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Team of Teams Stanley McChrystal BuchcoverIm Topmanagement sind gedankliche Anleihen bei Militärs seit langem weltweit populär. Die meisten zitierten Autoritäten, chinesische Generäle und preußische Offiziere, sind längst schon nicht mehr unter uns. Wie wäre es daher zur Abwechslung mit der Anleihe bei einem noch Lebenden? Stanley McChrystal zum Beispiel. Der hoch dekorierte Vier-Sterne-General ist heute Management-Berater. In seiner letzten aktiven militärischen Funktion war er Befehlshaber sowohl der US-amerikanischen als auch aller anderen internationalen Streitkräfte in Afghanistan, zuvor Kommandant der militärischen Spezial-Kommandos im Irak. Aus diesen Erfahrungen ist dieses Buch geschrieben, gemeinsam verfasst mit zwei seiner ehemaligen Offiziere und heutigen Beraterkollegen sowie einem seiner akademischen Schüler an der Yale University, wo McChrystal Leadership lehrt.

Als der Top-Militär das Kommando im Irak übernahm (2003), waren die bestens ausgebildeten, bestens ausgerüsteten US-Kräfte auf dem Weg, gegen Al Quaida zu verlieren. Der militärisch unterlegene Gegner, dezentral organisiert, aber sehr wendig, flink, die Macht moderner Mobilgeräte und Social Media geschickt ausnutzend, wurde mit seinen Terroranschlägen immer erfolgreicher. Die US-Militärs, im klassischen Stil Top down-geführt, mit genauesten Anweisungen ausgestattet, aber in den zahlreichen beteiligten einzelnen Organisationen nur schlecht oder sogar gar nicht abgestimmt, viel zu stark in Silo-Denke und im strikten Wahren von militärischen Geheimnissen verharrend, kamen immer öfter viel zu spät. Der Gegner hatte zugeschlagen und war schon längst anderswo, während seine machtvollen Bilder und Filme der Anschläge per Social Media zur Bevölkerung durchdrangen.

Der rote Faden dieses Buches ist die Erzählung eines eindrucksvollen Management-Turnarounds, in Bezug auf Strategie und Kommunikation. Zu überwinden war das klassische Mikromanagement des Militärs, in dem der Ranghöchste alle Entscheidungen selbst trifft und den Führern seiner Einheiten bis ins Detail vorgibt, was sie zu tun haben – und diese Ausführungen dann adäquat kontrolliert. Mit diesem Führungsstil war der Gegner nicht mehr zu besiegen.

Mehr Selbstverantwortung, Silodenken überwinden

McChrystal drehte die ganze Richtung: Mehr Selbstverantwortung und volle Entscheidungsbefugnis für die operierenden Teams. Nicht mehr den kommandierenden General um Erlaubnis für jede einzelne Entscheidung vor Ort fragen – aber ihn nachträglich sauber informieren. Eine Vertrauenskultur schaffen, die für den Austausch der unterschiedlichen militärischen und geheimdienstlichen Einheiten sorgt. Das Silodenken überwinden. Für Transparenz sorgen, möglichst alle Informationen miteinander teilen. Bei allen ständig den Blick auf das Ganze schärfen.

Zu erschaffen war das, was der Gegner bereits hatte, ein effizientes Netzwerk, ein „Team of Teams“. Persönliche Verbindungen, wo sich vielleicht nicht jeder so gut kennen muss, wie alle Teammitglieder in einer kleinen Spezialeinheit untereinander – aber wo es doch zumindest immer ein Teammitglied gibt, das eines aus dem anderen Team persönlich kennt – und weiß, dass er ihm voll vertrauen darf. McChrystal schaffte das unter anderem durch das Prinzip der „Embedded“-Botschafter. Auf begrenzte Zeit wurde ein einzelner aus einem Team zu einer auf andere Aufgaben spezialisierten Einheit abkommandiert, lernte deren Arbeitsweise und Denke kennen sowie die Anführer – und war nun für künftige Kommunikation ein bekanntes Gesicht, eine vertraute Stimme, eine vertrauenswürdige Person. Das Knüpfen eines breiten und vertrauenswürdigen Netzwerkes nahm Fahrt auf.

Vom Oberbefehlshaber zur Führungspersönlichkeit

Natürlich änderte sich gleichfalls die Rolle und die Kommunikation des Oberbefehlshabers. Am Ende war General McChrystal nicht mehr eine Figur, zu der alle aufblicken mussten, um das Abnicken einer Entscheidung zu bekommen. Am Ende war es eine Führungspersönlichkeit, die eine tägliche virtuelle Lage-Video-Konferenz mit zeitweise 7.000 (!) Beteiligten, mit bis zu zwei Stunden Länge, wirkungsvoll moderierte, in der wirklich jede und jeder gefragt und motiviert war, seinen Beitrag, seine Information, seine Problemlösung einzubringen – wenn er denn etwas hatte, was anderen am andern Ort oder dem gesamten System konkret weiterhelfen konnte. Derjenige, der mit einem Briefing dran war, wurde von McChrystal anmoderiert, angesprochen mit dem jeweiligen Vornamen (um Hemmungen abzubauen). Dann hatte er genau vier Minuten, wobei er auf dem Bildschirm von jedermann zu sehen war: eine Minute zu seinem Thema, drei Minuten für Fragen und Antworten – und jedermann konnte und sollte sich mit Fragen, Beiträgen, Informationen beteiligen. Mit manch spannender Anschluss-Diskussion über Optionen, Alternativen. Dann der Nächste und das nächste Thema.

Fazit: Von vielem, was der Rezensent schon über Netzwerkbildung gelesen hat, ist das hier das Beste.

Titel: Team of Teams. Wie Organisationen ihre Anpassungsfähigkeit in einer komplexen Welt verbessern können; Autoren: Stanley McChrystal mit Tamtum Collins, David Silverman u. Chris Fussell; Verlag: Vahlen, München 2020, Umfang: 292 Seiten; Preis: 26,90 Euro; ISBN-Nr. 978-3-800660506

Über den Autor der Rezension: Markus Kiefer (62) ist Professor an der FOM - Hochschule für Oekonomie und Management. Dort lehrt er BWL, mit dem Schwerpunkt der Unternehmens- und Wirtschaftskommunikation.
Im Rechtsverlag (Düsseldorf / Stadtlohn) hat er im März 2021 das Buch „Kommunikationskompetenz“ und die Essay-Sammlung „Moderne Unternehmenskommunikation“ veröffentlicht. Das Buch zeigt Wege zu einer zeitgemäßen Führungskräfte- und Organisationskommunikation auf, die zweite Schrift liefert Bausteine und Vorschläge für die Praxis – insbesondere der mittelständischen Unternehmenskommunikation. Zur Verlags-Website mit direkter Bestellmöglichkeit geht es hier.


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