Kommentare LinkedIn Es geht nicht um Pronomen. Es geht um Macht.
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- von Annett Bergk, Hamburg
In den letzten Tagen berichten Frauen auf LinkedIn vermehrt von einem einfachen Test: das Pronomen auf „male“ stellen und schauen, was passiert. Häufig steigt die Reichweite deutlich. Männer, die den Versuch umkehren, sehen vereinzelt das Gegenteil. Das ist nicht wissenschaftlich, aber es ist auffällig genug, um ein größeres Thema sichtbar zu machen.
Denn der entscheidende Punkt liegt nicht im Experiment selbst. Er liegt in der Erwartung dahinter: dass ein männlich markiertes Profil bessere Chancen hat, gehört zu werden. Diese Annahme verweist wohl auf Strukturen, die weit über diese eine Plattform hinausreichen. Sie zeigt, wie eng Sichtbarkeit noch immer mit Geschlecht verknüpft ist. Selbst in Räumen, die sich Diversität auf die Fahnen schreiben.
Ich möchte vorsichtig bleiben: Wir kennen die tatsächlichen Mechanismen nicht. (Wer empirische Untersuchungen dazu hat, bitte melden.) Und ich glaube, es geht es hier nur am Rande um Technik. Zentral ist für mich die Frage, warum Frauen es überhaupt für plausibel halten, dass ein männliches Label mehr Gewicht bringt. Die Bereitschaft, Pronomen taktisch einzusetzen, ist doch ein eindeutiges Symptom einer Schieflage. Diese Logik entsteht doch nicht im digitalen Raum! Sie spiegelt Erfahrungen aus der Arbeitswelt, aus Meetings, aus Karrierewegen.
LinkedIn macht sie nur sichtbar.
Und verlagert die Verantwortung dorthin, wo sie nicht hingehört – auf die Nutzerinnen.
Die sich anschließenden Fragen: Wie wollen wir Gleichberechtigung in digitalen Räumen gestalten, wenn Sichtbarkeit selbst noch immer geschlechtlich codiert ist? Und wie weit kommen wir, wenn wir nur zwischen „male“ und „female“ hin- und herschalten, als wäre es ein ungelesenes Cookie-Banner? Als hätten wir nicht die Diskussionen um das generische Maskulinum geführt? Als wäre die Realität nicht längst vielfältiger, fließender, komplexer?
Meine Meinung? Wir brauchen keine neuen Hacks. Sondern ein anderes Verständnis von Präsenz und Zugehörigkeit. Eines, das nicht an Labels hängt, sondern an gleichen Bedingungen. Eines, das jenseits von Mann und Frau denkt – und endlich anerkennt, dass Gleichberechtigung nicht in einem Dropdown-Feld beginnt, sondern in der Kultur, die entscheidet, wessen Stimme Gewicht bekommt.
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