Blaes Alain Gf PR COM IIIDie Veränderung der Sprache ist aktuell ein wichtiges Thema. Nachdem sich Anfang September der Geschäftsführer der Agentur Wortwahl und Dozent für Onlinekommunikation an der Hochschule Darmstadt, Murtaza Akbar, im „PR-Journal“ neun Thesen zur Zukunft der deutschen Sprache aufgestellt hat, ist nun der Geschäftsführer der Agentur PR COM aus München an der Reihe. Alain Blaes (Foto) reflektiert, wie sehr sich Sprache in den letzten Jahren verändert hat: „Internet, Twitter, YouTube, Anglizismen, Blogs, Computerspiele, Rap, Facebook, E-Commerce, Google, Instagram, Marketing, WhatsApp … das alles hat eine Schneise der Verwüstung durch die deutsche Sprache geschlagen – beziehungsweise sie um neue, zeitgemäße Ausdrucksformen bereichert.“

Von Alain Blaes, München – Teil 1

Da es kein deutsches Sprachamt gibt, das verbindliche Regeln aufstellt und Zuwiderhandlungen mit Geldstrafe oder gar Schreibverbot sanktioniert, lässt sich auch nicht abschließend beurteilen, was richtig und was falsch ist. Möglicherweise sind die Fehler von heute der Standard von morgen. Es kann kein Zufall sein, dass der Duden zeitgleich mit dem Siegeszug des Webs seine Stellung als absolute Autorität eingebüßt hat, maßgebend für die amtliche Rechtschreibung war er nämlich nur bis 1996. Und seit der Rechtschreibreform ist ohnehin die Auffassung verbreitet, man könne in der deutschen Sprache letzten Endes machen was man will: Das Phänomen der „Hausorthografie“ ist auf seine Weise auch ein Beleg für die Lebendigkeit der Sprache.

Lebendigkeit vs. Moden

Allerdings ist Lebendigkeit oft schwer zu unterscheiden von Moden, die es natürlich auch in der Sprache gibt. „Dufte“ war beispielsweise der Superlativ der Adenauerzeit, damit würde man heute uralt aussehen. Kiezdeutsch – isch mach disch Krankenhaus – ist voll 90er, der Inflektiv – Seufz, Gurgel, Stöhn, Ächz – 80er. Heute drängen sich andere grammatikalische Hypes in den Vordergrund. Um den Duden zu zitieren: „… immer auf korrekte Rechtschreibung 8ten. Vong Grammatik her.“ Be1druckend lebendig.

Mindestmaß an Seriosität

Eine lebende Sprache ist ein schwieriges Umfeld für die Unternehmenskommunikation. Zum einen muss sie sich verständlich ausdrücken, also so, wie es die Adressaten auch verstehen. Zum anderen muss ein Unternehmen auch sprachlich einen gewissen Stil bewahren und ein Mindestmaß an Seriosität vermitteln – immerhin soll man dort ja Geld einzahlen. Das fiele manchem schwer bei einem Unternehmen, das nicht mal richtig schreiben kann, womöglich kann es dann ja auch nicht rechnen. Und schließlich, um die Sache noch schwieriger zu machen, gibt es die PR-Sprache im Zeitalter der Medienvielfalt ja sowieso nicht mehr.

Klassische Pressemitteilung

Bleiben wir gleich bei letzterem: Früher, als alles einfach und schön war, bestanden Unternehmenskommunikation und PR im Wesentlichen aus Verlautbarungen. Es waren mehr oder weniger offizielle Auskünfte, die sich vornehmlich an Journalisten richteten; es wurde in der Regel von Insidern für Insider geschrieben, heute würde man das wohl Filterblase nennen. Davon ist eigentlich nur noch die klassische Presseinformation übrig geblieben, und mit Einschränkungen auch ein paar offizielle Websites von Unternehmen – meist die Homepage oder der Bereich „Wir über uns“. Der Ausdruck „klassische Presseinformation“ sagt eigentlich schon alles darüber, wie hier geschrieben wird: nüchtern, sachlich, argumentativ, immer ein wenig trocken, aber sehr korrekt. „Ich“ und „Wir“ sind grundsätzlich nicht zulässig, denn die jeweilige Sache wird hier zwar aus Sicht eines Unternehmens oder einer Organisation dargestellt, aber immer so, als würde sie von einem neutralen Dritten aufgeschrieben werden. Orthografie und Grammatik müssen stimmen, "vong" und "krass" oder gar Smiley und Emojis gehen deshalb auch nicht. Das gilt auch für OMG und LOL. Sogar Ironie ist hier ein No Go.

Anglizismen

Das waren die einfachen Anforderungen. Jetzt geht es dorthin, wo es weh tut, wo divergierende Ansichten mitunter hart aufeinanderprallen.

  • Anglizismen sind nicht nur eine Herausforderung für alteingesessene Germanisten und Sprachpfleger, sondern auch für die PR. Mit Anglizismen kann ein Unternehmen ohne große Mühe beweisen, wie weltoffen und global es aufgestellt ist, mithin, was für ein cooler Laden es ist – und wie ernst es seine Adressaten nimmt. Die sprechen hierzulande nämlich in der Regel Deutsch und bei weitem nicht so gut Englisch, wie sie gern behaupten: Come in and find out – komm rein und finde wieder raus. Von wegen Kunde im Mittelpunkt.
    Dazu eine Anekdote aus dem PR-Alltag: Ein Kunde beklagte, dass sein Unternehmen in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen werde; auf den Vorschlag, es doch mal mit einer Website und mit Mitteilungen in deutscher Sprache zu versuchen, meinte er, das müsse nicht sein, denn seine Kunden würden alle Englisch verstehen. Ja dann.
    Die Devise, so wenig Anglizismen und fremdsprachige Fachausdrücke wie möglich zu verwenden, zeigt aber auch, wo das Problem liegt: Wie wenig ist im Einzelfall „möglich“? Nicht jeder Anglizismus ist vermeidbar. „Call“ sollte man, „Event“ kann man ersetzen, „Cloud“ oder „Browser“ sicher nicht. Irgendwann sind solche Ausdrücke so üblich, dass man durch Übersetzen unverständlich werden würde. Bei manchen Ausdrücken verändert sich das auch: „Compliance“ hätte man vor zehn Jahren vielleicht noch übersetzt, mittlerweile würde niemand mehr wissen, was mit „Regeltreue“ gemeint ist. Welche Fachausdrücke jeweils übersetzt werden können, kann nur der Fachmann wissen; den sollte man dann auch zu Rate ziehen. Wer versucht, den "Multiplexer" zu übersetzen, weil er nicht weiß, was das für ein Küchengerät ist, ist jedenfalls auf dem Holzweg.

Teil 2 folgt am 27. September 2017.

Über den Autor: Nach verschiedenen Stationen als Redakteur und Chefredakteur in IT-Medien und als Freier Journalist für die Tages- und Wirtschaftspresse hat Alain Blaes 1990 die Agentur PR-COM gegründet. Neben der Unternehmensführung konzentriert er sich auf die strategische Kommunikationsberatung. Sein Fokus liegt auf PR, Social Media, Marcom, Digital Services und der Integration dieser Bereiche.


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