Agenturen Vom Legacy-PR zur Data Communication Ein Gespräch über 25 Jahre Agentur, die radikale Transformation der Branche und die DNA der Unabhängigkeit
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- von Annett Bergk, Hamburg
25 Jahre sind in der schnelllebigen Agenturwelt kein Jubiläum, sondern ein Statement. Sie beweisen nicht nur Resilienz, sondern die Fähigkeit zur permanenten Neuerfindung – strukturell wie kulturell. Im Gespräch mit Dr. Stefan Hencke, Gründer und CEO von Convensis, verzichten wir auf nostalgische Rückschauen. Stattdessen machen wir eine nüchterne Bestandsaufnahme: Warum die klassische PR tot ist und weshalb Datenkompetenz und internationale Skalierbarkeit heute über die Existenzberechtigung einer Agentur entscheiden.
PR-Journal: 25 Jahre Agentur – das klingt nach Stabilität in einer Branche, die sich selbst regelmäßig infrage stellt. Gab es Momente, in denen Sie dachten: Dieses Modell trägt vielleicht nicht mehr?
Stefan Hencke: Ich kenne niemanden, der selbstständig ist und sich diese Frage nicht schon gestellt hat. Der Schritt in die Selbstständigkeit war für mich eine ganz bewusste Entscheidung für Souveränität. Nach Stationen als Geschäftsführer und C-Level-Angeboten aus Hongkong, Zürich und Hamburg wusste ich: Wenn, dann jetzt. Der Start war ein Sprint: Innerhalb von drei Monaten hatten wir als Erstkunden Porsche Design an Bord. Aber machen wir uns nichts vor: Das Business von damals hat mit unserer heutigen Realität nichts mehr zu tun.
PR-Journal: Das müssen Sie erklären.
Hencke: Damals, also 2001, operierten wir in einer analogen Welt – wir haben händisch Pressemappen konfektioniert, Bilder ausgedruckt und physisch versendet. CDs und USB-Sticks waren da noch Zukunftsmusik. Wer heute noch versucht, "klassische PR" in dieser Form zu verkaufen, ist raus. Unser heutiges Spielfeld ist Digital Consulting, Change Management und komplexe Kommunikationsberatung. Wer diesen Move nicht radikal vollzogen hat, ist heute meistens insolvent.
PR-Journal: Was hat Sie denn damals angetrieben, eine eigene Agentur zu gründen?
Hencke: Die absolute Entscheidungsfreiheit. Ich habe schon im Studium gegründet und immer parallel Projekte gefahren oder mich bewusst bis heute auch an Unternehmen in unterschiedlichen Branchen beteiligt. Mich hat die Souveränität gereizt: selbstverantwortlich zu handeln und – das ist entscheidend – jederzeit vom Tisch aufstehen zu können, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen.
PR-Journal: Und haben Sie die Gelegenheit je genutzt?
Hencke: Ja. Ich habe Kunden auch schon gekündigt. Nicht wegen fachlicher Differenzen, sondern weil Schlüsselpositionen auf Kundenseite aus unserer Sicht fehlbesetzt waren und das Mindset nicht passte. Dieses toxische Abhängigkeitsverhältnis wollte ich weder für mich noch für mein Team akzeptieren. Dabei ging es aber nie um inhaltliche oder qualitative Themen, sondern immer um das Thema des Umgangs und des Miteinanders.
PR-Journal: Sie sind nicht nur CEO, sondern auch Professor für Betriebswirtschaft und gleichzeitig auch Verhaltensphysiologe in der Tiermedizin. Ist die Agentur auch Ihr Labor?
Hencke: Die Lehre ist mein Radar für den Zeitgeist. Durch den Dialog mit Studierenden lerne ich, was unterschiedliche Generationen wirklich bewegt. Es geht mir nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Empowerment – vielleicht den einen oder die andere zu ermutigen, selbst zu gründen oder bei zukünftigen Arbeitgebern sich so einzubringen, als ob es ihre eigenes Investment wäre.
PR-Journal: Und ganz an die Uni wollten Sie nie?
Hencke: Angebote für 100% Professuren gab es etwa aus der Schweiz, aber auch von Hochschulen aus Deutschland. Aber das System ist mir persönlich letztlich zu starr. Ich brauche die unternehmerische Freiheit. Und ganz ehrlich: Die Digital- und Kommunikationsbranche ist viel zu spannend, um sie zu verlassen. Ob Tech, Automotive, KI, Luxus, Pharma, Energiewende oder Kommunikation im öffentlichen Raum – die Taktzahl und Themenvielfalt, die wir jeden Tag bewältigen, ist unschlagbar. Ich liebe die Freiheit, selbst entscheiden zu können. Diese persönliche Freiheit ist mir wichtig.
PR-Journal: Und haben Sie diese Gelegenheit je genutzt?
Hencke: (lacht) Tatsächlich nicht oder nur sehr selten. Ich liebe meine Arbeit. Aber kleine Fluchten braucht jeder um energetisch und perspektivisch aufzutanken. Sei es beim Motorradfahren, beim Fußball oder beim Reisen.
PR-Journal: Kommunikation ist heute fragmentierter, schneller, datengetriebener. Was muss eine Agentur leisten, um mehr zu sein als ein verlängerter Werkbank-Arm?
Hencke: Qualität ist heute kein USP mehr, sondern eine Hygienefaktor – gute Arbeit leisten viele Agenturen. Der wahre Differentiator ist intellektuelle Agilität verbunden mit permanenter Weiterbildung, Qualität und die Fähigkeit, sich in die Situation des Kunden hineinzudenken. Wir müssen fähig sein, multivariaten Analysen in kürzester Zeit in exzellente und erfolgreiche Strategien zu übersetzen. Die Zeiten der riesigen Gießkannen-Etats sind vorbei. Wir müssen den Kunden verstehen, mit fokussierten Budgets intelligente Konzepte entwickeln, die den User an den relevanten Touchpoints präzise abholen. Kreative Zielgruppenaffinität und eine messbare und erfolgreiche Umsetzung an den relevanten TouchPoints ist die neue Währung.
PR-Journal: Also wackelt das Agenturmodell?
Hencke: Nein. Das Modell bleibt relevant, aber der Markt konsolidiert sich gnadenlos. Kritische Masse ist entscheidend. Für Kleinstagenturen, die nur Nischen bedienen, wird die Luft dünn, weil Unternehmen den Koordinationsaufwand von beispielsweise zehn verschiedenen Dienstleistern scheuen. Ich sehe eine Untergrenze von etwa zehn Mitarbeitenden, um überhaupt spielfähig zu sein. Und: Ein rein nationaler Fokus reicht nicht mehr. Unsere Kunden agieren global, also brauchen sie Partner mit internationalem Mindset, Netzwerk und entsprechender Reichweite. Daher ist unser Team auch mit einem internationalen und interkulturellen Background aufgestellt.
PR-Journal: Und wenn Sie heute noch einmal bei Null anfangen würden: Würden Sie wieder eine Agentur gründen?
Hencke: Ich würde wieder gründen, aber heute mit einem schärferen Profil, weil der Markt es auch verlangt. Datengetriebene Kommunikation, ohne dabei den Content, die Inszenierung und die Menschen zu vergessen. Wer heute schnell wachsen will, muss dort hingehen, wo der Markt echten "Pain" und Nachfrage hat. Data Communication ist dieses Feld der Zukunft. Genau daran arbeiten wir bei Convensis in der täglichen Praxis als auch in Forschungsprojekten, etwa im Kontext der GPRA.
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