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Interview mit Sascha Stoltenow, Frankfurt am Main zur Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr

PR-Journal: Die Veröffentlichung der geheimen Dokumente durch Wikileaks war ein schwerer Schlag für die amerikanische Regierung. Kann der Bundeswehr Ähnliches passieren?

stoltenow saschaSascha Stoltenow: So schwer war der Schlag nicht, eher peinlich. Die wirklich geheimen Dokumente kennen wir immer noch nicht, und das ist gut. Der Bundeswehr passiert ständig Ähnliches. Nur liegen die Daten dann nicht im Internet, sondern auf Parkbänken oder in E-Mail-Postfächern in Berlin oder Hamburg. Der beste Schutz vor Skandalisierungen ist die innere Verfasstheit der Bundeswehr. Deutsche Soldaten sind einfach unglaublich professionell und haben selbst in existentiellen Situation wie im Kampf noch einen Wertekompass. Die Schädelfotos aus Afghanistan und andere Skandälchen sind hier kein Widerspruch, sondern Beweis. Dennoch: Ich rechne damit, dass wir im kommenden Jahr noch den ein oder anderen Skandal präsentiert bekommen werden, beispielsweise aus dem Umfeld der Spezialkräfte oder sexuell konnotierte Berichte aus den Feldlagern. Aber das sind Ausnahmen, mit denen man gut leben kann.

PR-Journal: In der Vergangenheit ist besonders die Informationspolitik der Bundeswehr zum Afghanistaneinsatz kritisiert worden. Wie verstehen Sie die Rolle der Öffentlichkeitsarbeit beim Militär?

Sascha Stoltenow: Um die Kommunikationsarbeit der Bundeswehr zu analysieren, müssen wir die Handlungsfelder und Akteure genau unterscheiden. Das Verteidigungsministerium beispielsweise ist Teil der Regierung und als solches im Kern nicht Teil des Militärs. Mit zu Guttenberg und seinem Stab Strategische Kommunikation hat – wie wir jetzt wieder sehen konnten – ein Kulturwandel begonnen. Militärisch im eigentlichen Sinne sind die Truppeninformation sowie die Operative Information. Eine wesentliche Aufgabe der Truppeninformation ist es, eine Anerkennungsplattform für die Soldatinnen und Soldaten zu betreiben. Das gelingt teilweise hervorragend, beispielsweise mit dem völlig überarbeiteten Magazin Y, während der bundeswehreigene Fernsehkanal bwtv handwerklich teilweise eine Katastrophe ist. Die Operative Information, also die Kommunikation im Einsatz, die sich an die Bevölkerung wendet, ist in den Medien, die sie beherrscht ebenfalls gut. Mit den Forward Media Teams hat die NATO in diesem Bereich unter starker deutscher Beteiligung auch eine echte Innovation hervorgebracht. Ausländische und einheimische Journalisten arbeiten als Korrespondenten und erstellen Medienprodukte für das Militär. Das ist ein zukunftsweisendes Instrument auch für das zivile Kommunikationsmanagement, eine Verbindung von dezentralem Corporate Publishing und User Generated Content.

PR-Journal: Die Bundeswehr nutzt soziale Kanäle wie Twitter, Flickr und Youtube. Welche Ziele verfolgt sie Ihrer Ansicht nach damit?

Sascha Stoltenow: Sie will da präsent sein, wo sie ihr Publikum zu Recht vermutet, wobei ein Schwerpunkt auf der Nachwuchsgewinnung liegt. Sozial ist das, was die Bundewehr dort macht, allerdings nicht. Sie nutzt das Web als Infrastruktur für klassische Einwegkommunikation. Zu mehr ist die Bundeswehr weder kulturell noch inhaltlich in der Lage, insofern ist es richtig, so zu handeln. Allerdings wünschte ich mir etwas mehr inhaltliche Qualität. Was dort teilweise auf dem mit viel Geld bezahlten YouTube-Premiumkanal abgespielt wird, ist eher peinlich. Dennoch: mit mehr als 10.000 Abonnenten ist das Projekt ein Erfolg und scheint den Ansprüchen des Publikums zu genügen.

Sascha Stoltenow ist Kommunikationsberater bei Script - Corporate+Public Communication in Frankfurt. In seinem Bendler-Blog (http://bendler-blog.de/) kommentiert der ehemalige Fallschirmjägeroffizier sicherheitspolitische Themen.

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Anmerkung der Redaktion:
Für dieses Interview hatten wir auch beim Bundesverteidigungsministerium (BMVg) in Berlin angefragt. Leider bekamen wir diese Absage:

"Vielen Dank für Ihre Anfrage auf ein Projekt mit dem Sprecher des Bundesministeriums der Verteidigung, Herrn MinDirig Steffen Moritz. Herr Moritz begleitet aufgrund der momentanen aktuellen Themenlage eine Vielzahl von Terminen des Bundesministers der Verteidigung zu Guttenberg. Leider muss ich Ihnen daher mitteilen, dass der Sprecher BMVg für das von Ihnen angefragte Projekt auf absehbare Zeit nicht zur Verfügung steht."

Sollen wir nun als größtes Branchenmedium ob der Absage beleidigt sein? Nein - eher wäre das Grundverständnis der Regierungs-PR, speziell der des BMVg zu hinterfragen... (es kann halt nicht jeder mit nach Afghanistan)


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