Kommentare & Kolumnen Trennungsschmerz – durch KI? Das Gedankenstrich-Dilemma
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- von Nora Varga, Bergkamen
Ich habe die sprachliche Liebe meines Lebens 2020 kennengelernt, damals im Volontariat bei der Lokalzeitung. Gerade hatte ich meine ersten zaghaften Schritte durch den Dschungel der deutschen Sprache gewagt, da traf ich ihn – den Gedankenstrich. Es hätte mit uns ewig so weitergehen können, aber dann hat sich alles geändert. Die KI tritt auf den Plan.
Der Gedankenstrich war ganz anders als die anderen Satzzeichen, ein Freibeuter der Grammatik, immer einsatzbereit und deutlich flexibler als sein spießiger Freund: das Komma. Kaum verstanden, wie man den Gedankenstrich einsetzen konnte, war er überall dabei. Berichte, Kommentare, Artikel aller Art. Er kann ja schließlich alles. Gefühle betonen, Sinnabschnitte voneinander trennen, eine melodramatische Pause vor einem vernichtenden Urteil schaffen. Er war für mich sogar eine Art kleines Markenzeichen.
Dann kam die KI. ChatGPT und seine artverwandten Large Language Models haben etwas, das einige mittlerweile "Gedankenstricheritis" nennen. Kurz gesagt: Die KI benutzt in ihren Texten haufenweise Gedankenstriche. Es könnte wohl daran liegen, dass die KI mit allem gefüttert wurde, was an Schreibwerk der vergangenen Jahrhunderte zur Verfügung stand, besonders mit Texten aus dem 20. Jahrhundert. Da war der Gedankenstrich noch mehr in Mode als heute und taucht deswegen so häufig auf. Verschlimmert wird es dann noch davon, dass die KI wiederum ihre eigenen Texte aus dem Internet wiederkäut und der Teufelskreislauf der "Gedankenstricheritis" dreht sich.
Aber wo ist das Problem? Ich sollte mich doch eigentlich freuen, wenn der Gedankenstrich wieder in Mode kommt. Doch mein geliebter Gedankenstrich ist vom elaborierten Stilmittel des Schreibers zum ultimativen Hinweis für KI-Nutzung verkommen. Ich musste mir schon von Freunden, Kollegen und Vorgesetzten anhören: "Den Text hast du doch mit KI geschrieben." Als entlarvender Beweis wurde mir dann mein Gedankenstrich vorgehalten. Und ich selbst kann mich auch nicht davon freimachen. Bei mehr als drei Gedankenstrichen in zwei Absätzen schrillen die KI-Alarmglocken. Dass sie schrillen, ist richtig. Schriftstellerinnen, Journalisten und Schreiber aller Art sind völlig zu Recht empört über den Diebstahl ihrer Werke. Die Nutzung und vor allem die intransparente Nutzung von KI nimmt überhand. Tja, und wer herausfinden will, was von der KI geschrieben wurde, sucht nach Hinweisen - und mein geliebter Gedankenstrich ist Hauptverdächtiger geworden. Fast jeder Ratgeber identifiziert ihn als eindeutiges Zeichen für KI. Und jeder, der ihn schon immer mochte, steht plötzlich unter Generalverdacht. Übrigens zusammen mit ein paar anderen sprachlichen Stilmitteln, wie dem von Journalisten so geliebten Dreiklang, der Frage am Texteinstieg oder spezifischen Verben wie "eintauchen", sie alle angeblich ein Zeichen für KI-Nutzung.
Und was tut man jetzt? Sollen wir kollektiv versuchen, bewusst anders zu schreiben als die KI? Ein verzweifelter Versuch, sich abzugrenzen, würde wahrscheinlich daran scheitern, dass die LLMs auch diese Texte unbarmherzig fressen würde und wir wieder vor dem Problem stünden. Also selbstbewusst bei der Liebe für den Gedankenstrich bleiben? Dafür ist das Misstrauen zu groß. Gerade gegenüber neuen Geschäftspartnern, möglichen Kunden oder Leserinnen und Lesern will man doch zeigen: Hier schreiben Menschen. Ein dauerhafter Disclaimer? "Man möge nur den Gedankenstrich und habe nicht die KI benutzt", ist so schwer zu überprüfen wie albern. Die eine Lösung gibt es nicht. Ich halte mich im Moment fern vom Gedankenstrich. Manchmal kann ich nicht widerstehen, wenn er dann doch wieder perfekt in den Text passt, werde ich schwach. Alte Liebe rostet nicht. Es bleibt zu hoffen, dass die KI sich weiterentwickelt, ablässt von meiner großen sprachlichen Liebe. Ach mein geliebter Gedankenstrich – du fehlst mir.
Über die Autorin: Nora Varga ist Journalistin und Podcasterin. Nach vier Jahren bei den Ruhr Nachrichten hat sie sich 2024 einem anderen Medium zugewendet und studiert seitdem Game Art and Design in Essen.
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