Boeddicker Jonas Student WeimarDer ehemalige SPD-Vorsitzende und Außenminister Sigmar Gabriel würde Wahlumfragen am liebsten in den letzten vier Wochen vor einer Wahl verbieten. Überhaupt nichts von einem Verbot hält Professor Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Als Ergebnis seiner Studie zur Berichterstattung über Wahlumfragen fordert er eine Qualitäts-Diskussion. („PR-Journal“, 14. September 2021) Auch Jonas Böddicker (Foto), Student der Medienkultur an der Bauhaus-Universität Weimar und Mitglied der Initiative "eject - Zeitschrift für Medienkultur", fordert in seinem Leserkommentar eine kritische Debatte über Wahlumfragen.

Leserbrief von Jonas Böddicker vom 22. September 2021

„Ich kann den Punkten von Herrn Brettschneider zumindest teilweise zustimmen. Ja, es gibt keine empirischen Nachweise für einige dieser Effekte. Allerdings würde ein generelles Verbot solcher Umfragen doch ein ganz fundamentales Demokratieproblem beseitigen, das mit der Reaktion der Parteien zusammenhängt und nicht mit der der Wähler.

Es ist bezeichnend, dass manche Parteien im Wahlkampf erst zum "Kampf" übergehen, wenn sie plötzlich in den Umfragen hinten liegen. Genauso fragwürdig ist das ständige "auf Sicht fahren" und die Übernahme oppositioneller Positionen, durch regierende Parteien, wenn die Opposition kurzzeitig ein "hoch" in den Umfragen erfährt. Parteien unterscheiden sich unter diesen Bedingungen immer weniger voneinander, was die extremen Ränder stärkt. Bis letztlich nur noch vage zumeist sehr konservative Versprechen in Parteiprogrammen stehen, um eine größtmögliche Prozentzahl bei den nächsten Umfragen zu ergattern.

Der Appell an ‚die Medien‘ ist zudem eine Luftnummer. Zeitungen, Radiosender, Fernsehen, etc. funktionieren in ihren derzeitigen Systemen eben am besten – bedeutet am reichweitenstärksten – wenn über Zahlen, die mit ihrem ständigen auf und ab einem Krimi gleichen, berichtigt wird. Dementsprechend kommt ein solcher Appell vielleicht in irgendeiner kleinen Redaktion an, aber mit Sicherheit nicht bei FAZ, ARD, RTL, Bild, taz oder sonst wen.

Ich kann diese Ablehnung somit aus demokratietheoretischer Sicht nicht gutheißen und fände eine Debatte darüber aus dieser Perspektive spannend.“

Jonas Böddicker
Student der Medienkultur an der Bauhaus-Universität Weimar und Mitglied der Initiative "eject - Zeitschrift für Medienkultur"


Wir haben die Kommentarfunktion wegen zu vieler Spam-Kommentare abgeschaltet. Sie können uns aber trotzdem Ihre Meinung zu diesem Artikel als Leserbrief direkt zusenden. Falls Sie wünschen, dass wir Ihren Leserbrief als Kommentar dem Artikel hinzufügen, vermerken Sie dies bitte in der Mail an uns.
leserbrief@pr-journal.de


Heute NEU im PR-Journal

  • Tinder und Schröder+Schömbs PR haben ein Match

    wer: Mobile-Dating-App Tinder, Hauptsitz der Match Group Inc., Dallas (Texas, USA)was: Media Relations und Kampagnen für die DACH-Region, Strategie für neue Produkt-Features an: Schröder+Schömbs PR,...

  • TDUB übernimmt Kommunikation in Deutschland für Visable

    wer: B2B-Online-Marketing-Unternehmen Visable GmbH, Hamburg was: PR-Arbeit samt Medienarbeit und digitaler Kommunikation mit Schwerpunkt B2B-Sektoran: TDUB Kommunikationsberatung, Hamburg

  • Klarnamen werden bei Facebook nicht zur Pflicht

    Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Facebook-Nutzer und -Nutzerinnen dürfen weiterhin unter Pseudonymen ihre Posts veröffentlichen – allerdings nur, wenn sie schon seit mehr als vier Jahren dort...

  • David Eisenberger verlässt den ZIV

    David Eisenberger (Foto © ZIV) wird zum 31. Januar den Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) mit Sitz in Berlin auf eigenen Wunsch verlassen. Er plant eine berufliche Auszeit. Eine Nachfolge gibt es noch...

  • Debatte: Stakeholder Journey europäisch denken!

    Mit Macht schwappt CommTech als Begriff und neues Modell für Kommunikation über den Atlantik. Bei aller Sympathie und ein bisschen Bewunderung geht die Idee, alle Stakeholder optimaler Weise zu...