Freddy Staudt

Immer mehr deutet aktuell darauf hin, dass es statt eines Abkommens einen ungeregelten, harten Brexit gibt. Nur die Wenigsten trauen Theresa May zu, bei den anstehenden Nachverhandlungen erfolgreich zu sein. Freddy Staudt, Geschäftsführer der Münchner Agentur Web&Tech PR GmbH und vielfach vernetzt mit Partneragenturen und Kunden auf der britischen Insel, macht sich so seine Gedanken über die möglichen Folgen eines Brexits speziell für PR-Agenturen. Seine Leitfrage: „Welche Auswirkungen hat der Ausstieg Großbritanniens aus der EU auf das Geschäft einer länderübergreifend arbeitenden PR-Agentur und was lehrt uns Monty Python dazu?“

Von Freddy Staudt, München

„Also gut. Mal abgesehen von der Medizin, den sanitären Einrichtungen, dem Schulwesen, Wein, der öffentlichen Ordnung, der Bewässerung, Straßen, der Wasseraufbereitung und der allgemeinen Krankenkassen, was, frage ich euch, haben die Römer je für uns getan?“, fragt in „Das Leben des Brian“ ein Judäer seine Anhänger, die er zur Rebellion anstacheln will. So ähnlich wie in diesem wunderbaren Beispiel britischen Humors, fand eine Mehrheit im Referendum am 23. Juni 2016, dass trotz Infrastrukturausbau, Verbraucherschutz und Freizügigkeit viel für mehr nationale Selbstbestimmung sprechen würde. Unser Team feierte an diesem Tag das zehnjährige Bestehen unserer britischen Partneragentur Touchdown PR auf der Isle of Wight. Und das Kopfweh am Folgetag hatte verschiedene Gründe: „Have you seen? We are out...“, war der erste konsternierte Kommentar eines britischen Kollegen, der wie fast alle im dortigen Team pro EU eingestellt war.

Als eine auf IT, Telekommunikation und E-Commerce spezialisierte PR-Agentur arbeitet unser Team sehr oft im Auftrag und im Namen britischer Partner für US-amerikanische Kunden. Wir pflegen Freundschaften und eine langjährige, intensive und fruchtbare Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern auf der Insel. Und so bekommen wir hautnah mit, dass die Ratlosigkeit des „Morgen danach“ bis heute anhält: Ein zweites Referendum? Die Gesellschaft ist gespalten und würde durch ein zweites Referendum noch stärker dividiert. Eine Verschiebung des Ausstiegs aus dem Binnenmarkt? Antwort wiederum mit Monty Python: „Du hast nichts Schlimmes, was eine teure Operation nicht verlängern kann.“

Ein irgendwie gearteter Brexit scheint heute (Ende Januar 2019) unumgänglich. Zugleich hat aber auch fast drei Jahre nach dem bösen Erwachen auf der Isle of Wight niemand in London eine brauchbare Idee, was mit der irisch-nordirischen Grenze passieren soll. Unvermeidlich muss man da an die Antwort auf die eingangs gestellte lange Frage des judäischen Rebellen denken, ob die Römer nicht doch noch zu etwas anderem gut gewesen waren: „Den Frieden gebracht.“ – „Ach, Frieden? Halt die Klappe!“

Und somit könnte der Prozess auf das Szenario hinauslaufen, was die wenigsten beiderseits des Ärmelkanals wollen: Ein No-Deal-Brexit. Was wären die Konsequenzen für eine international arbeitende PR-Agentur wie uns?

Aufgrund der vertrauensvollen Basis erwarten wir kurzfristig selbst im schlimmsten Fall eines beinharten Brexits und trotz des hohen Umsatzanteils, den Großbritannien zu unserem Ergebnis beisteuert, keine großen Veränderungen. Da wir Dienstleistungen nach Großbritannien exportieren und keine Güter, glauben wir, dass sich unser Tagesgeschäft am Tag eins nach dem Brexit nicht sehr vom Tag eins vor dem Brexit unterscheiden wird – sehr im Gegensatz zu Firmen, deren physische Lieferketten Großbritannien einschließen.

Sand im Getriebe

Mittelfristig sieht das anders aus: Sollte es bei diesem ungeregelten Worst-Case-Szenario bleiben, würde mehr und mehr Sand ins Getriebe kommen: Höhere Gebühren für Finanztransaktionen, Telefonservices, Postsendungen und Bürokratie werden die Zusammenarbeit beeinträchtigen. Das gesamte Geschäft wäre durch eine stärkere rechtliche Unsicherheit geprägt. Auch wirtschaftliche Turbulenzen und größere Währungsschwankungen sind als Nebeneffekt erwartbar.

Am dramatischsten wäre es, wenn der Brexit so hart ausfiele, dass es zu einer Einschränkung der Reisefreiheit oder schlichtweg der Reisemöglichkeiten zwischen der EU und Großbritannien käme. Insgesamt wird es aufwändiger werden, neue Partner und Kunden in Großbritannien zu finden. Mit unguten Gefühlen beobachten wir auch, dass britische Bürger, die teilweise seit Jahren in Deutschland wohnen, und mit denen wir eng zusammenarbeiten, um ihren Aufenthaltsstatus bangen.

Das Gespräch suchen

Oft werden wir von Freunden gefragt, ob und wie wir das Unternehmen auf den Brexit vorbereiten. Tatsächlich gibt es für uns als PR-Agentur bis heute nicht viele konkrete Vorkehrungen, die man treffen könnte. Ganz anders als etwa Logistikunternehmen oder Händler müssen wir keine Abwicklungsprozesse und Lieferketten neu strukturieren. Zum Glück! Wir verfolgen die Nachrichtenlage und nutzen die Zeit bis Ende März, um Kunden und Partner persönlich zu treffen und mögliche Konsequenzen des Brexits zu besprechen.

Always look on the bright side of life: Gibt es auch einen Lichtblick? Vielleicht: In der IT-Industrie hat Großbritannien traditionell eine Brückenkopf-Funktion für den Eintritt US-amerikanischer Firmen nach Europa. Nun könnte es sein, dass Unternehmen ihre europäischen Hauptsitze nach und nach in Länder wie Irland, Niederlande, die Schweiz oder Deutschland verlegen. Daraus könnte ein kleiner geschäftlicher Vorteil ergeben. Der wird die ganzen großen Nachteile des Brexits aber nicht ausgleichen. Auf diese Chance hätten wir, ehrlich gesagt, gerne verzichtet.

Über den Autor: Freddy Staudt ist Geschäftsführer der Web&Tech PR GmbH in München. Er hat seit 2003 für verschiedene PR-Agenturen an der Betreuung von über hundert Unternehmen der ITK- sowie Internet-Branche mitgewirkt und gründete 2012 die Web&Tech PR. Die auf IT, Telekommunikation und E-Commerce spezialisierte PR-Agentur arbeitet heute mit einem zehnköpfigen Team für über zwanzig Kunden.


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