Die App Clubhouse wurde 2020 gelauncht und seit Januar 2021 spricht auch die deutsche Kommunikationsszene gefühlt nur noch davon und darin. Die Gründer, Paul Davison und Rohan Seth, wollten eigentlich erst mal im Stillen an der Beta der App arbeiten – dank Pandemie, Investitionsrunden und dem Beitritt einiger Stars wurde daraus aber nichts. Carsten Rossi hat am 21. Januar seinen ersten Raum ausprobiert und dann auf seinem Blog seine Erfahrungen und ein paar Tipps, Links und Use Cases geteilt. Mit freundlicher Genehmigung des Autors übernimmt das „PR-Journal“ den Beitrag.
Anmerkung der Redaktion: In dem Beitrag geht es nicht um rechtliche Mängel und möglichen Verstöße gegen die DSGVO, die der Verbraucherschutzverband (VZBV) erst nach der Veröffentlichung von Rossis Beitrag öffentlich angemahnt hat.

Anmerkung: Beiträge zu der Entstehung und dem Phänomen um die Audio-Only-App Clubhouse gibt es mittlerweile zu Genüge in den einschlägigen Branchenportalen, zum Beispiel bei „t3n“, der „W&V“, „heise“ oder der „Zeit“. In diesem Beitrag geht es um ein paar konkrete Tipps für Euren ersten Clubraum und die Nutzung von Räumen insgesamt.

Einen Raum eröffnen

Wie ist das also, seinen ersten Clubhouse-Raum aufzumachen? Zunächst einmal: aufregend. Man fühlt sich ein wenig, als würde man vor der versammelten Mannschaft bei Omas Geburtstag auf die Bühne springen und ein kirgisisches Volkslied anstimmen. Man kennt den Text noch nicht wirklich (Clubhouse ist Konversation, nicht Speech), man weiß nicht wer zuhört (das Buffet ist reich gedeckt und viele sind abgelenkt) und Lampenfieber hat man auch, weil man die Hälfte der Besucher noch nie gesehen hat. Zumindest wenn man wie ich einen offenen Raum wählt und nicht nur einen für Follower oder geladene Gäste. (Wie genau Räume funktionieren, kann man hier nachlesen.)

Wenn man allerdings keine Angst vor dem freien Sprechen und Dialog hat, gibt sich das schnell. Letztlich spricht man einfach nur wie üblich (Hand mit iPhone-Unterseite am Mund oder per Airpods o.ä.) ins Telefon und alle, die drin sind, können einen hören. Man kann sehen, wer reinkommt, rausgeht und das Ganze moderieren. Als „Raumstarter“ hat man diese Rolle automatisch und ab dann die volle Kontrolle. Als Moderatorin oder Moderator kann man Menschen auf die „Bühne“ holen, also zu Speakern und Speakerinnen machen und mit ihnen reden und man kann ihnen dieses Recht auch wieder entziehen. Man kann Trolle aus dem Raum entfernen (ich hatte keine) und ihn natürlich auch einfach wieder schließen, wenn es schief geht – oder jemand anderem die Moderatoren-Rolle geben, wenn man auf die Toilette muss oder Panikattacken hat.

Die User Experience der App für einen Raum ist einfach und selbsterklärend. Jeder PS4 Controller ist komplexer – davor müsst Ihr also keine Angst haben. Einmal durch das Clubhouse Knowledge Center und die Community Guidelines lesen reicht zur Vorbereitung. Eine andere Methode, die ich gewählt habe, ist vorher mit einem Testraum zu starten. Weil der „Nur Test“ heißt, kommen natürlich sofort viele vorbei, aber die erwarten nichts und sind im Allgemeinen freundlich. Für mich war das der beste Weg – aber ich lese auch keine Bedienungsanleitungen.

Die meisten Menschen, die bei Clubhouse unterwegs sind, sind (noch) offen für Dialog und kommen meistens gerne auf die „Stage“. Ich hatte keine vorgeplanten Co-Moderatorinnen für meinen Storytelling-Raum, sondern habe mir einfach welche aus dem Publikum gesucht und „verhaftet“. Ich hatte Glück und alle waren tolle Gesprächspartner. (Bei der Gelegenheit: vielen Dank noch einmal Galina, Bastian, Markus und Daniel.)

Es zeigt sich allerdings jetzt schon: es wird auch im Clubhouse ein Kampf um die Reichweite werden, vor allem gegen Influencer. Zur gleichen Zeit wie ich war Carsten Maschmeyer irgendwo in einem Raum – und das Zuschauerverhältnis lag bei 1000:10. Deshalb tut Ihr, wenn Ihr kein großer Name oder besonders wichtiger Influencer seid (Joko Winterscheidt, Thomas Gottschalk, Lena Gercke sind auch oft da) am besten folgendes:

  • Kündigt Euren Raum vorher an – als Event in Clubhouse und dann per Link zum Event in anderen Sozialen Medien. (Zum Thema Events: Wenn Ihr eins anlegt, nicht unruhig werden: 15 Minuten vor dem Start gibt Euch Clubhouse die Möglichkeit den Raum zu eröffnen. Ihr müsst sonst nichts tun, nur rechtzeitig da sein. Wusste ich am Anfang nicht und hätte beinahe einen neuen Raum geöffnet.)
  • Startet eine Serie: Ihr müsst Serien, Reihen etc. aktuell noch von Hand immer wieder als neue Events anlegen, aber klar ist schon jetzt: Wiederkehrende Veranstaltungen können eine Fanbase aufbauen und werden deshalb weniger um ein Publikum kämpfen müssen.
  • Sprecht vorher Leute an und ladet sie ein – direkt auf die Bühne oder als Co-Moderatorinnen und Co-Moderatoren. Ein, zwei reichweitenstarke Menschen helfen sehr, denn deren Follower werden über ihre Teilnahme benachrichtigt – das macht den Raum bekannter und damit meistens interessanter.
  • Gebt Euch Mühe mit der Beschreibung und insbesondere der Headline des Events. Das ist das Einzige, was man vorher sehen kann. Seid ruhig spezifisch, aber nicht zu sachlich – und lasst Raum für Fantasie. Eine gewisse Offenheit ist Teil dieses Mediums.
  • Testet verschiedene Uhrzeiten aus – Ihr werdet schnell herausbekommen, wann Eure Kolleginnen und Kollegen / Personas online sind. Dann wird‘s voller.

Einmal drin - wie moderiere ich am besten?

So ein Raum will natürlich nicht nur eröffnet, sondern auch moderiert werden. Dabei haben sich im Laufe der letzten beiden Wochen ein paar hilfreiche Standards / Hacks etabliert, die ich hier in loser Reihenfolge zum Besten geben möchte.

  • Bittet die Teilnehmer einer Diskussionsrunde am besten gleich zu Beginn, sich nicht selbst zu pitchen und überlebensgroß zu machen (es sei denn, das ist das Thema Eures Raums). Name, Stadt, Job reichen eigentlich als Vorstellung. Eigentlich schon der Name. Den Rest kann man im Profil nachlesen.
  • Beschränkt die Zeit für Eure Räume auf eine feste Anzahl von Minuten oder Stunden. Das diszipliniert alle – die Diskutanten ebenso wie die Zuschauer, die genau wissen, bis wann sie bleiben können bzw. müssen. Sonst wird das schnell ein quälend langer Stuhlkreis.
  • Gebt den Teilnehmern auf der Bühne feste Zeiten für die einzelnen Wortbeiträge vor, die zu Eurem Event passen. Wenn ihr einen Q&A habt und wollt zum Beispiel 20 Menschen zu Wort kommen lassen, sollte keine Frage länger als 45 - 60 Sekunden dauern. Sonst bleibt kaum Zeit für Antworten und Rückfragen.
  • Wenn sich jemand trotzdem "verquatscht", also zu lange redet, weist ihn oder sie dann aber auch rechtzeitig darauf hin. Bei allzu vielen "Lautsprechern" in der Runde leert sich ein Raum schnell aus Langeweile. Und ihr könnt zwar jede und jeden von der Bühne verbannen, das ist aber ein schon recht unfreundlicher Akt, wenn es vorher so nicht abgesprochen war.
  • A propos Lautsprecher: Vergesst nicht, neue Teilnehmer auf der Bühne erst einmal zu muten. Das könnt ihr nämlich. Erstaunlich wie laut Menschen atmen können 😉
  • Generell scheint sich die Praxis durchzusetzen, dass man zumindest zu zweit moderiert, manchmal sogar zu dritt oder zu viert. Arbeitsteiligkeit ist im Clubhouse in der Tat sehr hilfreich, da man viele Dinge gleichzeitig im Blick haben muss. Zu zweit kann sich z.B. der eine um die eigentliche Gesprächsführung kümmern, die zweite als "Stage Managerin" darum, die richtigen Gesprächspartner auf die Bühne zu holen etc.
  • Das Feature "Hand heben" ist gerade für FAQs und Dialogveranstaltungen das wichtigste: Menschen können sich melden, um – auf die Bühne geholt – zu sprechen, Fragen zu stellen etc. Als Türsteher / "Stage Manager" könnt ihr dieses Feature aber auch abschalten, wenn die Runde voll oder die Zeit knapp ist. Zudem könnt ihr auswählen, wen Ihr auf die Bühne lasst. Standardmäßig werden die "Meldungen" chronologisch angezeigt, aber Ihr müsst diese Reihenfolge nicht abarbeiten, wenn Ihr jemand Interessanten weiter hinten entdeckt.
  • Mehrere Moderatoren einer Runde haben idealerweise einen textbasierten Zweitkanal, um sich abzusprechen, z.B. Facebook Messenger oder WhatsApp. Bei Clubhouse selber gibt es derzeit noch nichts Vergleichbares.
  • Ein Raum kann jederzeit betreten werden, das heißt, es kann sein, dass Menschen später dazu kommen. Deshalb macht es Sinn, den Raum alle 15 - 20 Minuten zu "resetten", soll heißen, den Teilnehmern noch einmal zu erklären, worum es geht und wie gerade der Status ist.

Wozu kann man Räume nutzen?

Wofür kann man diese Räume nun nutzen? Vor allen Dingen in dieser frühen Phase? Letztlich für alles, wofür man jeden Gesellschaftsraum einer altdeutschen Gaststätte (oder jedes Stadion, wenn ihr wichtige Menschen seid) nutzen kann. Hier eine kleine Auswahl der Use Cases:

  • Selbstdarstellung: Ihr habt ein Thema, wollt darüber reden und Euch positionieren? Nur zu, irgendwer ist zurzeit immer da – und wenn sie nicht von alleine kommen, könnt Ihr sie, vorausgesetzt sie haben ein iPhone und sind in der App angemeldet, einfach dazupingen. Allerdings wäre meine Empfehlung: wenn Ihr nicht perfekte Alleinunterhalter seid, holt Euch jemanden mit auf die Bühne. Das Medium schreit nach Dialog und Panel und eigentlich ist es auch so gemeint – daher ja auch der Name.
  • Feedback und Dialog: Ihr könnt offene Fragen stellen zu Themen, die Euch wichtig sind und nacheinander viele aus dem Publikum zu Wort kommen lassen und mit ihnen diskutieren. Das ist dann eine schöne Mischung aus Research und Marktforschung und erweitert die Perspektive doch enorm.
  • FAQs / Hacks / Tipps & Tricks: Das wird zurzeit sehr gerne genommen. Einfach einen offenen Erfahrungsaustausch zum Thema Eurer Wahl (aktuell gerne SEO, Growth, New Work) organisieren und Wissen einsammeln und vermitteln.
  • „Weak ties“ stärken: Gerade in den Bereichen Kommunikation, HR / Coaching, Startups und Politik treffen sich hier aktuell ganze „Posses“. Ein gut moderierter Raum gibt Euch die Möglichkeit, mit allen in Kontakt zu kommen und Euch wieder in Erinnerung zu bringen.
  • (Employer-)Branding und Positionierung: fischerAppelt nutzt die Plattform schon sehr stark für die eigene Positionierung. Mitarbeitende können wohl intern Themen vorschlagen und das Marketing-Team kümmert sich dann um die Umsetzung und Organisation. Das macht natürlich einen angemessen hippen und modernen Eindruck, stärkt die Marke und gibt einem die Möglichkeit, Talente kennenzulernen.
  • Gemeinsam lernen: Im Moment noch in der Minderheit - aber Expertinnen und Anwender, die sich gegenseitig befruchten und voneinander lernen, sind langfristig gerade in kleinen Runden ohne den Brillanz-Zwang eines Panels ein sehr schöner Anwendungsfall.
  • Abhängen / Chillen: Es gibt schon viele Abend- und Morgenrunden aus Branchen und Orten, wo man sich gerade jetzt einfach mal die Zeit vertreiben und manchmal doch noch etwas lernen kann.
  • Telefonieren: Naja, also fast, irgendwie. Man kann Clubhouse durchaus für One-on-One Chats nutzen, wenn ein Freund, Bekannter, Kollege gerade online ist. Einfach anpingen und zu zweit im geschlossenen Raum bleiben. So haben wir in den 80ern telefoniert.

Ich werde diese Liste noch erweitern – vor allem um die vielen konkreten Anwendungsfälle, die man sich dort vorstellen kann:

  • Lesungen,
  • Barcamps,
  • Stand-Up Comedy
  • Poetry Slams,
  • Backstage Events,
  • private Lerngruppen,
  • Live Event Radio usw. usf.

Wenn mir ein interessanter Anwendungsfall begegnet, werde ich ihn in meinen Blog eintragen oder einen eigenen Post dazu schreiben. Bis dahin findet Ihr mich auf Clubhouse, wie üblich unter immer unter @carstenrossi.

Über den Autor: Als Geschäftsführer und Experte für Content Marketing berät Carsten Rossi mit seiner Agentur Kammann-Rossi große und mittelständische Unternehmen auf ihrem Weg zur Content Excellence. Seine aktuellen Key Accounts sind unter anderem Canada Life, Continental, die Deutsche Bahn, Fiducia & GAD und Royal Canin. Seinen ersten Online-Zugang hatte er 1984, was einen gewissen Hang zum Digitalen und die damit einhergehende Ungeduld erklärt.


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