Rezensionen Fachbuch zur Krisenkommunikation Christian Gartmann: Krisenmanagement neu fokussiert
- Details
- von Markus Kiefer, Heiligenhaus
Die Grundthese des aktuellen Fachbuches zur Krisenkommunikation: Gartmann versteht Krisenmanagement als Führungs- und Kommunikationsaufgabe. Eine Krise entsteht nicht durch das auslösende Ereignis selbst, sondern erst dann, wenn bei den Betroffenen so viel Vertrauen zerstört wird, dass sie die Zuversicht verlieren, ihre Lage werde sich normalisieren. Krisenmanagement müsse beschädigtes Vertrauen wiederaufbauen und aus Betroffenen Beteiligte machen.
Inhaltlich arbeitet der Band die klassischen Felder ab, die in der einschlägigen Literatur schon zuvor vielfach behandelt wurden: Krisenvorsorge und Prävention, Risiko- und Issue-Management, die Arbeit eines Führungsstabs mit klaren Rollen, Presse- und Medienarbeit in der akuten Krise sowie die Pflege von Stakeholder-Beziehungen, ergänzt um soziale Medien, KI, psychosoziale Unterstützung und organisationales Lernen. Der Aufbau folgt einer klaren Dramaturgie: 18 thematische Kapitel, die jeweils mit dem Porträt einer Person beginnen, die eine Krise selbst durchlebt hat, und ein umfangreicher Praxisteil mit Checklisten und Ablaufmodellen.
Was das Buch besonders macht: Statt der üblichen Klassiker-Beispiele der deutschen Fachliteratur (A-Klasse, VW-Dieselgate, Germanwings u.a.) versammelt Gartmann überwiegend Ereignisse aus der Lebenswelt der Alpen in Südtirol, Österreich und der Schweiz – Lawinen- und Geröllkatastrophen, bedrohte und zu räumende Bergdörfer – wobei die Sicht der Krisenstabs-Leiter, oft örtliche Bürgermeister, in den Mittelpunkt rückt. Erschlossen sind sie über ausführliche Interviews, etwa mit Anton Mattle, heute Landeshauptmann von Tirol, damals Bürgermeister des betroffenen Tiroler Katastrophenorts Galtür, oder Gerold Biner, heute CEO von Air Zermatt und vorher Pilot in rund 5.000 Bergrettungseinsätzen in der Schweizer Hochgebirgswelt. Es kommen die Erfahrungen von Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern, Psychologen, Notärzten und Rettungshelikopter-Fliegern zum Tragen. In einer durch die vielen eindringlichen, ausführlichen Wortlaut-Zitate aus den Interviews verdichteten Form, wie man das so in der Fachliteratur bisher kaum zu lesen bekam. Verdienstvoll verarbeitet sind auch die Vorschriften der Bundesämter für Katastrophenschutz und ähnlicher Behörden in Österreich und der Schweiz, wodurch ausgesprochen wertvolles Praxismaterial erschlossen wird.
Der ausführliche Praxisteil bietet viele Checklisten und Blaupausen, etwa für eine Pressemitteilung in der akuten Phase – vieles davon kennt man aus anderen Fachbüchern. Neu ist die sehr moderne Beschreibung der nötigen Technik-Ausrüstung für Krisenstabs- und Medienraum sowie vor allem die Checklisten zur Erstellung eines Risikoprofils von Unternehmen, inklusive des aufgezeigten Wegs Schritt für Schritt, wie einzelne Themen priorisiert und dann Abteilungen mit Prioritäten zugewiesen und diese zu Risiko-Ownern gemacht werden – eine Blaupause, die sich in der Krisenprävention vielerorts praktisch 1:1 umsetzen lassen sollte.
Zur Person des Autors: Christian Gartmann war 25 Jahre lang Journalist und international tätiger Medienmanager, zuletzt als Mitglied der Konzernleitung eines weltweit agierenden Medienvermarkters. Seit 2010 ist er selbstständiger Unternehmensberater für Kommunikation und Krisenmanagement. Er verantwortete u. a. die Krisenkommunikation der Gemeinde Bondo nach dem Bergsturz 2017 (acht Todesopfer) und der Fluggesellschaft JU-AIR nach dem Absturz 2018 (20 Todesopfer), baute die Medienstelle des kantonalen Führungsstabs Graubünden auf und führt seit 2019 den Risikodialog für das bedrohte Bergdorf Brienz/Brinzauls. 2018 erhielt er dafür den Schweizer Kommunikationspreis „Communicator“. Gartmann (61) lebt in St. Moritz. Bei dieser Vita wird die Empfehlung des Rezensenten kaum überraschen: Es ist ein Krisenkommunikations-Buch, das primär für Praktiker geeignet ist – und für diese ist es hoch geeignet.
Christian Gartmann: Krisenmanagement neu fokussiert. Krisenkommunikation im Dialog führen – Reputation aktiv schützen – Betroffene beteiligen, Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2026, 316 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-7910-6883-1, 49,99 €.
Über den Rezensenten: Professor Dr. Markus Kiefer war von 2010 bis Ende des Sommersemesters 2022 hauptberuflich an der FOM Hochschule tätig, als Professor für Allgemeine BWL, mit dem Schwerpunkt Unternehmens- und Wirtschaftskommunikation. Seitdem nimmt er an unterschiedlichen Hochschulen Lehraufträge zur Unternehmenskommunikation wahr.