Sieben Wege zur Effektivitaet Buchcover Stephen R CoveyEs gibt Bücher, die man in seinem Leben mehrfach liest. Es sind nicht viele, aber es gibt sie, diese in jeder Hinsicht durchschlagenden Lektüren wertvoller Bücher. Ich habe jetzt zum dritten Mal "Die 7 Wege zur Effektivität" komplett gelesen. Von der ersten bis zur letzten Seite. Und wieder las ich den Welt-Klassiker der Management-Literatur anders als in den Jahren zuvor. Das Leben prägt solche Lektüren. Je anders. – Die "7 Wege" sind seit ihrem ersten Erscheinen 1989 vielfach beschrieben, rezensiert und rezipiert worden. Vor allem haben sie unzählige Leserinnen und Leser in allen Ländern der Welt gefunden. Das Buch ist weit über 30 Millionen Mal verkauft worden, durch zahllose Hände gegangen, unzählige Management-Seminare wurden nach seinen Lehren veranstaltet.

Die "7 Wege" müssen daher an dieser Stelle nicht im Detail erneut ausgebreitet werden. Es genügt, sie sich kurz in Erinnerung zu rufen. Die ersten drei zahlen auf die persönliche Entwicklung ein: Pro aktiv sein, schon am Anfang das Ende im Sinn haben, das Wichtigste zuerst tun. Diese drei Wege führen nach Stephen Covey von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit. Hierauf lässt sich der von ihm sogenannte "öffentliche Erfolg" aufbauen, im Beschreiten von drei weiteren Wegen: in Gewinn/Gewinn-Perspektiven für alle Beteiligten denken, erst den anderen verstehen und erst danach selbst verstanden werden, Synergie finden (für neue, für dritte Wege). Diese Dimension erschließt sich erst und nur im Zusammenwirken mit anderen, führt daher zu einer "Interdependenz". Diese ist aber nichts als zwanghaft zu verstehen. Es ist eine positive gegenseitige Abhängigkeit, von der aber alle durch reichhaltige Lösungen profitieren. Der 7. Weg ("die Säge schärfen") meint in einer hierzulande gebräuchlichen Formel im Grunde das lebenslange Lernen – und Trainieren, wie Stephen Covey jetzt gewiss ergänzen würde, gemeint in seiner körperlichen, mentalen, spirituellen Dimension.

Gelesen hatte ich in diesem Buch schon oft. Aber erst jetzt, bei der dritten Komplettlektüre, erschloss sich mir das erste, der Entfaltung der sieben Wege vorgeschaltete Kapitel "Paradigmen und Prinzipien", in seiner ganzen gedanklichen Wucht und Intensität. Wer diesen Weg wirklich aufnimmt, geht einen ganz anderen Weg als er in zahllosen Weiterbildungs-Seminaren zur persönlichen Kommunikation vermittelt wird.

Mit Covey lernt man eben keine Sozialtechniken, wie man sich besser präsentiert und einen sympathischen Eindruck hinterlässt, um mehr persönlichen Erfolg zu generieren. Darum geht es dem Erfolgsautor nicht. Sein Blick: Ein erfolgreiches Leben ist ein sinnerfülltes Leben. Das auf Werten beruht. Und auf Integrität und Charakter. Das hat etwas mit Entwicklung und Reife zu tun. Wer nur vordergründige Sozial- und Kommunikationstechniken lernen will, für den ist dieses Buch gar nichts – außer eine reine Provokation. Die "7 Wege" sind keine Sozialtechniken. Sie sind Wege zu einer Orientierung an Prinzipien. In der deutschen Übersetzung ist das in dem etwas missverständlich übersetzten Gegensatz von "Persönlichkeits-Ethik" und "Charakter-Ethik" ausgedrückt. Letzteres ist das Kernanliegen Coveys.

In der sogenannten "Persönlichkeits-Ethik", geht es um das Erlernen von kommunikativen Techniken und Skills, mit denen man einen guten Eindruck erzeugen kann, der gewinnend ist und einen schönen Schein nach außen vermittelt. Und, in den Worten Coveys, ein künstliches Lächeln zeigt, kein ehrliches, von innen und von Herzen kommendes. Aber das ist, so wie hier beschrieben, eigentlich gar keine Ethik. Sondern vielmehr öffentliches Eindruck-Schinden, nicht frei von Manipulation. So wie das heutzutage viele Menschen in ihren Social-Media-Accounts machen.

In der "Charakter-Ethik" Coveys geht es um ganz etwas anderes: "Mit Techniken wie 'Gewinn/Gewinn-Verhandlungen' oder 'Aktivem Zuhören' allein lässt sich kein öffentlicher Erfolg erringen, wenn diese nur auf das eigene Image ausgerichtet sind und den Charakter vernachlässigen" (S. 236). Es geht Covey aber nicht darum zu vermitteln, wie man gut "rüberkommt". Sein Anliegen ist, wie man es schafft, gut zu sein. Dahin will er uns führen. Das zu vermitteln, ist das Kernanliegen der "7 Wege", vor über 30 Jahren und auch heute. Wenn man das Buch nur richtig liest.

Und wie lesen Kommunikationsmanager ein solches Buch? Ist das überhaupt für sie brauchbar, deren Aufgabe es ja vielfach doch ist, einen Eindruck zu erzeugen, Fakten ins richtige Wahrnehmungs-Licht zu rücken, Wirklichkeiten zu konstruieren und, ja, geradezu Impression Management zu betreiben? Also das, was Covey „Persönlichkeits-Ethik“ nennt und für eher vordergründig hält. Ja, offen gestanden, für PR-Managerinnen und PR-Manager liest sich das Buch schon als eine steile Herausforderung an die Reflexion des eignen Tuns. Das mag manchem zu idealistisch, zu naiv, zu fern der Realität von Herausforderungen an die Kommunikation von Wirtschaft und Institutionen vorkommen. Aber dennoch gibt es auch für solchermaßen berufsskeptische Leserinnen und Leser gewiss manche Passagen, von denen auch sie unmittelbar profitieren werden. Gerade in den unterschiedlichen Techniken des Zuhörens, des sensiblen Hörens auf die Stakeholder (5. Weg! – erst verstehen, dann verstanden werden) oder den sehr originellen Herangehensweisen zur Formulierung überzeugender Unternehmens-Leitbilder für Stakeholder, die vielfach vehement nach ethisch einwandfreiem Verhalten der Unternehmen rufen, finden auch moderne Kommunikationsmanager erfrischende Anregungen für ihr berufliches Tun.

Titel: Die 7 Wege zur Effektivität. Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg; Autor: Stephen R. Covey; Verlag: Gabal, Offenbach, 56. Auflage 2020; Umfang: 414 Seiten; Preis: 24,90 Euro; ISBN-Nr.: 978-3-86936-894-8

Kiefer Markus Prof FOM kleinerÜber den Autor der Rezension: Markus Kiefer (63, Foto) ist Professor an der FOM - Hochschule für Oekonomie und Management. Dort lehrt er BWL, mit dem Schwerpunkt der Unternehmens- und Wirtschaftskommunikation.
Im Rechtsverlag (Düsseldorf / Stadtlohn) hat er im März 2021 das Buch „Kommunikationskompetenz“ und die Essay-Sammlung „Moderne Unternehmenskommunikation“ veröffentlicht. Das Buch zeigt Wege zu einer zeitgemäßen Führungskräfte- und Organisationskommunikation auf, die zweite Schrift liefert Bausteine und Vorschläge für die Praxis – insbesondere der mittelständischen Unternehmenskommunikation. Zur Verlags-Website mit direkter Bestellmöglichkeit geht es 
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