Eine dreifache Herausforderung

Politischer Instinkt zeigt sich in einer feinfühligen Kommunikation. Besonders in Krisenzeiten müssen Politiker die öffentliche Debatte prägen und die Kommunikation anführen. Gelingt das nicht, werden sie rasch zum Spielball von Vorwürfen, Spekulationen, Angst- und Unmutsbezeugungen. Dieses Fiasko erlebt gerade Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) anlässlich des Impfstopps für AstraZeneca. Was ist passiert, was hat Jens Spahn falsch gemacht und was lernen wir daraus?

Spahn Jens Bundesgesundheitsminister CDU c Creative CommonsAls Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (Foto; © Creative Commons) den vorübergehenden Impf-Stopp mit dem Vakzin von AstraZeneca verkündete, waren die Rahmenbedingungen denkbar ungünstig: Nach anfänglich hoher Akzeptanz der Coronapolitik in Deutschland im letzten Jahr, ist die Stimmung gekippt. Neben Verärgerung über die Ineffizienz politischen Handelns nehmen Verunsicherung und Zukunftsängste in der Bevölkerung zu. Gerade war die populistisch aufgeputschte Impfskepsis in Teilen der Bevölkerung einer wachsenden Impfbereitschaft gewichen. Die Erwartung der Bürger, dass jetzt rasch Impfstoff zur Verfügung gestellt wird, ist hoch, auch wenn es wegen anderer Kommunikationsfehler gegenüber AstraZeneca Vorbehalte gibt. Wenn in solch angespannter Lage eine Botschaft zu verkünden ist, die genau diese Erwartungen enttäuscht, gehört jedes Wort auf die Goldwaage. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, schrieb einst Ingeborg Bachmann. „Ja“, möchte ich ergänzen, „aber nur mit den richtigen Worten.“

Jens Spahn ist an drei Kommunikationsanforderungen gescheitert:

1) Klarheit über das richtige Narrativ

Bei der Verkündung des Impf-Stopps für AstraZeneca kann es nicht primär um „Informationsvermittlung“ gehen, sondern um verständnisvolle, empathische Erklärung eines schwierigen politischen Beschlusses. Daher war es unklug, den vorübergehenden Stopp für AstraZeneca als „fachliche“ Entscheidung darzustellen, so als könne dadurch die Last der Verantwortung auf die Wissenschaft abgewälzt werden. Von Politikern erwarten die Bürger keine fachliche, sondern eine politische Entscheidung. Und das war es ja auch: eine schwere politische Entscheidung, in die ethische Abwägungen ebenso wie fachlicher Rat der Mediziner eingeflossen sind (übrigens sind auch Ökologen, Soziologen und Psychologen Fachleute, deren fachlicher Rat hier einfließen sollte). Das Signal des „fachlich Notwendigen“ ist alleine nicht geeignet, um Verständnis und Akzeptanz in der Bevölkerung zu bewirken.

Zudem muss ein Narrativ widerspruchsfrei formuliert sein: „Das Risiko sei gering“, sagte Spahn, „und der Stopp für AstraZeneca eine Vorsichtsmaßnahme.“ Sprachlich sauber und kongruent zu früheren Aussagen hätte er sagen müssen: „Es geht hier um ein hohes Risiko, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit allerdings als sehr gering eingeschätzt wird“. Das hätte man verstehen können.

Vor allem aber hätte Jens Spahn seine Botschaft einbinden müssen in einen Kokon der persönlichen Betroffenheit mit Denken und Fühlen aus der Perspektive der Bürger. Die Herzen der Menschen erreicht man in solch schwierigem Konflikt nur, wenn man zuallererst auf ihre Sorgen und Ängste eingeht.

2) Richtige Taktik der Kommunikation

Wer Schwerwiegendes zu verkünden hat, sollte nicht nur überlegen, was genau er sagt, sondern auch wie und welche Unterstützer er gegebenenfalls dabei mit ins Boot nimmt. Mit Karl Lauterbach gibt es den seltenen Glücksfall eines Experten, der fachliche Expertise als anerkannter Mediziner und Wissenschaftler, politisches Denken sowie ein gewisses Kommunikationstalent in sich vereint. Es wäre taktisch hilfreich und ein kluges Signal gewesen, wenn Jens Spahn zum Beispiel bewusst über Parteigrenzen hinweg Karl Lauterbach in der Rolle seines Lebens von Anfang an in die Kommunikation des Impf-Stopps für AstraZeneca eingebunden hätte, auch wenn dieser die Sache politisch anders sieht. Wenn auf dem Podium dann auch noch die Bundeskanzlerin den Schulterschluss mit dem Gesundheitsminister demonstriert hätte, würden die Bürger sehen und verstehen, dass hier die politische Führung des Landes im gemeinsamen Ringen eine schwerwiegende politische Entscheidung getroffen hat.

3) Die richtige Ausstrahlung

In Krisenzeiten zählen Bilder. Nach dem letzten Wahlsonntag hat Hans-Jürgen Jakobs im „Handelsblatt Morning Briefing“ über „Charisma als Wahlknüller“ geschrieben. In der PR reden wir vom Impression Management. Darauf sollte Jens Spahn stärker achten. Er tritt zunehmend mit einem Touch „Wurstigkeit“ auf. Ich glaube, die Menschen erwarten in schweren Zeiten einen spürbar betroffenen und menschlich bewegten Spitzenpolitiker, keinen standhaften Automaten, der kritische Fragen weglächelt.

Mein persönliches Fazit: Für schwere politische Entscheidungen habe ich Verständnis, für vermeidbare Kommunikationsfehler nicht. Kanzleramt und Bundesminister geben pro Jahr über eine halbe Milliarde Euro für Berater aus. Vielleicht sollten sie etwas mehr davon in Kommunikationsberatung investieren.

Über den Autor: Wolfgang Griepentrog ist Interim Manager und Kommunikationsberater. Er unterstützt Unternehmen bei der Verbesserung ihrer Kommunikations- und Marketingprozesse und bei der Positionierung mit einem differenzierten Markenprofil. In Krisen sowie im Change Management hilft er, unternehmenspolitische Handlungsspielräume zu sichern. Seit vielen Jahren unterhält er zu dem seinen Blog „Glaubwürdig kommunizieren“. Hier gibt es Beobachtungen, Analysen, Anregungen rund um wirkungsvolle Kommunikation.


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