Kommentare & Kolumnen Voll auf die Presse, Helena Smolak!  "Dann schreiben wir eben gar nicht drüber"

Von der UN-Ermittlerin zur Top-Journalistin: Helena Smolak ist das beste Beispiel dafür, dass der Journalismus mehr Mut zum Quereinstieg verträgt. Nach ihrer Zeit bei den Vereinten Nationen – wo sie als Ermittlerin für Fälle von Korruption und sexueller Gewalt für Aufklärung sorgte – schrieb sie für das Wall Street Journal und ist heute als Pharma-Reporterin beim Handelsblatt sowie als Gastautorin für die New York Times tätig. Im Interview verrät die "Top 30 under 30"-Preisträgerin, warum echtes journalistisches Handwerk für sie vor allem darin besteht, die richtigen Fragen zu stellen und ein starkes Netzwerk aufzubauen. Außerdem haben wir mit ihr darüber gesprochen, wie sie sich in männlich dominierten Chefetagen behauptet und weshalb KI niemals das „Hören zwischen den Zeilen“ ersetzen wird.

"Viele CEOs rattern auch nur ihre gelernten Botschaften runter", sagt Helena Smolak. (Foto: privat)

PR-Journal: Helena, du hast einen Lebenslauf, der so gar nicht nach der typisch deutschen Journalistenschule aussieht: War das Zufall oder gezielt Rebellion gegen die Homogenität der Branche?

Helena Smolak: Ein bisschen von beidem. Mir geht es gar nicht darum, den klassischen Weg schlechtzureden. Deutschland hat großartige Journalistenschulen und Volontariate, die viele exzellente Talente hervorbringen. Mir geht es darum, mutig zu sein und auch jungen Menschen mit ungewöhnlicheren Profilen und Quereinsteigern Chancen für den Einstieg in den Journalismus zu geben. Eine Einheits-Perspektive tut dem Journalismus nicht gut, sondern lebt doch genau von der Vielfalt. Gerade dadurch lernt man auch viel mehr voneinander.

Mein eigener Weg hat sich auch ehrlich gesagt so ergeben, weil ich mit 18 noch nicht hundertprozentig wusste, ob ich Journalistin werden will. Ich bewundere jeden, der das in dem Alter schon ganz klar vor Augen hat – bei mir war das nicht so. Der Beruf hat mich zwar schon früh gereizt, aber ich war an so vielen Themen interessiert und wollte mich nicht direkt festlegen. Deshalb habe ich erst mal Betriebswirtschaft studiert. Witzigerweise habe ich meine Professoren aber damals schon überzeugt, meine Bachelorarbeit über ein Medienthema zu schreiben, irgendwie war diese Richtung dann doch immer meine Konstante. Ich habe dann auch tatsächlich einen Master in Journalismus gemacht, bin dann beim BR24 im Nachrichtenbereich gelandet und habe dort frei gearbeitet, fand es aber sehr konservativ und habe über ein Volontariat hinaus keine wirkliche Perspektive für mich gesehen.

Um die Zeit  bis zum Volontariat zu überbrücken, habe ich ein Praktikum bei der UN in Rom angefangen und bin letztlich dort geblieben, in der Ermittlungsabteilung für Korruption und Missbrauchsfälle. Das war im Prinzip wie investigativer Journalismus, nur ohne Veröffentlichung. Irgendwann war der Drang zurück zum Schreiben und diesem speziellen Zugang zur Gesellschaft, den nur der Journalismus schafft, aber einfach zu groß – trotz aller Privilegien und des blauen Diplomatenpasses. Meine früheren BR-Kollegen konnten das damals gar nicht verstehen. Für mich war es eher der endgültige Beweis dafür, wie sehr ich Journalismus machen will. Und jetzt kann ich mir auch keinen anderen Beruf mehr vorstellen. 

PRJ: Du bist dann beim Wall Street Journal (WSJ) gelandet. Wie kam das und was hast du von dort mitgenommen, was dir heute beim Handelsblatt hilft?

Helena: Geklappt hat das eigentlich nur, weil dort eine Offenheit für Quereinsteiger herrschte – ich weiß nicht, ob mich ein deutsches Medium damals genommen hätte. Beim Wall Street Journal ist der Auswahlprozess klar kompetitiv und relevante Erfahrung spielt natürlich eine Rolle. Entscheidend ist aber vor allem dein Potenzial, wie schnell du lernst – und ob du dich am Ende auch im Job beweisen kannst. Dort gilt schon ein Stück weit das amerikanische „Hire and Fire“-Prinzip. Ich habe natürlich auch Skills mitgebracht, die für die Stelle gesucht wurden, beispielsweise die investigative Erfahrung und die vielen Sprachen. Ich habe dann in London und Barcelona gearbeitet, zurück nach Deutschland bin ich teils aus privaten Gründen und weil mein Chefredakteur und Ressortleitung mich überzeugt haben zum Handelsblatt zu kommen. Dass sie dabei offen für meinen etwas unkonventionellen Weg waren und damit in gewisser Weise auch ein Risiko eingegangen sind, sagt viel über die Führung des Handelsblatts aus und schätze ich sehr. 

Aus meiner Zeit beim WSJ habe ich gelernt, unter Druck zu arbeiten und durch Hartnäckigkeit und Neugier Stories zu produzieren. Ich wünsche mir, dass mein Werdegang sowohl Arbeitgebern als auch Menschen aus anderen Berufsfeldern, die sich überlegen in den Journalismus zu wechseln, zeigt: Man muss diesen klassischen Weg nicht zwingend gehen, um im Journalismus Fuß zu fassen. 

PRJ: Du coverst Schwergewichte wie Novo Nordisk und Biontech. Oft sitzt du dabei mächtigen, meist deutlich älteren, männlichen CEOs gegenüber. Wie erlebst du die Dynamik in solchen Gesprächen und was tust du, um dort von Anfang an auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden? 

Helena: Man wird anfangs gerne mal in die Schublade „jung und weiblich“ gesteckt und unterschätzt. Aber das ändert sich in der Sekunde, in der du kritisches Wissen zeigst und bereit bist, den Finger in die Wunde zu legen. Ein selbstbewusstes Auftreten auf Augenhöhe verändert die Gesprächsdynamik massiv. Klar gibt es erfolgreiche Männer, die sehr von sich überzeugt sind und versuchen, einen durch ihr Auftreten oder mit einem „du bist ja noch so jung“ einzuschüchtern – oft nur, um kritische Fragen zu vermeiden. Ich habe aber auch gelernt, diese Leute nicht zu idealisieren. Viele CEOs rattern auch nur ihre gelernten Botschaften runter. Dieses ewig gleiche Messaging ohne Prägnanz ist für uns Journalisten und Journalistinnen gar nicht hilfreich und am Ende auch das, was dazu führt, dass das Vertrauen in die Medien sinkt. So nach dem Motto: „Ist ja eh alles abgesprochen.” Man muss sich der eigenen Macht bewusst sein: Die Konsequenz kann immer sein, dass wir sagen: „Dann schreiben wir eben gar nicht drüber.“ Wir entscheiden am Ende, was wir veröffentlichen.

Interessanterweise merken inzwischen auch viele Entscheider, wie wichtig der Kontakt zu jungen Journalisten und Journalistinnen ist. Sie verstehen, dass sie gerade hier eine Vertrauensbasis schaffen müssen, weil sie von diesen Kontakten langfristig viel mehr haben.

PRJ: Wie sieht für dich das ideale Zusammenspiel zwischen Journalismus und PR aus? Oft prallen da ja Welten aufeinander – gerade wenn es um sensible Themen oder die Relevanz von kleineren Unternehmen geht.

Helena: Vertrauen ist die absolute Basis. Das kann man eigentlich gut mit klassischen journalistischen Quellen vergleichen. Für die PR-Seite heißt es auch: Verstehen, was für uns relevant ist und wie wir vorgehen. Wer mir eine Phase-2-Studie als den nächsten Welterfolg pitcht, hat nicht verstanden, wie Wirtschaftsjournalismus funktioniert.

Dieses Verständnis muss aber beidseitig sein: Wir Journalisten müssen auch verstehen, wie die PR-Seite tickt, wenn es etwa um sehr kurze Deadlines oder interne Freigabeprozesse geht. Man sollte sich nicht nur melden, wenn man gerade etwas braucht. Das gilt für die PR-Seite genauso wie für den journalistischen Umgang mit Quellen. Das lernt man auf keiner Journalistenschule, aber diese Netzwerkpflege ist im Grunde unser wahres Handwerk. Es geht darum, eine zwischenmenschliche Ebene zu finden, statt nur Infos abzugreifen oder sich selbst platzieren zu wollen.

Die Schwierigkeit in der Berichterstattung über kleinere Player sehe ich durchaus. Da wir meist festen Großkonzernen zugeordnet sind, gehen kleine Firmen schnell unter. Wenn eine Story zu nischig ist, müssen wir manchmal Nein sagen, weil sie schlicht nicht gelesen werden würde. Aber ich bin da prinzipiell immer offen: Wenn mir von PR-Seite ein interessanter Dreh geliefert wird, schaue ich mir das zumindest an.  

PRJ: Wenn KI-Texte in Sekundenschnelle generieren kann, worauf kommt es für junge Journalisten und Journalistinnen heute wirklich an, um sich abzuheben?

Helena: KI kann uns extrem effizient machen, aber sie wird niemals die persönliche Ebene ersetzen – das eigentliche Hintergrundgespräch, das „Hören zwischen den Zeilen“ bei einem Kaffee das bleibt menschlich. Durch KI wird es im Journalismus aber immer wichtiger, dass du nicht einfach nur schön schreiben kannst. Es geht um exklusive Inhalte und Scoops, die du nur durch dein Netzwerk oder investigative Recherche herausfindest. Trotzdem müssen wir uns als Journalisten intensiv mit KI auseinandersetzen, letztlich kommt es auch darauf an, wer die Tools besser nutzen kann. Ich glaube, wie in jeder anderen Berufsnische auch: Wenn du für ein Thema brennst und gut bist in dem, was du machst, dann wirst du in deinem Bereich auch erfolgreich sein.

PRJ: Du bist demnach optimistisch für die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus?

Helena: Absolut. Ich muss zwar zugeben: Früher habe ich den Wirtschaftsteil in Zeitungen immer ausgelassen – aber heute sehe ich das komplett anders. Am Ende geht es immer um Geld und Macht, und das ist nie langweilig. Investoren und Entscheider sind auf unsere Einordnung angewiesen. Dieser Journalismus wird also definitiv gebraucht.

Ich möchte junge Menschen wirklich motivieren, in diese Richtung zu gehen. Vor allem, weil im Wirtschaftsjournalismus im Vergleich zu anderen Ressorts noch überwiegend mit Festangestellten statt nur mit freien Journalisten gearbeitet wird. Wer für sein Thema brennt, wird immer einen Weg finden – egal, was sich in Zukunft im Journalismus ändert.

 

Über den Autor: Nils Wigger ist Managing Partner von DUNKELBLAU | 360°DUNKELBLAU | 360° unterstützt Unternehmen in komplexen B2B-Märkten dabei, Stakeholder-Beziehungen zu systematisieren und begleitet strategische Veränderungsprozesse kommunikativ – immer in enger Verzahnung mit den Leipziger Krisen-Experten von DUNKELBLAU. Wigger verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der strategischen Kommunikation mit Schwerpunkt auf B2B-Tech und dem politischen Umfeld. Vor DUNKELBLAU | 360° leitete er als COO u.a. die Agentur getpress und war in der Kommunikation bei WAGO, dem Luftfahrtverband BDL und Brose tätig.

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