Interviews & Debatten Desiree Brandhoff und Hendrik Schulze van Loon „Die Karten am Markt werden neu gemischt“
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- von Joris Duffner, Dortmund
Der Agenturmarkt ist in Bewegung: Große Netzwerke konsolidieren sich, spezialisierte Beratungen suchen ihre Position. Orca van Loon will diese Verschiebungen für sich nutzen. Mit Desiree Brandhoff in der Geschäftsführung soll die Hamburger Beratung international wachsen, sichtbarer werden und ihr Profil weiter schärfen. Im PRJ-Interview sprechen Brandhoff und Schulze van Loon darüber, wie sie ihre unterschiedlichen Stärken in der Geschäftsführung zusammenbringen, welche Rolle eine künftige Beteiligung Brandhoffs spielt und warum sie gerade für unabhängige Agenturen neue Chancen im Markt sehen.
PR-Journal: Herr Schulze van Loon, warum war gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, die Geschäftsführung von Orca van Loon zu erweitern – und warum fiel Ihre Wahl auf Desiree Brandhoff?
Hendrik Schulze van Loon: Desiree und ich kennen uns schon lange und haben uns immer wieder darüber ausgetauscht, was in unserer Branche passiert und wie wir uns beruflich weiterentwickeln wollen. Als sie mir erzählt hat, dass sie sich neu orientieren möchte, wurden diese Gespräche konkreter. Gleichzeitig haben wir bei Orca van Loon weitere internationale Mandate gewonnen, etwa die Trench Group. Mit Tata Steel und Sasol betreuen wir zudem bereits seit Jahren internationale Unternehmen. Dieses Geschäft wollen wir gezielter ausbauen. Dazu kommt: Bei unserer Unternehmensgröße ist es sinnvoll, die Verantwortung in der Geschäftsführung zu teilen. Dafür braucht es jemanden, der nicht nur fachliche Erfahrung mitbringt, sondern auch unternehmerisch denkt. Das war für mich entscheidend. Irgendwann haben wir deshalb gesagt: Lass uns Nägel mit Köpfen machen.
PRJ: Frau Brandhoff, Sie wechseln von Serviceplan, also aus einer großen Agenturgruppe, in eine inhabergeführte Beratung. Was hat Sie an diesem Wechsel gereizt?
Desiree Brandhoff: Ich habe wahnsinnig gerne bei Serviceplan gearbeitet und dort fünf Jahre mit viel Freude und Engagement verbracht. Aber ich stelle mir beruflich immer wieder die Frage: Was kommt als Nächstes? Was können wir noch bewegen?
In großen Strukturen drehen sich manche Dinge zwangsläufig langsamer, als ich mir das persönlich wünsche. Ich hatte bei Serviceplan schon viel Gestaltungsspielraum, wollte aber noch stärker unternehmerisch arbeiten, schneller entscheiden und eine Agentur wirklich mitentwickeln. Bei einer unabhängigen Beratung wie Orca van Loon habe ich diese Freiheit.
PRJ: Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen, berufliche Hintergründe und Perspektiven in die Geschäftsführung ein. In welchen Fragen ergänzen Sie sich besonders gut – und wo erwarten Sie produktive Unterschiede?
Schulze van Loon: Ich bin seit mehr als zehn Jahren in unternehmerischer Verantwortung und habe das Unternehmen lange gemeinsam mit meinem Vater weiterentwickelt. Desiree bringt dagegen den Blick aus einer großen Netzwerkagentur mit und hat insbesondere im internationalen Geschäft Erfahrungen gesammelt, die uns weiterhelfen können. Auch von der Arbeitsweise her sind wir unterschiedlich. Ich bin wahrscheinlich eher der kreative Impulsgeber und komme häufig mit neuen Ideen. Desiree ist strukturierter und sorgt dafür, dass daraus konkrete Pläne werden.
Brandhoff: Das trifft es ziemlich gut. Hendrik kommt sehr häufig mit einer neuen Idee um die Ecke: Was könnten wir noch machen? Welche Tools könnten wir nutzen? Wie könnten wir das Unternehmen weiterentwickeln? Ich bin eher diejenige, die erst einmal sagt: Okay, was davon hat jetzt Priorität und was brauchen wir, um diese Ideen Wirklichkeit werden zu lassen. Auch fachlich ergänzen wir uns gut. Ich bringe ebenfalls viel Erfahrung im Bereich Corporate Communications und Krisenkommunikation mit. Hendrik ist dabei nochmal spezialisierter, beispielsweise beim Thema Cyber Security. Dadurch können wir auch anspruchsvolle Mandate besser aufteilen.
PRJ: Orca van Loon steht für eine über Jahrzehnte gewachsene Beratungstradition. Was möchten Sie unbedingt bewahren, wo braucht das Unternehmen neue Impulse?
Brandhoff: Ich bin gerade erst gestartet und zunächst einmal dabei, zuzuhören und zu verstehen. Gleichzeitig ist ein neuer Blick von außen natürlich eine Chance. Wir wollen uns anschauen, welche Strukturen es braucht, um Wachstum ermöglichen, wie wir das internationale Geschäft und unsere Bestandskunden weiterentwickeln und wie wir unsere Positionierung im Markt noch klarer und sichtbarer machen können.
Schulze van Loon: Eine lange Geschichte ist eine Stärke, kann aber natürlich auch dazu führen, dass man an manchen Stellen betriebsblind wird. Deshalb ist dieser neue Blick wichtig. Gleichzeitig wollen wir die Dinge bewahren, die Orca van Loon ausmachen: langfristige Kundenbeziehungen, Verlässlichkeit und unsere klare Ausrichtung auf Unternehmenskommunikation.
PRJ: Wie ist die unternehmerische Perspektive Ihrer Zusammenarbeit angelegt: Ist eine Beteiligung von Desiree Brandhoff am Unternehmen vorgesehen?
Schulze van Loon: Ja. Das war von Anfang an Teil unserer Gespräche. Uns war klar, dass unsere Zusammenarbeit langfristig angelegt sein soll und deshalb auch ein Beteiligungsmodell mitgedacht werden muss. Ein Anteilserwerb in einem Stufenmodell ist vorgesehen. Jetzt geben wir uns aber zunächst die Zeit, miteinander zu arbeiten und gemeinsam zu liefern. Wir sprechen bewusst von den ersten 100 Tagen. Danach werden wir sehen, wie sich die nächsten Schritte entwickeln.
Brandhoff: Für mich war klar: Ich wollte nicht einfach eine Anstellung mit einem tollen Titel. Mir ging es um eine echte unternehmerische Perspektive.
PRJ: Orca van Loon will international wachsen. Wie sehen die Pläne konkret aus?
Schulze van Loon: Mit der Trench Group betreuen wir einen weltweit tätigen Kunden in der Unternehmenskommunikation – von Thought Leadership und Employer Branding bis zur klassischen Medienarbeit. Tata Steel begleiten wir ebenfalls seit vielen Jahren, ebenso Sasol. Das sind große internationale Unternehmen. Für uns ist das der Beleg, dass wir solche Mandate betreuen können. Die Frage ist jetzt: Wie können wir dieses Geschäft systematischer entwickeln? Wo liegen weitere Chancen? Und wie können wir unsere Erfahrung stärker in den Markt tragen?
Brandhoff: Für mich ist ein stabiles internationales Netzwerk dabei ein wesentlicher Baustein. Wir können Partner sehr flexibel und genau danach auswählen, was der jeweilige Kunde in einem Markt benötigt. Darin sehe ich einen Vorteil gegenüber großen Netzwerkagenturen, die stärker an ihre eigenen Strukturen und Standorte gebunden sind. Perspektivisch kann man auch über zusätzliche eigene Standorte nachdenken. Österreich, die Schweiz oder auch UK können interessante Märkte sein. Das sind aber mittel- bis langfristige Überlegungen und noch keine spruchreifen Pläne.
Schulze van Loon: Wir verschließen uns da wenig. Wer klein denkt, der bleibt auch klein. Deshalb müssen wir offen dafür sein, wie sich der Markt entwickelt und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben.
PRJ: Frau Brandhoff, Sie haben bei Serviceplan internationale Kunden beraten und den internationalen PR-Geschäftsbereich aufgebaut. Welche Erfahrungen daraus möchten Sie auf Orca van Loon übertragen? Und was muss man neu denken?
Brandhoff: Bei Serviceplan habe ich ein internationales Netzwerk aus Partneragenturen aufgebaut, die wir jeweils kundenspezifisch ausgewählt und vertraglich angebunden haben. Dieses Prinzip eines flexiblen Netzwerks „on demand“ lässt sich sehr gut übertragen. Aber es wird kein Copy-and-Paste-Modell geben. Bei Orca van Loon wollen wir zum Beispiel das Thema eigene Standorte stärker mitdenken. Dafür müssen wir uns anschauen: Woher kommen die Anfragen die uns erreichen? In welche Märkten sehen wir das größte Potenzial? Das müssen wir Schritt für Schritt herausarbeiten.
PRJ: Der Agenturmarkt konsolidiert sich, während sich viele Beratungen zugleich stärker spezialisieren. Welche Chancen und Herausforderungen entstehen daraus für Orca van Loon?
Schulze van Loon: Ich sehe da zwei Lager: globale Skalierungsanbieter auf der einen Seite und spezialisierte Boutiquen auf der anderen. Das mittlere Segment verliert aus meiner Sicht an Bedeutung.
Unsere Positionierung ist relativ klar. Wir konzentrieren uns seit 2017 konsequent auf Corporate Communications und haben dort unter anderem in der Krisen- und Cyberkommunikation besondere Expertise aufgebaut. Dazu kommen sehr langfristige Kundenbeziehungen. Manche Mandate betreuen wir seit mehr als 15 Jahren. Diese Verlässlichkeit ist ein Wert, den wir im Wettbewerb noch stärker herausstellen können.
Brandhoff: Die Konsolidierung eröffnet uns durchaus Chancen. Wir können kundenzentrierter arbeiten, weil wir viel freier darin sind, mit welchen Partnern wir zusammenarbeiten – international genauso wie in Deutschland. Wir müssen keine konzerninternen Strukturen bedienen, sondern können fragen: Wer passt für diese Aufgabe wirklich am besten zum Kunden? Auch beim Recruiting sehe ich Chancen. Viele Menschen suchen mehr Freiheit und Gestaltungsspielraum. Genau das können kleinere, unabhängige Beratungen bieten.
Und Konsolidierung schafft zwangsläufig auch Lücken: Ansprechpartner wechseln, Teams verändern sich, gewohnte Strukturen verschwinden. Dadurch werden die Karten am Markt neu gemischt. Die Herausforderung liegt für uns vor allem in der Sichtbarkeit. Große Netzwerke haben ganz andere Möglichkeiten, mit Eigen-PR, Awards und größeren Budgets Präsenz zu schaffen. Deshalb müssen wir sehr klar sagen können, wofür Orca van Loon steht – und dafür sorgen, dass der Markt uns auch wahrnimmt.