Der Gründer der re:publica, Markus Beckedahl, warf der Bundeswehr Desinformation vor. (© Jan-Michalko, republica)

Über die re:publica in der Station Berlin berichten Medien aufgrund der hochkarätigen Speaker meist umfangreich. Einen aus Sicht der Macher wohl unfreiwilligen Boost in der Medienberichterstattung sowie in den Social Media erlebte das dreitägige Digital-Event dieses Jahr, als der inzwischen übliche Empörungsmechanismus einsetzte. Mitglieder der Bundeswehr stellten sich am ersten Tag mit einer Werbetafel vor die Veranstaltungslocation und beklagten auf Facebook, dass sie nicht auf dem Gelände für die Truppe werben durften.

Die Aktion der Bundeswehr fanden die re:publica-Chefs unschön und machten in Statements deutlich, dass Vertreter der Bundeswehr sehr wohl hätten teilnehmen dürfen – nur nicht in Uniform. Markus Beckedahl, Gründer der re:publica, griff gegenüber dem „Deutschlandfunk“ zu harter Rhetorik und warf der Bundeswehr eine „Desinformationskampagne mit den Mitteln der Propagandaabteilung der Bundeswehr in Sozialen Medien“ vor. Ein Mini-Cyberwar also. Aufregung bei allen, die ihre digitale Heimat in bevorzugt konservativen Filterblasen haben.

Ulf Poschardt von der „Welt“ aus dem superdigitalen Axel Springer Verlag fand das Nicht-Zulassen der Bundeswehr empörend und gab den „Superdigitalen“ mit den „Turnschuhen“ – gemeint waren die re:publica-Macher – in einem Kommentar einen mit. Blogger Thomas Knüwer wiederum hat nun kein Herz mehr für die Bundeswehr und in der „Freitag“-Community hieß es gleich „Parlamentsarmee im Guerillakrieg“. Die Mehrzahl der etwa 10.000 Besucher dürfte dem PR-Stunt der Parlamentsarmee wohl ablehnend gegenübergestanden haben.

Rein oder raus?

Auch Influencer aus der PR-Branche zeigten sich meinungsstark. Axel Wallrabenstein, Chairman der MSL Group, hätte die Bundeswehr reingelassen, wie er gegenüber „Meedia“ deutlich machte. Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, Geschäftsführer von Cohn & Wolfe, twitterte: Die „Troll-Attacke“ der Bundeswehr zeige, dass sie die „Social Society“ als Feind ansehe. Sascha Stoltenow, Partner bei Script Communications und „Bendler-Blogger“ mit Reserveoffizier-Vergangenheit, hielt die Aktion der Soldaten für „pubertären Protest“.

Wem brachte der Auftritt überhaupt etwas? Aufmerksamkeit zu erhaschen ist der Bundeswehr sicherlich gelungen – entsprechend der alten PR-Weisheit „Bad News is Good News“. Für sich positiv als Arbeitgeber zu werben eher nicht. Wo war denn die positive Botschaft? Unklar ist, ob es überhaupt darum ging, Personal zu rekrutieren, wie die meisten Medien berichteten. Der „RBB“ zitierte Oberleutnant Jan Czarnitzki, die Bundeswehr habe „absolut nicht rekrutieren wollen“. Stattdessen habe man eine Message senden wollen an die Veranstalter: „Wir kämpfen auch dafür, dass ihr gegen uns sein könnt.“

Auch die re:publica dürfte sich imagetechnisch keinen Gefallen getan haben. Offenheit und Toleranz hat sie jedenfalls nicht demonstriert; Auftritte der von Barack Obama frühzeitig aus der Haft entlassenen Whistleblowerin Chelsea Manning und eine donnernde Rede des Journalisten und Bloggers Sascha Lobo gingen medial etwas unter.

Bundeswehr EB Kampagne 2017Den Veranstaltern der re:publica aber vorzuwerfen, sie hätten ein generelles Problem mit der Bundeswehr (Abb. (c) Bundeswehr), wie es beispielsweise Ulf Poschardt suggeriert, schließt sich eigentlich aus. Im vergangenen Jahr hatte Dirk Feldhaus, Beauftragter für die Kommunikation der Arbeitgebermarke Bundeswehr im Bundesverteidigungsministerium, in einem Panel in zivil über die mit zahlreichen Kommunikationsawards ausgezeichnete Serie „Die Rekruten“ und deren Nachfolgestaffel „Mali“ diskutiert – Video-Content-Marketing lautete das Thema. Eine Mini-Protestaktion von Bundeswehr-Gegnern gab es gratis dazu.

Wirklich gestört gefühlt hatte sich damals niemand an dem Panel. Es war rappelvoll.


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