Rezensionen Manfred Piwinger rezensiert Helmut Ebert Demokratieschädliches Sprechen. Früherkennung und Bekämpfung.
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- von Manfred Piwinger, Wuppertal
Helmut Ebert setzt sich als Linguist und Kommunikationsexperte mit der brisanten und hochaktuellen Frage auseinander, was demokratisches und undemokratisches Sprechen ausmacht. Seine Kernthese besagt, dass wir auf das Gespräch angewiesen seien, um ein Leben in Freiheit führen zu können. Weil unser individuelles Wissen begrenzt sei und weil niemand die Zukunft kenne, brauchen wir das Gespräch, da es uns hilft, gemeinsam denken zu lernen.
Nicht zufällig komme der Ausdruck „Parlament“ von frz. parler und bedeute ‚Ort, an dem die gesellschaftlich relevanten Fragen besprochen werden‘. Für Ebert sind Sprechen und Denken eins. Die Art des Denkens bedinge eine bestimmte Art des Sprechens. Und eine bestimmte Art des Sprechens könne zu einer schädlichen Gleichschaltung der Art des Denkens führen.
Das Buch enthält vier Kapitel. Die Kapitel 1-3 schließen mit je einer Beispielsammlung, Kap. 4 beginnt mit einem Beispielinterview (s.u.).
Helmut Ebert ist Linguist mit zahlreichen Stationen in Lehre und Forschung, momentan unter anderem als außerplanmäßiger Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Bonn und Lehrbeauftragter am Germanistischen Seminar der Universität Siegen. (Foto: privat)Kapitel 1 beschreibt kurz und prägnant die Hauptarten des (un-)demokratischen Sprechens: demokratisches, populistisches, totalitäres, fundamentalistisches Sprechen sowie ideologisches Sprechen und Denken.
Kapitel 2 vertieft das Gesagte auf zweierlei Weise: Es werden Regeln des vernünftigen Argumentierens vorgestellt, und es werden die geistigen Grundlagen, d. h. Fehlschlüsse (z. B. „die unzulässige Verallgemeinerung“) und Prinzipien (z. B. die „Wahrheit wiegt schwerer als die Humanität“) kritisch beleuchtet, die zum fundamentalistischen und ideologischen Sprechen führen. Bei Fundamentalisten, Ideologen und allen, die sich dem Gespräch verweigern oder ihr Gegenüber manipulieren wollen, sollte man vorsichtig, gewitzt und eher subversiv vorgehen, sich jedenfalls nicht auf einen Streit einlassen. Denn der könne nach Ebert dialogisch nicht gewonnen werden.
Kapitel 3 behandelt die rhetorische Figur der Wiederholung in Agitations- und Propagandakontexten. Es geht dabei um die (ständige) Wiederholung von Bezeichnungen („militärische Spezialoperation“ für Putins ‚Angriffskrieg‘), Parolen (Trumps „Make America great again“) und Inhaltskernen aus Verschwörungstheorien („Bill Gates sei für das Corona-Virus verantwortlich“). Ebert deutet die Wiederholung sozialpsychologisch: „Die Wiederholung generalisierter Vorstellungen erlaubt es, verschieden-ausdeutbare Situationen gedanklich kurzzuschließen und eine neue quasi-eindeutige Struktur zu etablieren, um Unklarheit abzubauen bzw. ein Bekenntnis zur Eindeutigkeit abzugeben oder zu erzwingen. Das dient nur vordergründig dem Abbau von Ängsten und hintergründig der Etablierung von Machtverhältnissen“ (S. 136).
Kapitel 4 stellt ein Interview im österreichischen Nachrichtenjournal ZIB 2 vor, das der Moderator Dr. Wolf mit dem Generalsekretär der FPÖ, Christian Hafenecker, kurz vor den Nationalratswahlen im Juni 2024 führte. Ebert hat die TV-Sendung transkribiert und analysiert. Die Analyse legt die Mittel des populistischen Sprechens offen und deutet an, dass Moderatoren sich nicht vorschnell in einer ihnen vertrauten Situation wähnen sollen, wenn sie populistischem Sprechen nicht noch ungewollt eine Bühne geben wollen.
Um zu verstehen, wie Sprechen, Wahrheit und Wirklichkeit zusammenhängen – so Ebert – müsse man dem kollektiven Denken immer mit einer Portion Skepsis begegnen und genau hinhören. Nur das genaue Hinhören entlarve das Umlügen der Wirklichkeit („Politik“ für „Herrschaftsausübung“) und das Herauslösen von Begriffen aus ihrem angestammten Wissensrahmen („illiberale“/„liberale Demokratie“ als aus der Politik stammender Begriff, der als „Trojaner“ in die Alltagssprache eingeschmuggelt wurde und dort das Denken in falsche Bahnen leite). Die Möglichkeiten, mit Populisten, Fundamentalisten, Totalitaristen und Ideologen aller Art in ein Gespräch zu kommen, werden nach Ebert weit überschätzt. Das hat auch damit zu tun, dass wir in der (gerade auch beruflichen) Alltagskommunikation über so gut wie keine Begriffe für linguistische Gesprächsqualitäten verfügen, wie sie uns von Kommunikationswissenschaftlern wie Paul Watzlawick oder Religionsphilosophen wie Martin Buber zur Verfügung gestellt worden sind.
Als Beispiel für ein angemessenes Kommunikationsverhalten in totalitären Kontexten bezieht sich Ebert auf den österreichischen Lyriker Erich Fried, der in seinem Gedicht „In der Hauptstadt“ (1978) einen wichtigen Fingerzeig gegeben habe: „Wer herrscht hier?“ fragte ich. „Das Volk natürlich.“ Ich sagte: „Natürlich das Volk, aber wer herrscht wirklich?“
Demokratieschädliches Sprechen. Früherkennung und Bekämpfung. Leadership-Kommunikation für die Hosentasche, Band 1. 2025, 239 Seiten. © Helmut Ebert – Selbstverlag (18,00 Euro). Beziehbar über info@helmutebert.de
Über den Rezensenten: Manfred Piwinger zählt zu den profiliertesten Stimmen der deutschsprachigen Kommunikationsbranche und -wissenschaft. Über Jahrzehnte hat er Debatten geprägt, Entwicklungen eingeordnet und dem Fach mit analytischer Schärfe und strategischem Denken Orientierung gegeben. Für seine Verdienste zur Professionalisierung der PR wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
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