Interviews & Debatten Fabian Herbst, Projektkommunikator SuedOstLink „Die weltpolitische Lage hat manchen Argumenten eine andere Dringlichkeit gegeben“

Der Netzausbau gilt als Schlüsselprojekt der Energiewende – vor Ort trifft er dennoch oft auf Widerstand. Für Fabian Herbst, Projektkommunikator des Netzausbauprojekts SuedOstLink von Tennet, geht es in der Kommunikation zunächst einmal um Akzeptanz statt Begeisterung. Seine Arbeit dreht sich längst nicht nur um Stromtrassen, sondern auch um bayerische Lokalpolitik, die veränderte geopolitische Lage und Baustellenkommunikation im ländlichen Raum. Im Interview erzählt er von den Herausforderungen des Bürgerdialogs zwischen Infomärkten und Protestaktionen und verrät, wie der Fund von 20 archäologischen Hockergräbern nochmal zu ganz anderen kommunikativen Herausforderungen führte.

Fabian Herbst betont er die Bedeutung von Transparenz bei der Projektplanung: Wer falsche Erwartungen weckt, produziere Enttäuschung. (Foto: Tennet)

PR-Journal: Herr Herbst, SuedOstLink gilt als zentrales Projekt der Energiewende. Erleben Sie in Gesprächen vor Ort, dass Bürger:innen diese Notwendigkeit grundsätzlich sehen, oder dominiert zunächst die persönliche Betroffenheit?

Fabian Herbst: Beides. Die Notwendigkeit des Stromnetzausbaus wird von vielen grundsätzlich anerkannt. Wenn es konkret wird, verschiebt sich die Debatte aber schnell: Energiewende und Versorgungsicherheit werden befürwortet, aber oftmals mit dem Argument „Bitte nicht auf meiner Fläche“. Dieses Spannungsfeld begleitet uns von der Planung bis in den Bau. Je konkreter der Verlauf wurde, desto stärker verlagerte sich die Kommunikation zu den unmittelbar Betroffenen. In Bayern sind das zu rund 90 Prozent landwirtschaftlich genutzte Flächen. Dann geht es um Flurstücke, Zufahrten, Bauzeiten, Entschädigungen und die Frage: Was bedeutet das für mich? Begeisterung erzeugt man damit nicht immer und überall. Unser realistisches Ziel ist Akzeptanz.

PRJ: Auch wenn Menschen die Notwendigkeit grundsätzlich sehen, lehnen sie also konkrete Eingriffe vor Ort oft ab. Wie gehen Sie mit diesem Widerspruch um, und wie erklären Sie die nationale Tragweite, wenn vor Ort vor allem Baustellen, Flächeninanspruchnahme und Sperrungen sichtbar sind?

Herbst: Die eine Argumentationslinie, die in allen Fällen greift, kann es aufgrund der Komplexität und der Kleinteiligkeit des Projekts nicht geben. Man muss auf die jeweilige Betroffenheit schauen: Was bedeutet der Bau für diese Fläche, diesen Betrieb, diese Gemeinde? Entschädigung spielt eine Rolle, aber Kommunikation darf sich nicht darauf reduzieren. Entscheidend ist Ehrlichkeit: Wir können nicht versprechen, dass alle Wünsche erfüllt werden. Wir können erklären, warum das Projekt gebraucht wird, wie Verfahren laufen, welche Rechte Betroffene haben und wo Spielräume liegen. Die nationale Bedeutung bleibt abstrakt, die Belastung vor Ort ist konkret. Wer nur über die große Energiewende spricht, verliert die Menschen. Wer aber nur über den einzelnen Acker spricht, erklärt das Projekt nicht ausreichend.

PRJ: Hat sich die Wahrnehmung solcher Infrastrukturprojekte seit dem russischen Angriff auf die Ukraine verändert? Wird SuedOstLink heute stärker als Frage von Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit verstanden?

Herbst: Ja, das nehme ich so wahr. Seit Februar 2022 ist stärker ins Bewusstsein gerückt, was Versorgungssicherheit und energiepolitische Unabhängigkeit bedeuten. Früher hieß es oft: Der Strom kommt aus der Steckdose. Heute wird häufiger verstanden, dass Energieinfrastruktur strategische Bedeutung hat. Das merkt man besonders in der Lokalpolitik, aber auch in Gesprächen vor Ort. Die Grundsatzentscheidung für SuedOstLink war da längst gefallen, aber die weltpolitische Lage hat manchen Argumenten eine andere Dringlichkeit gegeben. Persönliche Betroffenheit verschwindet dadurch nicht, aber das Verständnis für solche Projekte ist gewachsen.

Zu Beginn wurden Ängste geschürt: elektromagnetische Felder, negative Auswirkungen auf Menschen, Natur, Tiere und Pflanzen.

PRJ: Was ist bei SuedOstLink die größere Herausforderung: technische und energiepolitische Fragen zu erklären, oder Vertrauen in Tennet als Unternehmen aufzubauen?

Herbst: Das lässt sich kaum trennen. Zu Beginn wurden teilweise bekannte Ängste geschürt: elektromagnetische Felder, negative Auswirkungen auf Menschen, Natur, Tiere und Pflanzen. Dadurch startet man als Unternehmen mit einem Vertrauensdefizit. Man muss nicht nur Netzausbau erklären, sondern auch zeigen, dass man transparent arbeitet, gesetzliche Vorgaben einhält und Hinweise ernst nimmt. Das gelingt nicht allein mit technischen Fakten. Schwierig wird es, wenn schon über grundlegende Fakten kein Konsens besteht. Später wird es oft pragmatischer: Wenn jemand weiß, dass sein Flurstück betroffen ist, geht es weniger um Grundsatzkritik, sondern stärker um konkrete und pragmatische Lösungen.

PRJ: Bürgerkommunikation verspricht Dialog. Gleichzeitig sind viele Grundsatzentscheidungen längst gefallen. Wie verhindern Sie, dass Beteiligung als reine Akzeptanzbeschaffung wahrgenommen wird?

Herbst: Durch klares Erwartungsmanagement. Man muss offen sagen, worüber noch gesprochen werden kann und was entschieden ist, am besten schon vorab. In der Planungs- und Genehmigungsphase haben wir viele sogenannte Infomärkte veranstaltet. Der Begriff zeigt: Es geht in erster Linie um Information. Als der Trassenverlauf noch nicht final feststand, gab es aber Möglichkeiten, Hinweise aufzunehmen. Menschen vor Ort kennen ihre Region oft sehr genau und bringen Hinweise ein, die für die weitere Planung wertvoll sind. Bei SuedOstLink haben wir zahlreiche Rückmeldungen aus der Beteiligung aufgenommen und daraus auch konkrete Anpassungen und Umplanungen abgeleitet. Das zeigt: Beteiligung ist für uns kein formaler Schritt, sondern ein wichtiger Bestandteil guter Projektplanung. Dennoch  ist aber auch Transparenz wichtig: Wer falsche Erwartungen weckt, produziert Enttäuschung.

PRJ: Welche Kanäle nutzen Sie? Welche Rolle spielen Social Media und Lokalmedien, wenn viele unmittelbar Betroffene eher über Gemeinden, Gespräche mit Eigentümer:innen oder lokale Berichterstattung erreicht werden?

Herbst: In der Planungs- und Genehmigungsphase waren unsere Infomärkte zentral. Wir sind bewusst in Bürgerhäuser oder Sporthallen gegangen, damit die Menschen nicht zu uns kommen müssen. Dort haben wir mit Karten, Broschüren und Themeninseln gearbeitet, nicht als Frontalveranstaltung, sondern in kleineren Gesprächssituationen. Als der Verlauf konkreter wurde, ging es stärker in persönliche Gespräche mit Eigentümer:innen. Lokalmedien spielen gerade im ländliche geprägten Teil Bayerns auch eine sehr große Rolle. In den betroffenen Landkreisen gibt es starke Lokalredaktionen, unsere Pressemitteilungen werden meistens gut aufgegriffen. Social Media ist für unsere Zielgruppe vor Ort weniger wichtig. Gerade weil viele Betroffene eher älter sind, bleiben Broschüren, lokale Medien und direkte Ansprache – gerne auch am Telefon – relevant.

PRJ: Bürgerforen sollen Dialog ermöglichen, können aber auch schnell als gesteuerte Beteiligungsformate wahrgenommen werden. Was muss ein guter Bürgerdialog leisten, wenn am Ende nicht alle Wünsche erfüllt werden können?

Herbst: Ein guter Dialog muss ehrlich sein. Wenn noch Hinweise aufgenommen werden können, muss man das ernsthaft tun. Wenn Entscheidungen gefallen sind, muss man das ebenso klar sagen. Bei unseren Infomärkten ging es nicht darum, die komplette Planung neu aufzumachen, sondern Planungsstände zu erklären und Hinweise zu erhalten. Gehört zu werden reicht allein nicht immer. Menschen müssen verstehen, was mit ihren Hinweisen passiert ist, warum etwas geprüft wurde und warum eine Entscheidung so oder anders ausfällt. Wenn es konkrete Konsequenzen gibt, sollte man sie sichtbar machen. Sonst bleibt schnell der Eindruck: Wir durften reden, aber es hatte keine Bedeutung.

PRJ: Aus anderen Infrastrukturprojekten wird berichtet, dass Bürgerdialoge sehr hitzig werden können, bis hin zu persönlichen Angriffen auf Projektkommunikator:innen. Haben Sie solche Erfahrungen bei SuedOstLink auch gemacht?

Herbst: In dieser Härte persönlich zum Glück nicht. Aber es gab Situationen, die hängen bleiben. Mein erster Infomarkt Anfang 2020 wurde von einer Bürgerinitiative regelrecht gekapert. Plötzlich standen dort etwa 50 Menschen mit Gelbwesten, Trillerpfeifen, Traktoren und Megafon. Die Veranstaltung wurde gesprengt. Das ist dann kein Dialog mehr, sondern es geht für eine Teilgruppe darum, Bilder zu produzieren. Für diejenigen, die sich informieren wollten, ist das schwierig. Später gab es auch anspruchsvolle Gespräche mit Eigentümer:innen, in Einzelfällen ging es sogar über verbale Angriffe hinaus. Deshalb wird stärker über Sicherheit nachgedacht. Gleichzeitig gilt: Mit der großen Mehrheit kann man gut sprechen. Viele haben kritische, aber berechtigte Fragen. Die meisten Gespräche verlaufen sachlich oder lösungsorientiert.

Ein Eigentümer sagte einmal, als wir tatsächlich mit dem Bau begannen: „Ach, ihr kommt ja wirklich.“

PRJ: SuedOstLink ist überall in Bayern bereits Bauprojekt. Wie verändert sich Ihre Kommunikation, wenn aus Energiewende-Erklärung konkrete Baustellenkommunikation wird?

Herbst: Der Wechsel in den Bau war ein großer Wendepunkte. Wenn der erste Bagger rollt, wird klar: Das Projekt kommt jetzt tatsächlich und es wird konkret. Ein sehr kritischer Eigentümer sagte einmal, als wir tatsächlich mit dem Bau begannen: „Ach, ihr kommt ja wirklich.“ Dieser Satz zeigt viel. Mit dem Bau wird die Kommunikation kleinteiliger und weniger gut steuerbar. Auf der Baustelle kann jeden Tag etwas passieren: Wetterprobleme, alte Leitungen, Eigentumsverhältnisse, Missverständnisse oder Verzögerungen wie sie bei jedem Projekt dieser Größenordnung vorkommen. Dann vermitteln wir zwischen Eigentümer:innen, Fachkolleg:innen, Bauunternehmen und Öffentlichkeit. Gleichzeitig gibt es Themen, die man proaktiv erzählen kann: erste Baustellen, Kabeleinzug, besondere Bauverfahren wie die Donauquerung oder das Pflugverfahren oder Besuche aus der Politik.

PRJ: Tennet setzt bei SuedOstLink auf eine Bau-App mit regionalen Updates und Push-Nachrichten. Was kann ein solcher digitaler Kanal in der Baustellenkommunikation leisten?

Herbst: Die App ergänzt die anderen Kanäle. Das Baugeschehen ist dynamisch, Informationen ändern sich schnell. Mit der App können wir regional informieren, etwa wenn in einer Gemeinde eine Baustelle startet. Das ist besonders für Menschen relevant, die nicht direkt betroffen sind, aber in der Nähe wohnen. Eigentümer:innen informieren wir direkt, der Nachbar 200 Meter weiter wird nicht unbedingt formell benachrichtigt. Über die App kann er trotzdem nachvollziehen, warum plötzlich Lkw unterwegs sind oder warum an einer bestimmten Stelle gearbeitet wird. Entscheidend ist am Ende nicht nur, wie viele Menschen die App nutzen, sondern ob die Menschen sie nutzen, die wir erreichen wollen. Als Ersatz für klassische Kommunikation sehe ich sie nicht, eher als zusätzliches Werkzeug.

PRJ: Auch Denkmalpflege spielt bei SuedOstLink eine Rolle, an der Trasse werden archäologische Ausgrabungen vorgenommen. Müssen Sie in Ihrem Job am Ende auch Archäologie-Fachpressearbeit können?

Herbst: Ein Stück weit ja. Weil SuedOstLink ein Erdkabelprojekt ist, müssen wir vor den eigentlichen Baumaßnahmen prüfen, was im Boden liegt, nach Vorgaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Gerade südlich der Donau gibt es eine lange Besiedlungsgeschichte; da kommt teilweise Spektakuläres zutage. Wir hatten zum Beispiel auf einem Baufeld über 20 sogenannte Hockergräber, sehr gut erhaltene Skelette in einer bestimmten Bestattungsform. Für uns ist das eine Möglichkeit, neben der Baukommunikation ein anderes Thema zu erzählen. Die rund 270 Kilometer SuedOstLink in Bayern sind auch ein archäologischer Schnitt durch Bayern. Nach außen ist Archäologie ein positives Kommunikationsthema. Intern kann sie kritisch sein, weil Flächen erst untersucht und freigegeben werden müssen, bevor der eigentliche Tiefbau starten kann. Genau dieser Spagat macht das Thema interessant.

Kommunikation ist nicht nur Begleitung des Projekts, sondern ein eigenes Gewerk, das zum Gelingen beiträgt.

PRJ: Klingt heraufordernd. Was hat Ihnen die Arbeit für SuedOstLink grundsätzlich beigebracht, das man in keiner PR-Ausbildung lernt?

Herbst: Vor allem, wie breit die Themen werden. Man denkt am Anfang: Da wird eine Stromleitung in den Boden gelegt, also geht es um Trasse, Bau und Technik. Aber dann kommen eben Archäologie, Bodenschutz, Wasserrecht, Entschädigungen, Baustellenlogistik, Kommunalpolitik, Eigentumsverhältnisse und Naturschutz dazu. Plötzlich geht es um Bauwasserhaltung, Bodenbrüter oder Vergrämungsmaßnahmen. Das sind alles kommunikativ relevante Themen. Gelernt habe ich außerdem, wie wichtig Netzwerke sind, extern und intern. In großen Infrastrukturprojekten wird Kommunikation nicht immer automatisch mitgedacht. Man muss sich seinen Platz erarbeiten und zeigen, welchen Mehrwert Kommunikation für den Projekterfolg hat. Wenn das gelingt, ist Kommunikation nicht nur Begleitung des Projekts, sondern ein eigenes Gewerk, das zum Gelingen beiträgt.

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