Kommentare & Kolumnen Zum Tod des PR-Forschers Manfred Rühl Gigant statt Scheinriese
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- von Olaf Hoffjann, Bamberg
Es gibt Scheinriesen. Und es gibt Manfred Rühl. In der Kommunikationspraxis kannten seinen Namen wohl nur Wenige. Größer wird Rühl bereits bei kommunikationswissenschaftlichen Absolventen erscheinen. Sie erinnern sich vermutlich daran, wie oft sie in ihrem Studium auf seine Werke gestoßen sind. Ein ‚Großer‘ war Manfred Rühl für viele seiner Studierenden in Bamberg, die er mit seiner Begeisterung für die Kommunikationswissenschaft ansteckte. Ein wahrer Gigant war er schließlich im Fach selbst. Wohl niemand hat nach dem Krieg die deutsche Kommunikationswissenschaft – und quasi nebenbei die PR-Forschung – so geprägt wie Manfred Rühl.
Seine Stationen: Von Nürnberg nach Bamberg – über die USA
Manfred Rühl wurde 1933 in Nürnberg geboren. Nach Abitur und Lehre studierte er Volkswirtschaftslehre und im Nebenfach u.a. Publizistik in Erlangen und Berlin. Während und nach seinem Studium arbeitete er als freier Journalist u.a. für regionale Tageszeitungen, den Bayerischen Rundfunk und das Sport-Magazin. Anschließend wurde er an der Universität Erlangen-Nürnberg wissenschaftlicher Assistent bei Franz Ronneberger, bei dem er 1968 promovierte. Nach verschiedenen Stationen erhielt Manfred Rühl 1976 den Ruf auf eine Professur für Kommunikationswissenschaft der Universität Hohenheim. 1983 nahm er einen Ruf auf den neuen Lehrstuhl für Journalistik der Universität Bamberg an, wo er bis zu seiner Emeritierung 1999 lehrte und forschte. Bei der Gründung der heutigen Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) 1963 war Manfred Rühl vermutlich das jüngste Mitglied, von 1980 bis 1982 war er deren Vorsitzender, zuletzt ihr Ehrenmitglied.
Auch wenn die Zahl seiner englischsprachigen Publikationen überschaubar blieb, war ein Verdienst von Manfred Rühl, die deutschsprachige Kommunikationswissenschaft für internationale Perspektiven geöffnet zu haben. Bereits 1950 verbrachte er als Schüler einen einjährigen USA-Aufenthalt. 1969/70 folgte er mit einem Postgraduierten-Stipendium der Einladung von George Gerbner und wurde Scholar-in-Residence der Annenberg School of Communications (ASC) der University of Pennsylvania. Rühl traf dort u.a. auf Harold D. Lasswell (Yale), David Manning White (Boston) und Paul Watzlawick (Palo Alto). Noch in Amerika wurde er 1970 Mitglied der International Communication Association (ICA), die mit 150 Mitgliedern aus 27 Nationen damals noch sehr klein war. Von 1977 bis 1980 war er Member-at-Large im ICA-Board of Directors.
Seine Dissertation: Der Urknall der deutschen Kommunikationswissenschaft
Als Manfred Rühl Mitte der 1960er Jahre mit seiner Dissertation „Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System“ begann, konnte man in Deutschland noch nicht von einer ernstzunehmenden Kommunikationswissenschaft sprechen. Während die US-amerikanische Kommunikationswissenschaft bereits empirisch-sozialwissenschaftlich geprägt war, dominierten in Deutschland vor allem historische und normative Perspektiven, die viel darüber zu sagen hatten, wie etwas sein sollte. Für so arbeitende Forscher war das Werk eines anderen jungen Deutschen kaum anschlussfähig, vermutlich stellte es sogar eine Provokation dar. Sein Name war Niklas Luhmann, der Soziologe stand wie Manfred Rühl damals am Beginn einer großen Wissenschaftlerkarriere. Kaum waren damals Luhmanns erste Schriften erschienen, war es Manfred Rühl, der die Systemtheorie in die damals noch weitgehend theoriefreie deutsche Kommunikationswissenschaft importierte.
In seiner Dissertation wendete sich Rühl mit Luhmann vor allem von individualzentrierten Ansätzen ab, zu denen die damals noch subjekttheoretisch geprägte Gatekeeper-Forschung zählte. Es dominierte das Bild hochbegabter Redakteure. Rühl hingegen verstand Redaktionen als komplexe Organisationen, deren Entscheidungen das Ergebnis von Erwartungsstrukturen waren. Mit dem systemtheoretischen Werkzeug Luhmanns entwickelte er nicht nur einen theoretisch-konzeptionellen Rahmen für die redaktionelle Arbeit, sondern reicherte dies um eine teilnehmende Beobachtung und Leitfadeninterviews an, die er in einer Nürnberger Regionalzeitung durchführte. Manche Darstellung mag sich heute wie eine Geschichte aus einer fernen Zeit lesen, in der es beispielsweise noch Redaktionsboten gab. Dennoch hat das Buch in seinen Grundzügen und seiner theoretischen Anlage kaum etwas von seiner Aktualität verloren. Niklas Luhmann schrieb kurz nach Erscheinen von Rühls Dissertation eine sehr positive Rezension, die allerdings erst rund 50 Jahre später erschien.
Die zentralen Überlegungen seiner Dissertation integrierte Rühl in seine Habilitationsschrift „Journalismus und Gesellschaft“ (1980). Mit seiner rein deskriptiven Perspektive sucht er eine Antwort auf die Frage, wie der Journalismus wirkt. Das Problem, das der Journalismus bearbeitet und mit dem seine gesellschaftliche Funktion zusammenhängt, ist für Rühl das Übermaß der Weltereignisse. Dies entwickelt Rühl weiter zur Funktion des Journalismus: „Die besonderen Leistungen und die besonderen Wirkungen des Journalismus, durch die sich sein Handeln von anderen, an der Öffentlichkeit orientierten Sozialsystemen unterscheidet, bestehen in der Ausrichtung auf die Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation“ (Rühl 1980: 322f). Diese Funktionsbeschreibung ist in der deutschsprachigen Journalismusforschung bis heute ein zentraler Referenzpunkt, sie wurde vielfach aufgegriffen und mitunter weiterentwickelt.
Seine PR-Theorie: „Public Relations ist, was Public Relations tut“
Die dunklen Erfahrungen der Nazi-Propaganda führen in der deutschen Kommunikationswissenschaft bis heute dazu, dass der Propaganda-Begriff mit großer Vorsicht und Zurückhaltung benutzt wird. Die Folge: Public Relations wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem so beschrieben, wie sie sein sollte und wie man sie sich wünschte. Viele solcher Wunschlisten dominierten die deutsche PR-Forschung, als Manfred Rühl und Franz Ronneberger in den 1980er Jahren mit ihrer Arbeit an der bis heute wohl umfassendsten PR-Theorie begannen. Dem Wunschdenken harmonischer PR setzten sie ein nüchternes „Public Relations ist, was Public Relations tut“ (Rühl 1992: 35) entgegen.
Das Erscheinen der „Theorie der Public Relations. Ein Entwurf“ (Ronneberger & Rühl 1992) mag für viele eine Überraschung gewesen sein, weil Rühl damals als Journalismusforscher galt. Für ihn selbst stellte das Buch einen konsequenten Schritt dar. So zählte PR schon in den 1970er Jahren zu seinem Lehrprogramm, in den 1980er Jahren folgten erste kleinere Veröffentlichungen zur PR. Sein Ko-Autor, früherer Chef, Mentor und Schwiegervater Franz Ronneberger hatte sich in eigenen Publikationen bereits mehrfach theoretisch mit der PR auseinandergesetzt. Wie den Journalismus konzipieren Ronneberger und Rühl Public Relations als gesellschaftliches Funktionssystem. Die Funktion von Public Relations „liegt in autonom entwickelten Entscheidungsstandards zur Herstellung und Bereitstellung durchsetzungsfähiger Themen […], die – mehr oder weniger – mit anderen Themen in der öffentlichen Kommunikation um Annahme und Verarbeitung konkurrieren“ (Ronneberger & Rühl 1992: 252). An die Seite der Funktion stellen die Autoren die gesellschaftliche Wirkungsabsicht von PR, nach der sie zur Stärkung des Gemeinwohls beitrage. Die pluralismustheoretische Idee dahinter: Wenn die PR verschiedener Organisationen über alle bestehenden Interessen informiert, könne die Gesellschaft aufgeklärt entscheiden und damit zur Stärkung des Gemeinwohls beitragen.
Die damals überschaubare Community der PR-Forscher freute sich darüber, dass sich der renommierte Rühl mit ‚ihrem‘ Gegenstand beschäftigte und der PR den Status eines gesellschaftlichen Funktionssystems verlieh. Das Buch wurde im Fach intensiv rezipiert und wird bis heute vielfach zitiert. In den damals intensiv geführten Theoriediskussionen zur PR war es der zentrale Bezugspunkt. Im Gegensatz zu seinen Arbeiten zum Journalismus, bei denen Rühl seiner Zeit weit voraus war, sah er sich mit seinem PR-Entwurf allerdings recht früh auch kritischen Stimmen ausgesetzt. So setzte sich die Annahme durch, dass PR weniger eine gesellschaftliche, sondern eher eine organisationale Funktion habe.
Sein letztes Buch
Manfred Rühl dürfte der wichtigste Wegbereiter der empirisch-sozialwissenschaftlichen Wende der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft sein. Sein größter Verdienst ist der ‚Import‘ der Systemtheorie in die deutschsprachige Kommunikationswissenschaft, die Teile des Fachs bis heute prägt. Dabei gerät mitunter in Vergessenheit, dass der ‚Großtheoretiker‘ Rühl mit seiner teilnehmenden Beobachtung auch in empirischer Hinsicht einen Meilenstein setzte.
Manfred Rühl war dabei im positiven Sinne ein Wissenschaftler der alten Schule. Ihm war das Forschen – das Lesen und Schreiben im heimatlichen Arbeitszimmer – wichtiger als Auftritte auf der Vorderbühne. Der Transfer wissenschaftlichen Wissens in die Öffentlichkeit und Praxis, der heute ein fester Bestandteil von Zielvereinbarungen im Uni-System ist, spielte zu seinen Zeiten kaum eine Rolle. Gleichwohl zählte er selbst hier mit den Rummelsberger Seminaren zu den innovativen Vorreitern. Im kleinen Kreis saßen dort Praktiker und Wissenschaftler zusammen, um „die problemorientierte Diskussion über Public Relations voranzutreiben“ (Rühl 1981: 5).
Manfred Rühl war mit seinen ungezählten Monographien bis zuletzt ein Vielschreiber. Anfang des Jahres erschien sein letztes Buch zur interdisziplinären Kommunikationswissenschaft, in dem er eine Reise von Aristoteles über Kant bis Weber unternimmt. Wie alle Veröffentlichungen dieses Giganten der Kommunikationswissenschaft wurde auch sie weithin beachtet. Nicht ohne Freude schrieb er im Januar zu seinem letzten Werk: „Und wie mir das Lektorat gestern mitteilte, wurde sein Eintrag in Springer Link in den ersten beiden Wochen 1.200 Mal angeklickt.“ Am 5. August 2026 ist Manfred Rühl im Alter von 92 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben.
Literatur
Ronneberger, F., & Rühl, M. (1992). Theorie der Public Relations. Ein Entwurf. Westdeutscher Verlag.
Rühl, M. (1969). Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. Bertelsmann Universitätsverlag.
Rühl, M. (1980). Journalismus und Gesellschaft. Bestandsaufnahme und Theorieentwurf. V. Hase und Koehler.
Rühl, M. (1981). Vorwort. In M. Rühl (Hrsg.), Public Relations der Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände (S. 5-7). Verlag für deutsche Wirtschaftsbiographien.
Rühl, M. (1992). Public Relations ist, was Public Relations tut. Fünf Schwierigkeiten, eine allgemeine PR-Theorie zu entwerfen. PR-Magazin, 23(4), S. 35-46.
Rühl, M. (2021). Public Relations-Wissenschaft – autobiographisch beobachtet. In O. Hoffjann, & S. Huck-Sandhu (Hrsg.), UnVergessene Geschichten – PR- und Organisationskommunikationsforschung autobiographisch (S. 17-48). SpringerVS.
Teile des Beitrags sind entnommen aus: Hoffjann, O. (2023). Rühl (Manfred): Au-delà d’un catalogue de souhaits, fonctions et services du journalisme et des relations publiques pour la société et le public. In: Publictionnaire. Dictionnaire encyclopédique et critique des publics. https://publictionnaire.huma-num.fr/notice/ruhl-manfred.
Über den Autor: Prof. Dr. Olaf Hoffjann (54) ist Professor für Kommunikationswissenschaft, insbesondere Organisationskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er forscht und publiziert zu Public Relations, politischer Kommunikation, postfaktischer Demokratie und Public Affairs. Rühls Dissertationsschrift war ein zentraler Ausgangspunkt für seine eigene Dissertation.