Mit dem WTF hat Quadriga Media ein neues Event-Format für den Nachwuchs in der Kommunikationsbranche geschaffen. (Foto: Rahel Camps)

Keine Messe, kein Kongress und auf gar keinen Fall eine verstaubte Konferenz voller Anzugträger sollte es sein. Nein, ein Festival für junge Kommunikatoren sollte es werden: das We Transform Communications Festival – kurz WTF – das letzte Woche auf Einladung von Quadriga Media in Berlin stattfand. WTF? Ja, das Wortspiel ist von den Veranstaltern absichtlich gewählt und steht sinnbildlich für die Gefühle, mit denen viele von uns den gewachsenen Anforderungen in der Kommunikationsbranche begegnen: Ratlosigkeit, Staunen und Sorge, wie man mit all dem Neuen, das durch die Digitalisierung in Unternehmen und Agenturen Einzug erhalten hat, umgehen soll.

Als 32-jährige PR-Beraterin gehöre ich noch so gerade zur angesprochenen Zielgruppe, denn auf der Website des WTF hieß es klar: „Ihr kennt Berlin, wir haben harte Türen. Ihr müsst 1983 oder danach geboren sein.“ Doch nicht nur mit dieser von manch einem im Vorhinein als diskriminierend empfundenen Altersgrenze wollte das WTF ein ganz neues Event ins Leben rufen, auch das Programm versprach innovative Formate, die mehr auf Austausch und Interaktion als berieselnde Belehrung setzten. Und wie es sich für ein Festival gehört, sollte abends auch noch gemeinsam gefeiert werden. Soweit meine Vorrecherche, die mich mit ganz schön hohen Erwartungen, aber auch ein bisschen Furcht vor anstrengendem Hippstertum nach Berlin fahren ließ. Hier nun mein kleiner Reisebericht mit ausgewählten Highlights des WTF.

„Überforderung ist kein Problem, sondern der Default-Modus unserer Zeit“

Pünktlich zum Auftakt erreiche ich die recht mondäne Veranstaltungslocation: die Kulturbrauerei im Zentrum von Prenzlauer Berg. Zu meiner freudigen Überraschung sieht das Publikum nicht besonders hipsterig aus, sondern scheint aus etwa 250 ganz normalen Gleichgesinnten zu bestehen, die sich zwei Tage weiterbilden wollen. Die Moderatorin Muschda Sherzada ist sympathisch, bricht das Eis mit dem Bericht ihrer „What the F***“-Momente als gerade mal Anfang zwanzigjährige Pressesprecherin des Online-Shops About you. Sie führt auch in den folgenden zwei Tagen souverän durch das Festival.

Es folgen die ersten Key Insights mit Dirk von Gehlen, Leiter Social Media und Innovation bei der „Süddeutschen Zeitung“, von denen viele Teilnehmer später sagen werden, dass es sich um einen der besten Vorträge der ganzen Veranstaltung gehandelt hat. Das liegt auch an der bestechenden Einfachheit von von Gehlens Aussagen: „Wagt mehr Ratlosigkeit, steht zu eurer Überforderung und seid bereit zu scheitern!“, sind seine Antworten auf den Umgang mit den vielen neuen Herausforderungen, die uns täglich im Internet begegnen. Sein Maskottchen ist der Shruggie ¯\_(ツ)_/¯, ein vielfach adaptiertes, schulterzuckendes Emoji, das ausdrückt, dass man keine Ahnung hat.

„Wir müssen wie der Shruggie eine Haltung der Ahnungslosigkeit gegenüber dem Internet einnehmen“, so von Gehlen. Der größte Fehler sei, immer alles sofort zu bewerten und auf alles eine Antwort haben zu wollen. Dabei sei es mehr Chance als Problem, keine Ahnung zu haben. Der größte evolutionäre Lernerfolg stelle sich ein, wenn wir irritiert und bereit seien, eine kulturpragmatische Sicht einzunehmen.

Dem Publikum gibt von Gehlen fünf ganz konkrete Ratschläge mit auf den Weg, um unsere eigenen Ansichten hintan zu stellen: 1. Halte es aus, mal keine Antwort zu haben. 2. Finde gute Fragen. 3. Stelle Gewissheiten in Frage und überlege was wäre, wenn das Gegenteil richtig ist. 4. Vertraue dem Zufall. Und 5. Scheitere, denn ohne Fehler sind Versuch und Irrtum nicht möglich. Was für eine wunderbare Einleitung!

Kein Feedback vom Profi

Sehr gespannt bin ich auf das Format der Simulation Games. Ich habe mich für eines zum Thema Storytelling mit Dirk Benninghoff von fischerAppelt entschieden und bin damit nicht allein: Der Raum ist gerappelt voll, obwohl das Game noch zweimal wiederholt wird und gleichzeitig vier Sessions zu anderen Themen laufen. Doch leider werden meine Erwartungen enttäuscht.

WTF 2017 SiegergruppeZunächst gibt es eine maue Einführung, die mit den fünf goldenen Regeln für besseres Storytelling à la „Immer an den Leser denken“ oder „Mut zur Schwäche“ nicht recht überzeugt und für alle, die sich auch nur rudimentär mit dem Thema beschäftigt haben, nichts Neues bereithält. Nach der Vorstellung einiger wenig auf die eigene Praxis adaptierbarer Best practices werden wir in den Wettbewerb geschickt: Zu einem besonders langweiligen Börsenprodukt sollen wir in Gruppen eine überzeugende Story entwickeln und beschreiben, in welchen Formaten und über welche Kanäle wir sie vermarkten würden. Am Ende stimmen die meisten für die Story meiner Gruppe (siehe Foto), doch ohne Feedback vom Profi fühlen wir uns etwas in der Luft hängengelassen. Ein Schuft, wer meint, hier nutze man das WTF, um mal eben die Ideenkraft der anwesenden Jung-Kommunikatoren anzuzapfen.

Foto: Der erste Platz im Storytelling-Simulation Game würde sich mit Feedback vom Profi noch besser anfühlen. (Foto: Quadriga)

Auf die Selbstoptimierung

Im Rahmen der „Me, Myself and I“-Sessions, die einem Skills für die eigene Karriereentwicklung vermitteln wollen, entschließe ich mich, an einem Coaching von Quadriga-CEO Rudolf Hetzel teilzunehmen. Im Workshop „Karriere 4.0 – How to develop yourself?“ will er uns eine Methode zeigen, mit der wir unsere Karriere entwickeln können. Trotz chaotischer Organisation und schlechtem Zeitmanagement sind ein paar brauchbare Tipps dabei. Hetzels Strategie: sich ein Ziel für die nächsten drei Jahre definieren, dieses in Unterziele herunterbrechen, die man in den nächsten sechs Monaten umsetzen kann, Projekte und Schritte definieren, mit denen das Ziel erreicht werden kann und ganz wichtig: dem Ziel ein Gefühl geben. Denn nur was Furcht oder Freude auslöse, führe dazu, dass man es umsetze. Dazu bekommen wir eine Emotions-Matrix ausgeteilt, mit der wir jetzt unsere schnell überlegten Ziele auf ihr Herausforderungspotenzial überprüfen können. Alles was keine Emotion weckt und keine Überwindung kostet, fliegt raus. Ein Plädoyer für das momentan so angesagte Phänomen der Selbstoptimierung.

Unprätentiös und inspirierend: Fränzi Kühne

WTF 2017 Fraenzi KuehneAuf dem Hot Seat, auf dem erfolgreiche Kommunikationsprofis aus dem Nähkästchen plaudern, sitzt Fränzi Kühne, Gründerin und COO der Agentur TLGG. Kühne ist in den letzten Wochen oft als Deutschlands jüngste weibliche Aufsichtsrätin eines börsennotierten Unternehmens durch die Presse gegangen (siehe dazu das Interview mit ihr auf „Zeit online“), und ich freue mich, ihr jetzt unmittelbar gegenüberzusitzen. In kleiner Runde stellt sie sich den Fragen der etwa 20 Teilnehmer, die – wie einer von ihnen mir später sagt –, „man sich nicht mal trauen würde, sie im Vorstellungsgespräch zu stellen“. Unprätentiös berichtet Kühne über ihren Einstieg und Erfolgsweg in der Digitalbranche, die Bedeutung von Netzwerken und Mini-Weiterbildungen und darüber, wie sehr es sie nerve, mehr auf Frauenquoten als auf ihre Digitalkompetenz angesprochen zu werden. Einfach wunderbar und inspirierend, dieser intelligenten Frau zuzuhören.

Foto: Stellte sich auf dem Hot Seat den Fragen der Teilnehmer: Fränzi Kühne (Foto: Quadriga)

Mein Fazit

Ein lohnendes Format für alle, die wirklich noch am Anfang ihrer Karriere stehen und Lust auf den Austausch mit Gleichgesinnten haben. In diesem Jahr bleibt das WTF leider noch ein bisschen hinter den Erwartungen zurück: Die Schere zwischen ein paar Spitzenrednern wie Dirk von Gehlen, Fränzi Kühne oder Peter Wittkamp und einigen sehr schlecht ausgewählten Speakern wie dem Trump-Berater und Fracking-Verfechter Vincent Harris geht noch sehr stark auseinander. Aber was haben wir am Anfang gelernt? Nur wer Dinge ausprobiert und Fehler macht, wird vorankommen. Die Veranstalter werden sich das ganz sicher zu Herzen nehmen. Bis dahin freue ich mich über dieses neue Format im bisher eher traditionell verhafteten Veranstaltungsdschungel.


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