Heute NEU im PR-Journal - Bereich Meinungen

schulz bruhdoel norbert 58(nsb) Mal kurz gefragt: Wie viele Sendeminuten, wie viele Tonnen bedrucktes Papier und wie viele lustvolle Schlagzeilen in den Live-Tickern hat die German-Wings-Tragödie gebracht? Ein Satz aus der unvermeidlichen Brennpunkt-Sendung am Tag des Absturzes: „Zu diesem Zeitpunkt verbietet sich natürlich jede Spekulation – aber sagen Sie mal: Was kann sich an Bord des Flugzeugs abgespielt haben?“
Darf man das? Gefühlt genau so viel Raum wie all der Info-Schrott beanspruchen seitdem die Zeilen der Kritiker in allen Medien: Wie kann man nur aufgrund so weniger Informationen so vollmundig senden, schreiben, twittern und posten? Schreiben exakt dieselben Medien, die zuvor und zugleich munter mitspekuliert haben.

Eine Autorin darf in „Emma“ fordern, mehr Frauen ins Cockpit zu setzen, denn „Amoktrips sind Männersache“. Wir wollen daran erinnern, dass Giftmorde vorwiegend von Frauen verübt werden. Weshalb noch ein Mann mehr ins Cockpit gehört. Denn er kann verhindern, dass Frau Co-Pilotin dem Kapitän Zyankali in die Thermoskanne fingert. Stimmt's? Etliche Foristen geben zu, sie seien nur an kurzen Neuigkeitsschnipseln interessiert, weil nicht mehr auf die Displays ihrer Smartphones passt. So bündig hat noch niemand zugegeben, Nachrichten nur wegen ihrer Smalltalk-Tauglichkeit wahrzunehmen: „Kuck ma hier, eh – hundertfuffzich Tote. Krass, eh! Hammer, ne?“

Ein leitender Redakteur des Branchenforums „meedia“ fordert Kollegen auf, ihre Presseausweise abzugeben, wenn sie die Identität des Co-Piloten nicht nennen wollen, solange seine Schuld nicht zweifelsfrei erwiesen ist. Er tut dies, als er nicht mehr kennt als die Interpretation der Stimmenaufzeichnungen durch den ermittelnden Staatsanwalt. Das Spießrutenlaufen von Eltern, Verwandten, Freunden und aller Menschen, die so oder nur so ähnlich heißen wie Andreas L. ist ihm gleichgültig?

Ein Redakteur von n-tv meint, es komme in den schnellen Zeiten des Internets nicht mehr auf den Gehalt von Nachrichten an, sondern auf den Bedarf der Nutzer. Den kennen wir. Der offenbart sich in der Mehrheit der User-Kommentare. Der zeigt sich in den Gaffern, die sich an dem Unfall auf der Gegenfahrbahn nicht sattsehen können. Der erweist sich im Erfolg der Splatterfilme, wo sich Tricktechniker im Verspritzen von Blut und Hirnmasse übertreffen.

Das alles geht tiefer, als die Medienkritiker es sehen wollen. Wenn es um den Bedarf an Sensationen geht – das kriegen wir hin. Die Zeit der öffentlichen Hinrichtungen in Europa liegt noch nicht lange zurück. Lasst uns die fesselnden Bande der Zivilisation abstreifen, lasst uns Schafotts und Amphitheater bauen. Wir wollen sie hoch hängen, wir wollen das Blut riechen, wenn der Löwe die Leiber der Delinquenten zerfetzt. Das Geruchsfernsehen kommt bestimmt.


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