Benninghoff Dirk„Medien 2017 – zwischen Filterblasen und Fake News“ – so lautete das Thema des Spread Talk von fischerAppelt in der neuen schmucken Berliner Dependance der Agentur in der Schönhauser Allee im post-hippen Prenzlauer Berg. Auch wenn die Wörter „Filterblasen“ und „Fake News“ in dem rund 50-minütigen Talk mehrfach vorkamen, schien Dirk Benninghoff (Foto), Chefredakteur bei fischerAppelt und Moderator des Abends, irgendwie eine andere Agenda zu haben: Einfach mal ein bisschen über Medien plaudern, wäre passender gewesen.

Angesichts der Tatsache, dass Fake News derzeit rauf und runter diskutiert werden und sich bereits erste Sättigungstendenzen bei Lesern und Zuschauern bemerkbar machen, hatte Benninghoff mit der themenoffenen Gesprächsrunde allerdings auf das richtige Pferd gesetzt, indem er seine Fragen breiter anlegte. Es entwickelte sich eine sehr praxisnahe Debatte über verschiedene aktuelle Facetten der Medienwelt. Als ehemaliger Journalist in Führungspositionen bei „bild.de“, „Stern“ und der „Financial Times Deutschland“ ist Benninghoff natürlich hervorragend vernetzt und so diskutierten mit ihm die stellvertretende Wirtschaftsressortleiterin des „Spiegel“, Susanne Amann, „Vice“-Chefredakteurin Laura Himmelreich, Jörg Quoos, Chefredakteur der „Funke Mediengruppe“, sowie „Zeit-Online“-Chef Jochen Wegner – einige Meinungsführer des deutschen Journalismus also.

Quoos Joerg Chefred Funke MediengruppeAm Ende des Tages stellt sich natürlich immer die Frage, was man aus einer Gesprächsrunde, die fast ausnahmslos vor Zuhörern aus PR, Medien und sonstigen kommunikationsnahen Berufen stattfindet, mitnehmen kann. Vertrauensverlust der Medien, Online versus Print, personelles Ausdünnen der Redaktionen, weniger Qualität der Journalisten und Produkte – alles tausendmal gehört. Vielleicht muss man sich aber auch gar nicht immer mit der Meta-Ebene der Medienkritik beschäftigen, sondern sollte das Ganze mal bodenständiger angehen – so wie es Jörg Quoos (Foto l.) vorschlägt, Chefredakteur der „Funke Mediengruppe“, die unter anderem das „Hamburger Abendblatt“ sowie „Berliner Morgenpost“ und „WAZ“ redaktionell gestaltet. Er weigerte sich, in das mediale Rumgejammer und Früher-war-alles-besser-Denken einzusteigen und forderte seine Journalistenkollegen stattdessen auf, ihr Handwerk so auszuüben, wie sie es gelernt haben. „Wir stellen sehr gute Produkte her – vielleicht bessere als jemals zuvor – und müssen an uns glauben“, sagte Quoos.

Einhaltung der journalistischen Grundprinzipien

Zahlreiche Print- und Online-Leser sowie TV-Zuschauer meinen immer häufiger festzustellen, mediale Inhalte würden nicht der Wahrheit entsprechen. Es werde einseitig berichtet und Sachverhalte verschwiegen, so der Vorwurf. Fehler seien so früher nicht vorgekommen – eine sehr subjektive Betrachtungsweise ohne statistischen Nachweis. Für Quoos sollte die erste Devise für Journalisten angesichts dieser extrem vorurteilsbehafteten Öffentlichkeit trotzdem lauten, „dass wir als Medien keinen Unsinn verbreiten. Wir müssen nicht die schnellsten sein oder die schönsten Artikel schreiben, aber es muss alles stimmen“, forderte der ehemalige „Focus“-Chefredakteur. Diese Botschaft gebe er seinen Redakteuren regelmäßig mit auf dem Weg.

Er erinnerte auch an einige journalistische Grundprinzipien, die nicht mehr überall konsequent eingehalten würden: „Fakten sollten anhand von zwei unabhängigen Quellen verifizierbar sein. Es muss das Vier-Augen-Prinzip gelten. Wenn du Bullshit baust, musst du dazu stehen und es deinen Lesern sagen.“ Umso transparenter Medien arbeiten würden, desto besser, meint er. Fehler wie die falsche Eilmeldung von „Spiegel Online“, dass die NPD vom Bundesverfassungsgericht verboten worden sei, während genau das nicht erfolgt ist, dürften einfach nicht passieren. „Selbst wenn das nur 20 Sekunden online stand“, so Quoos.

Amann Susanne Red Wirtschaft SpiegelInsbesondere der „Spiegel“ als Flaggschiff des investigativen Journalismus in Deutschland muss sich seit Jahren einer Qualitätsdebatte stellen. Aufwändig recherchierte Geschichten, die für Außenstehende mangels Quellenoffenlegung nicht nachprüfbar sind und bei denen Vertrauen gegenüber der Genauigkeit und Integrität der Redakteure und Reporter Grundvoraussetzung ist, stehen schnell im Verdacht nicht wahr zu sein – ein Vorwurf, den Wirtschaftsredakteurin Susanne Amann (Foto r.) aus hunderten von Leserbriefen kennt. „Selbst Abonnenten, die uns eigentlich wohlgesonnen sind, meist einen akademischen Hintergrund besitzen und es besser wissen sollten, lassen in Leserbriefen alle Hemmungen fallen“, berichtet sie. „Vorwürfe, wir würden lügen und falsch berichten, sind an der Tagesordnung.“

Wer die Werbemaßnahmen des „Spiegel“ und dessen Eigen-PR seit einiger Zeit verfolgt, stellt fest, dass das Magazin immer stärker seine Dokumentationsabteilung in den Vordergrund rückt, die bisher höchstens mal im Impressum aufgrund der Masse an Namen aufgefallen ist, bei denen man sich fragte, was all die dort erwähnten Personen eigentlich genau machen. Fakten überprüfen, Originalquellen suchen, Thesen der Redakteure nachgehen, lautet die Antwort. Deshalb sieht Amann den „Spiegel“ nach wie vor in einer recht komfortablen Situation. „Wir können beweisen, dass wir die Wahrheit schreiben. Bei der Print-Ausgabe des ‚Spiegel‘ arbeiten allein 85 Kollegen in der Dokumentation, die alle Fakten checken und bei Unklarheiten bei den Redakteuren kritisch nachfragen.“ Bei „Spiegel Online“ würden allerdings genau zwei Kollegen diese Aufgaben übernehmen, räumte sie ein. Ist der Vorwurf, Online-Medien hätten ein Qualitätsproblem angesichts dessen wirklich so abwegig?

Wie umgehen mit Trump?

Wegner Jochen Chefred Zeit onlKeine Diskussion aktuell ohne Donald Trump. Die Frage, ob Medien dessen Wahl zum Präsidenten hätten verhindern können oder müssen, stand im Raum. „Es ist nicht der Job von uns Journalisten, dem Volk einen Präsidenten auszureden“, meinte Jochen Wegner (Foto l.). „Wir spielen Trumps Spiel mit und geben ihm vielleicht zu viel Aufmerksamkeit.“ Ermüdungserscheinungen meint Wegner angesichts der Omnipräsenz des US-Präsidenten in den Redaktionskonferenzen wahrzunehmen – eine Auffassung, mit der der profilierte Online-Journalist angesichts der häufig an Trumps Tweets aufgehängten Berichterstattung nicht alleine ist.

Himmelreich Laura Chefred Vice by Grey HuttonDie Meinung von Laura Himmelreich (Foto r.; © Grey-Hutton) traf Wegner damit nicht. „Trump ist der amerikanische Präsident. Den kann man nicht ignorieren“, entrüstete sich die „Vice“-Chefredakteurin, die vor einigen Jahren darüber berichtete, vom FDP-Politiker Rainer Brüderle in Altherren-Manier während ihrer Zeit beim „Stern“ mit ihrer angeblichen Dirndl-Tauglichkeit konfrontiert worden zu sein, was eine bundesweite Sexismus-Debatte auslöste. „Die Jugend ist aufgewühlt“, weiß Himmelreich aus ihrer eigenen jungen Redaktion zu berichten. Die Leute würden wissen wollen, was Trump macht.


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