Branche Weihnachtsfilme 2025 Kein Kult-Potenzial, aber Nostalgie
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- von Steffi Schwalm, Frederike Lohse und Annika Schach
Gefühlvoller Alltag statt Ausnahmezustand – unter diesem Titel lassen sich die diesjährigen Weihnachtsfilme der Marken subsummieren. Wir sehen große Gefühle in den klassischen Konstellationen in Familie, Beziehung und Freundschaft. Bei aller gesellschaftlichen Debatte zu KI finden sich kaum Beiträge, die hier erkennbar Emotion mit Technik ansprechend verbinden. Positiv gesprochen: Es findet eine Besinnung auf die Menschen statt, eine Entdramatisierung des Weihnachtsnarrativs durch herzerwärmende kleine Geschichten. Kritisch betrachtet fehlt der Mut für kreative und aufrüttelnde Themen, guten Humor und auch gesellschaftspolitische Haltungsbotschaften.
Interessanterweise unterscheidet sich die diesjährige Top-Liste fundamental von der des letzten Jahres. Große Storyteller wie Disney, Apple, Coca Cola, John Lewis können in diesem Jahr nicht herausstechen. Mit einer ordentlichen Prise Nostalgie finden die magischen Momente 2025 meist im Persönlichen statt. Das Weihnachtsfest, das manchmal chaotisch ist, aber von Erinnerung und Gefühlen zwischen den Generationen geprägt ist, steht in den meisten Produktionen im Mittelpunkt − mit gefühlvollen Musikkompositionen und der typisch opulenten Weihnachtsinszenierung.
In guter Tradition sichten wir bei segmenta wie in jedem Jahr die Weihnachts- bzw. Holiday-Movies – weil wir emotionale Geschichten lieben. Wenn gleich sich in diesem Jahr kein Film mit Kult-Potenzial zeigte, haben wir die bemerkenswerten Weihnachtsclips 2025 aus Kommunikationsperspektive zusammengestellt:
1. Denns & BioMarkt – Am besten natürlich
Der Denns & BioMarkt Weihnachtsfilm erzählt die einfache Geschichte eines krumm gewachsenen Baums, der überall abgelehnt wird – bis ein Mädchen ihn auswählt und ihm damit Bedeutung schenkt. Ein leiser, warmer Spot, der das Wertvolle im Unperfekten feiert und genau dadurch sehr gut zu Denns passt.
Vieles daran ist stimmig: die klare Idee, die sanfte Bildsprache, die tragende Melodie, das Vertrauen in eine kleine Metapher, die ohne Pathos auskommt. Der Film fühlt sich ehrlich an und schafft es, nachhaltige Markenwerte emotional aufzuladen, ohne belehrend zu werden. Ein moderner Gegenentwurf zu den oft überinszenierten Weihnachtsnarrativen. Und doch bleibt ein kleiner blinder Fleck: Die Metapher ist schön, aber erwartbar. Der Spot berührt – aber irritiert nicht. Die Haltung ist spürbar – aber nicht kantig. Für eine Marke, die sich über Natürlichkeit und Wertschätzung definiert, ist das stimmig. Für ein außergewöhnliches Storytelling vielleicht eine Spur zu vorsichtig.
Das Ergebnis ist aber ein sympathischer, runder Film, der Menschen abholt, ohne sie zu überfordern. Ein Spot, der nicht laut sein will – und darin zugleich seine größte Stärke findet. Link: Am besten natürlich – Denns & BioMarkt
2. LIDL – Wundervolles lohnt sich jeden Tag
Der aktuelle Weihnachtsfilm von Lidl erzählt mit wenigen Worten und vielen Bildern von der Idee: Weihnachten (und eigentlich jeder Tag) kann besonders sein, wenn wir uns Mühe geben und füreinander da sind. Im Mittelpunkt steht ein Mädchen, das mit Unaufgeregtheit und ehrlicher Stimme erklärt, was für sie Weihnachten wirklich bedeutet: nicht Konsum oder Perfektion, sondern Nähe, Mitgefühl und Wertschätzung.
Die Stimmung ist sanft und vertraulich. Die Bildsprache vermeidet Kitsch, setzt auf warmes Licht und ruhige Szenen, und die musikalische Untermalung bleibt im Hintergrund – gerade so viel, dass sie die Emotion trägt, ohne sie künstlich hochzudrehen. Der Film verzichtet auf laute Effekte oder glamouröse Überhöhung; er wirkt wie ein leises Versprechen: Jeder Tag kann ein kleines Fest sein, wenn wir uns entscheiden, freundlich und aufmerksam zu sein. Er spart auch nicht mit kleinen Comic Reliefs: Das Mädchen weist mehrfach darauf hin, dass es permanent etwas zu futtern gibt. Man fühlt: Es geht um Gemeinschaft, ums Teilen und um einfache Gesten – nicht um perfekte Inszenierung. Für eine große Marke wie Lidl funktioniert das sehr gut: Der Spot bleibt im Alltag verankert und erscheint authentisch. Gleichzeitig schafft er einen ruhigen, menschlichen Moment in einer Zeit, die gern überladen und überfrachtet ist.
Ja – die Geschichte überrascht nicht. Aber sie muss es auch nicht. Gerade ihre Schlichtheit ist stark. Am Ende bleibt ein Gefühl von Wärme und Hoffnung – und das ist mehr, als viele Weihnachtsspots erreichen. Link: Wundervolles lohnt sich jeden Tag.
3. Waitrose - The perfect gift
Der Waitrose-Weihnachtsfilm erzählt eine zarte Begegnung am Käsetresen – und bekommt sofort eine besondere Note, weil die Frau im Mittelpunkt niemand Geringeres als Keira Knightley ist. Sie tritt nicht als Hollywoodstar auf, sondern als ganz natürliche Figur, was dem Spot eine schöne, unaufgeregte Wärme verleiht.
Die Stimmung erinnert deutlich an „Tatsächlich … Liebe“: britisch, romantisch, ruhig erzählt und getragen von kleinen Gesten statt großen Effekten. Genau diese Atmosphäre macht den Spot so charmant – wie ein Mini-Romcom-Moment mitten im Alltag. Mit rund vier Minuten ist der Film bzw. Director's Cut ungewöhnlich lang für Werbung, aber die Zeit wird klug genutzt. Der Spot entwickelt sich in Ruhe, lässt Blicke und kleine Interaktionen wirken und schafft dadurch eine echte, glaubwürdige Nähe. Wer sich auf das Tempo einlässt, bekommt einen überraschend liebevollen Kurzfilm. Die Verbindung zu Waitrose ist dezent, aber stimmig: der Käsetresen, die Zutaten, die hochwertige, warme Ästhetik – alles erzählt etwas über die Marke, ohne sie aufdringlich einzusetzen.
Alles in allem ein sanfter, eleganter Weihnachtsfilm, der durch Atmosphäre statt Lautstärke überzeugt. Warm, britisch, romantisch – und getragen von einer Keira Knightley, die dem Alltag einen Hauch Filmzauber verleiht. Link: The perfect gift.
4. Erste Bank – Carry the Light
Dieser Film ist harte Kost für Tierfreunde. Wir tauchen ein in die bedrückende und trostlose Welt eines kleinen Esels in historischem Setting. Quälende Strapazen, kein Futter und Gewalt bestimmen das Leben des tierischen Protagonisten. Bis eines Tages eine junge Frau erscheint, den Esel rettet und mit ihm und ihrem Mann weiter zieht.
Man muss kein Weihnachtsprofi sein, um dann zu erkennen: Es handelt sich um Maria. Die Botschaft: Hoffnung und Gutmütigkeit kommen oft von den Kleinsten unter uns. Glaub an dich. Die Kampagne „Carry the Light“ der österreichischen Bank ist vielleicht in der Story voraussehbar, aber in der Inszenierung hebt sie sich deutlich vom gesamten Filmangebot 2025 ab. Sie schafft es die Trostlosigkeit emotional zu vermitteln und hat es so in unsere Christmas-Top-Liste geschafft. Link: Carry the Light.
5. Uber – Close
Der erste internationale Weihnachtsfilm von Uber ist überraschend leise und stellt eine Vater-Tochter-Beziehung in den Mittelpunkt der Handlung. Close nimmt uns mit auf eine Erinnerungsreise, wenig überraschend eine Uber-Fahrt. Eine junge Frau fährt vom Flughafen zum Haus ihres Vaters und denkt über vergangene Erlebnisse nach.
Große Gefühle, schöne Momente, aber auch Streit werden getragen von emotionaler Musik. Das Unternehmen kommuniziert nicht nur einen Purpose des Zusammenbringen von Menschen, sondern inszeniert die Fahrt selbst als Raum des Reflektierens. Uber zeigt, was die Basiszutaten für einen ansprechenden Weihnachtsfilm sind: hochwertige Bilder, Melancholie und emotionale Musik. Der Film setzt auf Nachdenklichkeit und durchaus diverse Gefühle in der familiären Weihnachtszeit, schwierig, herzlich, aber doch von Liebe geprägt. Close reiht sich damit in ähnliche 2025er Narrative der Eltern-Kinder-Beziehung ein wie bei John Lewis und der Telekom, bringt aber die Emotion in dem – zugegebenermaßen sehr langen Film – am besten rüber. Und schafft eine stringente aber unaufdringliche Verbindung zum Markenversprechen.
Funktioniert ohne Worte, PR-Weihnachtsengel-Daumen hoch. Link: An Uber Holiday Story.
6. Etsy – Gifts that say I get you
Etsy inszeniert Weihnachten 2025 nicht als glitzerndes Konsum-Spektakel, sondern als persönliche Hommage an das, was uns einzigartig macht. Im Zentrum stehen drei kurze Spots, die in derselben Schulgemeinschaft spielen. Alle drehen sich um Menschen, deren Unterschiede bei näherem Hinsehen besondere Stärken sind. Der Hero-Spot Little Drummer Boy erzählt von Alex, einem Jungen, der unentwegt mit Fingern, Stiften oder Bleistiften auf alles trommelt. Statt ihn ständig zurechtzuweisen, erkennt seine Lehrerin das Potenzial in ihm - und schenkt ihm personalisierte Drumsticks. Plötzlich gehört seine Rastlosigkeit dazu. Ein Geschenk, das sagt: „Ich sehe dich.“
Etsy bricht mit dem üblichen Festtags-Narrativ und gibt der Personalisierung einen echten erzählerischen Rahmen. Der Fokus liegt nicht auf dem perfekten Geschenk, sondern auf der Frage: Wer bist du - und woran erkennt dich jemand, der dich kennt? Handwerklich überzeugt die Reihe durch Authentizität: warme Bildästhetik, ruhiger Erzählrhythmus, klare Figurenzeichnungen. Die Geschichten sind klein, aber nicht banal. Die Botschaft: Gifting ist nicht Transaktion - es ist Kommunikation.
Wenn Weihnachten eine Nachricht braucht, dann diese: Manchmal ist das beste Geschenk, einfach gesehen zu werden. Link: Little Drummer Boy - Etsy
Über die Autorinnen: Dieser Text ist in einer weihnachtlichen Gemeinschaftsproduktion entstanden. Stefanie Schwalm ist Director Strategy & Head of Innovation, Frederike Lohse ist Executive Director of Client Services & Digital Consulting bei segmenta und Annika Schach ist Geschäftsführerin bei segmenta futurist:a und Professorin für Public Relations an der Hochschule Hannover.
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