Höllenritt Wahlkampf CoverFrank Stauss wäre nicht einer der profiliertesten Kampagnenmanager und Wahlkampfberater Deutschlands, wenn er nicht ein Talent dafür besäße, sich selbst zu inszenieren. „Seit 25 Jahren mache ich Wahlkämpfe. Ich liebe es, ich hasse es“, steht auf der im Februar 2017 erschienenen Neuausgabe seines 2013 erstmals veröffentlichten „Spiegel“-Bestsellers „Höllenritt Wahlkampf“ als eine Art Mission-Statement. Der 52-jährige Stauss, Geschäftsführer und Mitinhaber der Agentur Butter, beschreibt sich selbst als Wahlkampf-Besessener – und ist es vermutlich auch.

Wahlkämpfe scheinen für ihn nicht plumpes Geldverdienen, sondern eher eine Inspiration für seine Arbeit als einer der Top-Werber des Landes zu sein. „Nichts ist spannender als eine Wahl, denn nichts ist endgültiger“, schreibt er. Bei einer Kampagne für ein Parfüm, ein Auto oder einen Schokoriegel könne man zu jedem Zeitpunkt nachjustieren und von vorne anfangen. Bei einer Wahl gehe das nicht.

„Am Wahltag ist Zahltag [...] Jede Kampagne macht Fehler. Bei den erfolgreichen spricht später niemand mehr darüber. Bei den erfolglosen spricht später niemand mehr über etwas anderes.“ Dieser Tanz auf der Rasierklinge gibt Stauss einen Kick. Woher sein Enthusiasmus für Wahlkämpfe kommt, so ganz weiß er es selbst nicht. Da ist er ganz ehrlich.

Stauss FrankVielleicht ist es auch die gesellschaftliche Bedeutung einer guten oder missratenen Wahlkampagne, die Stauss (Foto: ©privat) antreibt. Anders als bei den meisten Werbe- oder PR-Projekten ist die Relevanz des Ausgangs eines Wahlkampfes zweifelsohne enorm. Einer der aktuellsten Aufträge von Stauss war der für die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer – umfangreich dargestellt im Buch. Hätte die Kampagne nicht Anfang 2016 mit einem Sensationssieg Dreyers geendet, während die SPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt fast einstellige Wahlergebnisse einfuhr, die Geschichte Deutschlands wäre im vergangenen Jahr vermutlich anders verlaufen.

Einige Prozentpunkte weniger für Dreyer hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit das sofortige Ende von Sigmar Gabriel als SPD-Chef bedeutet. Gabriel wiederum hätte sich dann nicht ein Jahr lang als potenzieller Kanzlerkandidat im Spiel halten und selbst treueste Wähler abschrecken können, die Martin Schulz aktuell auf wundersame Weise wieder einzusammeln scheint. Martin Schulz als fest im Amt sitzender Präsident des EU-Parlaments wäre 2016 mit Sicherheit nicht SPD-Vorsitzender und damit vermutlich auch nicht Kanzlerkandidat geworden.

Stammgast in den Schaltzentralen der Macht

Zurück zur Realität. Das Buch „Höllenritt Wahlkampf“ ist ein persönlicher Rückblick von Frank Stauss auf 25 Jahre Wahlkämpfe und die Arbeit seiner Agentur Butter. Die meisten der mehr als 25 Wahlkämpfe hat Stauss für die SPD geführt – unter anderem für Klaus Wowereit, Hannelore Kraft, Olaf Scholz, Gerhard Schröder, Frank Walter Steinmeier, Malu Dreyer und Michael Müller. Er selbst sagt, er gehe „in den Schaltzentralen der Macht ein und aus.“

Das Buch ist unterhaltsam, weil es chronologische Ereignisse mit persönlichen Eindrücken und Kommentierungen sowie Häme für den politischen Gegner verbindet. Opfer ist meist die CDU. Beispiel: „Und wieder war Verlass auf Julia Klöckner, die in üblicher Lautstärke und klassischem AfD-Jargon...“ Die Kandidaten, für die Stauss und Butter tätig sind, werden zwar vorgestellt, aber leider erfährt man über den „Franz“ (Müntefering), „Olaf“ (Scholz) und „Gerhard“ (Schröder) wenig mehr, als man als politisch interessierter Zeitungsleser sowieso schon weiß.

Auf Anekdoten zum Schenkelklopfen verzichtet „Höllenritt Wahlkampf“ weitgehend – von wenigen Ausnahmen abgesehen wie beim Bundestagswahlkampf Gerhard Schröders gegen Angela Merkel 2005: „Dem Kanzler, der jetzt bei uns angekommen ist, sagt keiner, dass er gerade seinen Spot versemmelt hat.“ Schröder hatte beim Dreh eines Wahlspots alle Regiepläne über Bord geworfen und sich stattdessen „Fans“ zugewendet.

Interessant für professionelle Kommunikatoren sind vor allem Passagen zur Funktionsweise von Fokusgruppen, zur Herleitung eines Images, zur Zusammenarbeit von Agenturen mit Partei und deren Spitzenpersonal sowie Beispiele für das Reagieren auf Aktionen des politischen Gegners und Umfragen. Neu zur Ausgabe von 2013 ist ein Exkurs, wie man mit Populisten umgehen und sie als solche entlarven kann. An mehreren Stellen in seinem Buch macht Stauss klare Statements zu Demokratie, Meinungsfreiheit und Pluralismus – und präsentiert sich als überaus politischer Mensch. Der CSU und Horst Seehofer gibt er beispielsweise recht unverblümt Mitschuld am Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland.

Auch zu Agenturen, die zwar politische Kommunikation betreiben, aber Wahlkämpfe nicht übernehmen, hat Stauss eine klare Haltung: „Meiner Meinung nach sind Kommunikationsagenturen, die Wahlkampfwerbung grundsätzlich ablehnen, reine Schmarotzer einer freien und demokratischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung“, antwortete er im August 2016 auf eine Anfrage des „PR-Journals“ anlässlich der Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. „Diese Agenturen verachte ich. Die haben nicht verstanden, dass Demokratie und Wahlkampf untrennbar miteinander verbunden sind.“

Den Bundestagswahlkampf der SPD 2017 koordiniert Stauss im Übrigen nicht, sondern die Agentur KNSK aus Hamburg. Butter und Stauss managen den SPD-Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen für Hannelore Kraft.

Titel: „Höllenritt Wahlkampf. Ein Insider-Bericht. Erweiterte Neuausgabe.“ Autor: Frank Stauss. dtv Sachbuch. 256 Seiten. ISBN: 978-3-423-34918-5


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