns breiter angelegt als bei spezialisierten Wirtschaftsmedien. Natürlich besteht da die Gefahr, dass man bei einzelnen Branchen oder Entwicklungen bestimmte Details übersieht, und klar: Ich stecke nicht in jedem Thema so tief drin wie ein Branchenreporter, der sich ausschließlich darum kümmert. Aber genau deshalb ist ein gutes Netzwerk so wichtig. Ich habe eine Reihe von Fachleuten, die sich in ihren Bereichen sehr genau auskennen und als Expertinnen und Experten eine hohe Reputation haben. Auf die greifen wir für unsere Beiträge zurück, wir zitieren sie, holen ihre Einordnung ein. Ich muss nicht alles selbst wissen und kann auch nicht für alles Spezialist sein. Meine Aufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen, die Expertise aus diesem Netzwerk anzuzapfen – und sie so aufzubereiten, dass unsere Leserinnen und Leser etwas davon haben.
PR Journal: Ihr habt ja einige Lokalzeitungen in der Gruppe. Wie wichtig ist da Print eigentlich noch?
Bath: Aus Verlagssicht ist Print weiterhin wichtig, weil es nach wie vor eine der Haupteinnahmequellen ist. Gleichzeitig geht die Auflage im Tageszeitungsgeschäft zurück – und das ist ein Wandel, den man vor dem Hintergrund der Mediennutzung jüngerer Zielgruppen nicht mehr zurückdrehen wird. Darauf haben wir unsere Arbeit natürlich längst angepasst. Wir machen dort weiter ein gedrucktes Produkt, wo es wirtschaftlich tragfähig ist, investieren aber stark in unsere digitalen Angebote und Paid-Content-Modelle. Entscheidend ist: Wir wollen online so gute Geschichten und Angebote machen, dass die Leute sagen: Das ist es mir wert, ein Abo bei meiner Regionalzeitungsmarke abzuschließen. Nicht nur, um die besten Geschichten aus der Region zu bekommen, sondern auch die Einordnung: Was passiert in der Welt, im Bund, was darf ich nicht verpassen? Wir denken jede Geschichte konsequent vom Bedürfnis der Leserinnen und Leser her. Was haben sie möglicherweise noch nicht verstanden? Was lässt sich besser erklären? Was beschäftigt sie gerade, wo müssen wir genauer hinschauen?
Am Ende geht es darum, ein Komplettangebot zu schaffen, das so gut ist, dass unsere Leserinnen und Leser gar nicht erst das Gefühl haben, noch zusätzlich zum Spiegel oder zum Handelsblatt greifen zu müssen. Unsere Leserschaft ist natürlich auch eine andere. Wir erreichen „die einfachen Leute“, viele Familien, aber auch kaufkräftige Ruheständler, die ihre Regionalzeitung noch ganz klassisch lesen – und gleichzeitig jüngere Menschen, die sich für das interessieren, was vor ihrer Haustür passiert. Das ist ein besonderer Zuschnitt.
PR Journal: Funke hat auf den ersten Blick eine sehr heterogene Leserschaft. Wie holt ihr die Menschen in den ganz unterschiedlichen Regionen mit eurem Wirtschaftsjournalismus ab?
Bath: Unsere Zielgruppe wirkt auf den ersten Blick sehr heterogen – unterschiedliche Altersgruppen, verschiedene Regionen. Aber so unterschiedlich ist die Leserschaft am Ende gar nicht. Wir machen ja keinen Wirtschaftsjournalismus für ein Fachpublikum. Wenn wir über Wirtschaft berichten, dann erzählen wir sie für Verbraucherinnen und Verbraucher. Wir versetzen uns immer in die Lage der Menschen: Was bedeutet das konkret für mich und meine Familie, meinen Arbeitsplatz, meinen Geldbeutel? Was wird mir genommen, was kommt hinzu? Gleichzeitig geht es darum, Hintergründe und Zusammenhänge verständlich zu machen – gerade in Zeiten von Fake News. Wir dürfen dabei nicht zu viel Vorwissen voraussetzen. Das ist, glaube ich, der wesentliche Unterschied etwa zum Handelsblatt, das einen anderen Wirtschaftsjournalismus macht, der stärker auf Entscheiderinnen und Entscheider in Unternehmen zugeschnitten ist. Das ist eine andere Zielgruppe. Neu hinzu kommt, dass wir ganz gezielt versuchen, eine noch jüngere Zielgruppe über TikTok, Instagram oder Podcasts zu erreichen. Wir haben eine eigene Social-Media-Redaktion, die unsere Inhalte für die entsprechenden Kanäle aufbereitet und noch einmal anders herunterbricht – speziell für sehr junge Nutzerinnen und Nutzer. So wollen wir Menschen früh mit unserer Marke in Berührung bringen. Wenn sie Funke dann kennen und vertrauen, entscheiden sie sich idealerweise später auch bewusst für uns als täglichen Begleiter.
PR Journal: Muss man Journalismus heute stärker entlang eines Spektrums denken – zwischen klassischen Leserinnen und Lesern und eher schnell konsumierenden Nutzerinnen und Nutzern?
Bath: Am Ende musst du dir immer die gleiche Frage stellen: Für wen machst du das? Wir sind uns sehr klar darüber, für wen wir das machen – wir kennen unsere Leserinnen und Leser. Menschen, die sich auf Instagram und Co. informieren, wollen eher kurze, leicht konsumierbare Formate. Die musst du anders abholen als jemanden, der morgens mit der Zeitung am Frühstückstisch sitzt. Gleichzeitig haben wir den Journalismus, den wir hier im Hauptstadtbüro machen – und da reagieren wir auf sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen, etwa bei Breaking News. Dann braucht es manchmal das schnelle Stück. Da stehen wir natürlich im Wettbewerb mit anderen, die ebenfalls sehr schnell sind. Unser Anspruch ist aber, noch einen besonderen Punkt herauszugreifen, einen Aspekt zu vertiefen, den andere so noch nicht haben – ein Thema weiterzudrehen, idealerweise mit einer exklusiven Stimme. Und daneben machen wir auch längere Erklärstücke, die mehr einordnen und Hintergründe liefern. Wir gehören in Deutschland zu den am häufigsten zitierten Regionalmedienmarken. Es ist wichtig für uns, dass es regelmäßig heißt: “Im Gespräch mit den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte XY…”.
PR Journal: Vertrauen in Medien ist ein Dauerthema. Gleichzeitig erleben viele vor Ort ihre Regionalzeitung als verlässliche Quelle. Woran liegt das und wie pflegt ihr dieses Vertrauenskapital im Arbeitsalltag?
Bath: Nähe hilft. Wer Behörden, Betriebe, Vereine und die zuständigen Personen vor Ort kennt, hat einen Vorteil. Vertrauen ist aber kein Besitzstand. Es entsteht durch saubere Belege, klare Quellenangaben und offene Korrekturen. Durch Gegenpositionen im Text. Und durch Ehrlichkeit darüber, was wir sicher wissen, was strittig ist und was offen bleibt. Genau dieser Ansatz erklärt, warum Regionaltitel oft stabiler im Vertrauen stehen. Man weiß, wo sie sitzen, man trifft die Leute auf Veranstaltungen, man kann sie direkt ansprechen. Als vor Ort verwurzelte Regionalzeitungsmarke hast du an deinem jeweiligen Standort natürlich ein hohes Vertrauenskapital, weil du nah an den Menschen und ihren Themen bist. Die Verbundenheit mit der jeweiligen Regionalmarke ist groß – das unterscheidet uns auch von vielen anderen Medien. Diese Nähe zu den Menschen ist unser größter Vorteil, verpflichtet uns aber auch jeden Tag aufs Neue.
PR Journal: Du hast in Berlin einen direkten Draht zu Politik und Verbänden. Wie wichtig sind persönliches Netzwerk und verlässliche Quellen – gerade in Zeiten von KI und schwindendem Vertrauen in Medien?
Bath: Wir haben als Berliner Redaktion natürlich einen Standortvorteil: Wir sind nah dran an Ministerinnen und Ministern, Verbandschefs, Kommunikationsstäben, Pressestellen. Für meine Arbeit ist das eigene Netzwerk entscheidend. Klar, so etwas wächst mit der Zeit – aber es fällt nicht vom Himmel, das ist Arbeit. Deswegen ist man eben auch mal auf Abendveranstaltungen oder in Hintergrundrunden unterwegs. Das ist wichtig, um Informationen als Erster zu bekommen, Interviews führen zu können oder zitierfähige Dinge wie Studien, Umfragen oder interne Papiere exklusiv zu erhalten. Und manchmal reicht auch eine schnelle SMS an eine Abgeordnete oder einen Abgeordneten, um sich eine Information bestätigen zu lassen – oder einen Hinweis zu bekommen, der sonst nicht auf dem Tisch läge. Gut vernetzt zu sein, ist heute einfach Teil des Jobs. Es reicht heutzutage nicht mehr, einfach nur bekannte Dinge neu zusammenzuschreiben. Für Journalistinnen und Journalisten wird es immer wichtiger, Dinge herauszufinden, die noch nicht Teil der öffentlichen Debatte sind – sie einzuordnen und aufzuschreiben. Das wird, schätze ich, auch in den nächsten Jahrzehnten keine KI übernehmen. Es geht ja darum, echten Nachrichtenwert zu schaffen. Und der entsteht über Vertrauen, persönlichen Kontakt und Austausch. Deswegen ist mir um den Reporterjob in dieser Hinsicht nicht bange.
PR Journal: Auch wenn das Vertrauen in Medien insgesamt eher sinkt?
Bath: Natürlich beschäftigt das jede und jeden, der journalistisch arbeitet. Entscheidend wird sein, Vertrauen wieder aufzubauen – und zu zeigen, wie wichtig Journalismus für eine Demokratie ist. Dafür muss Journalismus transparent sein, nah an den Menschen, möglichst fehlerarm – und offen mit Fehlern umgehen, wenn sie passieren. Wir müssen deutlich machen, welchen Wert guter Journalismus hat: dass wir bewusst einen Gegenpol zu den vielen Falschinformationen setzen, die unterwegs sind, und zum Kern des Handwerks zurückkehren. Viele Perspektiven zulassen, mehrere Seiten hören, nicht so tun, als gäbe es nur eine einzig richtige Sicht auf die Welt. Ich glaube, dass die Menschen nach wie vor an der Wahrheit interessiert sind – und daran, Zusammenhänge zu verstehen. Genau dafür ist es wichtig, viele Stimmen zu hören und einzuordnen.
PR Journal: Sprichst Du in deiner Arbeit auch mit Abgeordneten der AfD – oder wie ist da der Umgang?
Bath: Das würde ich nicht grundsätzlich ausschließen. Gerade in der Gesundheitspolitik braucht es aber auch fachliche Expertise – damit ist die AfD bisher wenig aufgefallen.
PR Journal: Wann ist jemand für Dich ein Experte? Wie wird man überhaupt zur Expertin oder zum Experten – und wie lange dauert das?
Bath: Grundsätzlich unterstelle ich Menschen, die an Universitäten zu einem bestimmten Thema forschen, dass sie Expertinnen und Experten sind. Das ist eine verlässliche erste Anlaufstelle. Im Wirtschaftsbereich kommen die großen Wirtschaftsforschungsinstitute dazu – auch dort sitzt viel ausgewiesenes Fachwissen, das wir regelmäßig nutzen. Wenn es dann spezifischer wird, etwa bei einzelnen Branchen, wird es komplexer. Da haben Expertinnen und Experten natürlich oft eine eigene Agenda. Das ist auch nicht per se schlecht, aber man muss es einordnen können. Deswegen hilft es, zusätzliche Stimmen dazuzuholen, um unterschiedliche Perspektiven ins Thema zu bringen. Uns ist bewusst, dass viele Akteure Interessen vertreten – und genau deshalb versuchen wir, das immer mitzudenken. Am Ende ist das der Kern von Journalismus: sich nicht auf eine einzige Sichtweise festnageln zu lassen, sondern ein Thema aus verschiedenen Richtungen zu beleuchten, damit die Leserinnen und Leser ein möglichst vollständiges Bild bekommen.
PR Journal: Sind Hintergrundgespräche für Dich eher unverbindliche Door-Opener – also „erstmal locker im Hintergrund drüber sprechen“ – oder erwartest Du da schon Konkretes?
Bath: Kommt darauf an. Aber unter dem Zeitdruck, unter dem wir arbeiten, wollen wir natürlich auch Ergebnisse. Ich mache selten Termine, aus denen am Ende gar nichts entsteht. Im Idealfall gibt es einen klaren Mehrwert: ein Interview, eine konkrete Geschichte oder zumindest eine Idee, die wir weiterverfolgen können. Wir müssen liefern – auch wenn es heute keinen klassischen Redaktionsschluss für die Printausgabe mehr gibt. Wenn ich jemanden ganz gezielt zu einem Thema brauche, falle ich meist mit der Tür ins Haus und versuche, meine Fragen möglichst direkt loszuwerden. Dann ist das Hintergrundgespräch sehr fokussiert. Gleichzeitig kann es für den Aufbau eines Netzwerks hilfreich sein, erstmal ohne konkreten Aufhänger ins Gespräch zu kommen, einander kennenzulernen und Vertrauen aufzubauen. Wie man ein Hintergrundgespräch nutzt, ist am Ende immer eine Abwägungssache – und hängt stark von Anlass, Person und Thema ab.
PR Journal: Viele Unternehmen wünschen sich oft unkritische Sichtbarkeit. Wie schafft ihr es, Vertrauen aufzubauen – und gleichzeitig klare Kante zu zeigen, wenn eine Idee oder ein Produkt der fachlichen Einordnung nicht standhält?
Bath: Wenn es darum geht, Vertrauen zu schaffen, sind Marken wie unsere relevant. Und natürlich stellen wir auch Produkte oder Dienstleistungen vor – gerade in der Gründerszene. Wir holen dann häufig zusätzlich Expertinnen und Experten dazu, die eine Einordnung geben. Das kann aber auch bedeuten, dass ein Start-up mit einer vermeintlich tollen Idee in der Berichterstattung am Ende nicht ganz so gut dasteht. Dann folgen manchmal Beschwerden per Mail oder ein verärgerter Anruf. Aber das gehört zum Journalismus dazu. Wir müssen fair sein, aber wir müssen einordnen. Gerade junge Unternehmen wünschen sich oft, dass ihre Sichtweise ungefiltert erscheint. Wenn ein Fachmann oder eine Fachfrau die Lösung oder das Produkt inhaltlich auseinandernimmt, sorgt das nicht immer für Begeisterung. Trotzdem ist genau das unser Job. Für Vertrauen spielt außerdem eine Rolle, wie wir Interviews führen: mit kritischen Fragen, klaren Nachhaken und echter Transparenz. Das hat eine viel größere Wirkung auf den Trust-Faktor als ein weichgespülter PR-Podcast.
PR Journal: Was erwartest Du von Unternehmenskommunikation in kritischen Situationen – etwa wenn Stellen abgebaut werden –, damit kein schiefes Bild entsteht?
Bath: Selbst wenn es kritisch wird – etwa wenn ein Unternehmen Leute entlassen muss – erwarte ich, dass die Kommunikation offen bleibt. Wenn man als Journalist nachfragt und nur Dementis oder Schweigen bekommt, entsteht zwangsläufig ein schräges Bild. Da würde ich mir wünschen, dass ein Kommunikationschef einfach mal zum Telefon greift und Dinge einordnet. Es ist ja eine Chance, zu nutzen, dass sich jemand journalistisch interessiert – und den Zusammenhang zu erklären. Stattdessen kommen oft nur knappe Statements, danach wird gemauert. Dabei würde es schon helfen, im Hintergrund zu erläutern, was gerade passiert und warum. Sich anschließend zu beschweren, die Darstellung sei falsch oder nicht vollständig ausgefallen, dafür habe ich wenig Verständnis. Gerade im Regionalbereich habe ich das häufig erlebt: erst mauern, dann klagen, wie es in der Zeitung steht. Transparenz wäre da der viel bessere Weg.
PR Journal: Wie erlebst Du den Umgang mit Interview-Autorisierungen – und was machst du, wenn Aussagen im Nachhinein stark verwässert oder sogar vollständig gestrichen werden?
Bath: Es gibt natürlich viele, die glauben, dass sie Journalistinnen und Journalisten nicht mehr brauchen – und manchmal stimmt das vielleicht sogar. Aber wenn man sich dann auf ein Interview einlässt, wissen ja eigentlich alle, unter welchen Bedingungen das passiert. Es gibt in Deutschland ja sogar die Regel, dass Interviews autorisiert werden, bevor sie veröffentlicht werden. Was mir dabei leider immer wieder passiert – und was ich wirklich für ein Unding halte – ist, dass Aussagen komplett gestrichen oder so verändert werden, dass sie in ihrer Bedeutung nicht mehr dem entsprechen, was im eigentlichen Gespräch gesagt wurde. Passagen, die klaren Nachrichtenwert hätten, tauchen in der autorisierten Fassung plötzlich gar nicht mehr auf. Das ist frustrierend. Wie gehe ich damit um? Ich hake nach, ich zeige Alternativen auf. Und im Zweifel nehme ich als Learning mit, das nächste Gespräch dann lieber mit jemand anderem zu führen.
PR Journal: Gibt es eine Geschichte an die Du dich besonders erinnerst? Welche Lehre ziehst du daraus für Methode und Ton im Wirtschaftsjournalismus?
Bath: Tatsächlich hat eine Recherche, die ich noch zu Lokalzeitungszeiten losgetreten habe, dazu geführt, dass finanzielle Schwierigkeiten eines Unternehmens öffentlich wurden. Die betroffene Firma musste später Insolvenz anmelden, was auch Folgen für öffentliche Gelder hatte. Es geht bei sowas aber nie darum, am Ende recht zu behalten, sondern die Lage so präzise zu beschreiben, wie sie ist. Wo Berichterstattung Konsequenzen hat, muss sie höchsten Maßstäben genügen – in der Beleglage, in der fairen Gegenrede und in der Transparenz der Methode.
PR Journal: Und gab es in diesem Jahr ein besonderes Interview-Highlight für Dich? Gespräche, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Bath: Mein persönliches Highlight war das Interview mit Klaus-Peter Schulenberg, dem CEO von Eventim. Der hat mich sehr beeindruckt – einer der klassischen Macher, der ein Milliardengeschäft aufgebaut hat, in einem Feld, das ohnehin spannend ist: Live-Entertainment, Tickets, große Emotionen. Dazu eine Persönlichkeit, die sehr klar, sehr direkt ist. Sehr interessant fand ich auch das Gespräch mit dem CEO der Schweizer Sportmarke On. Zu sehen, was ihn antreibt und wie er die Marke im Wettbewerb gegen die großen Player wie Nike und Adidas positionieren will – das war ebenfalls sehr spannend. Solche Interviews geben einem noch einmal einen anderen Blick darauf, wie Unternehmen und Persönlichkeiten ticken, die ganze Branchen prägen.
Über den Autor: Nils Wigger ist Geschäftsführer von Neo Relations. Die Kommunikationsberatung unterstützt Technologieführer und Investoren bei Stakeholder Relations, C-Level-Kommunikation und strategischem Storytelling. Wigger hat über 10 Jahre Erfahrung in der Technologiekommunikation, u.a. bei Unternehmen wie WAGO, dem Luftfahrtverband BDL, Brose und getpress.
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