Über Monate hat uns die Corona-Krise dazu gebracht, aus dem Home Office zu arbeiten, gleichzeitig Kinder bei ihren Hausaufgaben zu betreuen, unsere Chef*innen, wichtigsten Kolleg*innen und Kund*innen nur noch per Videoschalte zu sehen. Welche Auswirkungen auf Arbeitsleben und Karriere sehen Frauen in der internationalen PR-Branche und wie schätzen sie ihre Zukunft ein? Die Ergebnisse der jüngsten Befragung der Global Women in PR unter ihren Mitgliedern weltweit, durchgeführt von der Marktforschungsagentur Opinium, deuten darauf hin, dass die Entwicklung hin zu mehr Gleichberechtigung in Kommunikationsberuf und PR-Branche an Momentum verloren hat.

Zwei von drei (65 Prozent) der Befragten glauben, dass es länger dauern wird, das geschlechtsspezifische Gehaltsgefälle zu überwinden, und mehr als die Hälfte (52 Prozent) glaubt, dass sich das Vorankommen von Frauen in Führungspositionen verlangsamen wird. Angesichts des sich abzeichnenden wirtschaftlichen Abschwungs gibt auch die Arbeitsplatzsicherheit Anlass zur Sorge, denn fast die Hälfte (45 Prozent) ist der Ansicht, dass Frauen in der PR-Branche als direkte Folge der Pandemie weniger sichere Arbeitsplätze haben werden als Männer.

Viele Jahre lang haben Frauen in der PR hart dafür gekämpft, flexiblere Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Nicht nur, um Beruf und Verantwortung für Haushalt und Kinderbetreuung besser miteinander in Einklang zu bringen, sondern vor allem, um ein Umfeld zu schaffen, das mehr Frauen ermutigt, sich um die Übernahme wichtiger Führungsrollen zu bemühen und die Branche nicht auf Junior-/Mittelkarriere-Ebene zu verlassen. Nur etwa ein Drittel der leitenden Positionen in der Branche wird derzeit von Frauen bekleidet, während die Branche selbst zu zwei Dritteln weiblich ist.

Fast alle (93 Prozent) Befragten gaben an, dass die Pandemie ihre Arbeitssituation verändert habe. Obwohl zwei von fünf Frauen, die von zu Hause arbeiten, jetzt längere Arbeitszeiten haben, gibt die Hälfte von ihnen immer noch an, dass sie nicht zu ihrem früheren Arbeitsrhythmus zurückkehren wollen - sie bevorzugen die Möglichkeiten, die ihnen das Home-Office bietet.

Die Gründe dafür: 57 Prozent geben an, dass sich die Arbeit aus dem Home-Office positiv auf die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben ausgewirkt hat, und fast die Hälfte (47 Prozent) ist der Ansicht, dass sie zur Stärkung ihrer Beziehungen zu ihren Kunden beigetragen hat. 38 Prozent glauben sogar, dass sie ihre Beziehungen zu ihren Kollegen gestärkt habe.

Als Vorbilder, die während der jüngsten Krise herausragten, werden weibliche Politikerinnen genannt, mit ihrer Art und Weise die Krise zu managen. 42 Prozent der Befragten glauben, dass dies dem Aufstieg von Frauen auch in Führungspositionen der Wirtschaft zugute kommen wird.

In der Umfrage wurde auch nach Meinungen sowohl zu den Chancen als auch zu den Herausforderungen der PR-Branche in den nächsten 12 Monaten gefragt: Es überrascht nicht, dass die Möglichkeit, weiterhin von zu Hause aus zu arbeiten, der digitale und technische Fortschritt, die Bedeutung guter Kommunikation in Krisenzeiten und "menschlicher" zu sein, als positive Resultate angegeben werden. Doch es gibt auch Herausforderungen: Arbeitsplatzsicherheit, Budgetkürzungen, die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs, die Anpassung an neue Arbeitsweisen und Bedenken hinsichtlich der psychischen Gesundheit.

 

Statements zur GWPR Covid-19 Umfrage 2020

Portrait Edith Stier-Thompson am 06.09.2017 in BerlinEdith Stier-Thompson (Foto), Vorstandsmitglied GWPR Deutschland und Geschäftsführerin news aktuell

"Wenn die Corona-Pandemie im Hinblick auf das geschlechtsspezifische Lohngefälle, das Vorankommen von Frauen in Führungspositionen und die Arbeitsplatzsicherheit von Frauen in unserer Branche wirklich einen Rückschritt bedeuten sollte, wäre das mehr als erschreckend. Das Positive an diesen Ergebnissen: Es ist eine aktuelle, zukunftsgerichtete Einschätzung der Befragten. Das heißt, dass diese Befürchtungen noch nicht Realität geworden sind. Insofern sollten wir dies als abschreckendes Worst Case-Szenario ansehen und aktiv daran arbeiten, dass es sich nicht bewahrheitet. Corona disrupted gerade unsere Welt und das bietet Chancen für Neusortierung – auch für uns Frauen. Gerade die letzten Monate waren ein nachhaltiges Plädoyer für Mixed Leadership. Es braucht gerade in Krisenzeiten vielfältigere (Management-)Teams sowie Skills wie Einfühlungsvermögen, Vertrauen und Gemeinschaftsbildung, die eher Frauen zugeschrieben werden."

Kemper BabetteBabette Kemper (Foto), Gründungsmitglied GWPR-Deutschland und Co-Founder und Managing Director achtung! Mary

"Wenn 57% der befragten Frauen angeben, dass sich die Arbeit aus dem Home Office positiv auf die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben ausgewirkt hat, dann ist das zunächst eine tolle Motivation für die Karriere- und Zukunftsgestaltung. Aber nur, wenn das Männer hoffentlich genauso angeben würden – dann kommen wir nämlich an die Wurzel von Diversity. Wenn durch flexible Arbeitsmodelle sowohl Männer als auch Frauen aktiv die privaten gemeinsamen Lebensbereiche gestalten können, dann werden Frauen vielleicht zukünftig nicht mehr gefragt: „Wie schaffen Sie das eigentlich alles mit den Kindern?“ Dann wird vielleicht aktiver zu Hause darüber gesprochen, wie beide Ehepartner Karriere und Familie vereinbaren. Oftmals ist eine große Hürde zu Hause das doch noch klassische Rollenmodel. Fatal wäre, wenn Frauen von zu Hause aus arbeiten, damit gleichzeitig noch stärker für Haushalt und Kinder verantwortlich sind und zusätzlich noch mehr arbeiten, als sie bezahlt werden. Denn zwei von fünf Frauen, die von zu Hause aus arbeiten, geben an, jetzt längere Arbeitszeiten zu haben!"

van der Veen MichelleMichelle van der Veen (Foto), Mitglied GWPR Deutschland und Senior Digital Manager DACH bei Danone

"Die erste Zeit inkl. Kita-Schließung war hart, aber wir haben schnell einen Rhythmus gefunden, durch den mein Partner und ich zufriedener sind. Dadurch gehöre ich zu den 93% der Befragten, deren Arbeitssituation sich durch die Pandemie verändert hat. Glücklicherweise ebenso zu den 57%, die durch das verstärkte Arbeiten aus dem Home Office mehr Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben erreichen konnten. Bei uns gilt das ganz klar für beide, dadurch gewinnen wir wertvolle Familienzeit. Das begeistert auch unseren Sohn. Gerade diese 57% sollten uns positiv stimmen, denn sie zeigen, dass auch in Krisenzeiten sehr viel Potential steckt, die Gleichberechtigung in Deutschland weiter voranzutreiben. Umso besorgniserregender ist daher das Ergebnis, dass die meisten Befragten angeben, dass sich das Vorankommen von Frauen insgesamt verlangsamen wird. Wir sollten endlich in einer Gesellschaft leben, in der ein Einklang von Beruf und Familie keine Karriere-Nachteile mehr bedeutet. Corona hat viele strukturelle Probleme sichtbarer gemacht, aber ebenso gezeigt, wie sich Bedingungen schnell verbessern lassen. Daran sollten wir weiter anknüpfen und uns dafür einsetzen, dass es keine Rolle rückwärts gibt."


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