Interviews & Debatten PR-Kreativranking "Uns ist wichtig, Arbeiten zu machen, die Menschen bewegen und eine echte Wirkung entfalten"
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- von Joris Duffner, Dortmund
Nach der Abwendung der Insolvenz und dem Comeback Anfang des Jahres steigt die Agentur Presence beim PR-Kreativranking neu unter den Top 10 ein. Erfolgsfaktor war die Paralympics-Kampagne „The Unofficial Discipline“ für Ottobock, die Aufmerksamkeit für Barrieren im Alltag geschaffen hat. Die Presence-Gründer:innen Malte Bülskämper, Fanny Riegel und Lucas Schneider erzählen im Interview, welche Rolle gesellschaftliche Relevanz in der Arbeit spielt, wie Presence in Paris Menschen zum Nachdenken gebracht hat und warum die Agentur Thema im französischen Fernsehen wurde.
PR-Journal: Welche Bedeutung haben Awards aktuell für Presence?
Malte Bülskämper: Awards sind immer eine tolle Bestätigung für die eigene Arbeit und wir freuen uns riesig darüber. Aber sie stehen bei uns nicht unbedingt im Fokus. Uns ist es vor allem wichtig, wirklich relevante Arbeiten zu machen, die Menschen bewegen und eine echte Wirkung entfalten. Und das am liebsten gemeinsam mit Kunden und Partnern wie Ottobock, die das gleiche Verständnis haben. Wir wollen keine Fake Cases machen, die nur von Award-Jurys gesehen werden.
Wir reichen sowohl national als auch international ein, aber immer sehr zielgerichtet und ausgewählt und auch nur, wenn wir wirklich stolz auf die jeweilige Arbeit sind und finden, dass sie relevant ist. Dass wir im PR-Kreativranking unter den Top 10 gelandet sind, freut uns sehr!
PRJ: Beim PR-Kreativranking hat besonders Ihre Arbeit „The Unofficial Discipline“ stark gepunktet. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Fanny Riegel: Ottobock bietet schon seit Jahrzehnten technischen Support bei den Paralympics an. Im Vergleich zu vielen großen Sponsoren hat der Kunde aber ein begrenztes Media-Budget. Die Herausforderung, die an uns gestellt wurde, war also nicht einfach: Wie schaffen wir es, aus dem medialen Rummel rund um die Olympischen Spiele herauszustechen und das Thema Barrierefreiheit prominent zu platzieren? Das ist uns auf Social Media gelungen, aber vor allem auch mit einem Out-of-Home Ansatz, der unsere Botschaften genau dort in Paris platziert hat, wo Barrierefreiheit eben nicht existiert und wo Menschen mit Behinderung in ihrer Mobilität eingeschränkt werden. So konnten wir mit unserem Anliegen in wenigen Tagen zum Talk of Town werden.
Die scheinbar unsichtbaren Hürden des Alltags zu überwinden, wurde gewissermaßen zur „Unofficial Discipline“ der Spiele.
PRJ: Wie sah der Out-of-Home-Ansatz aus?
Bülskämper: Wir haben die alltäglichen Herausforderungen im Stadtbild sichtbar gemacht: Treppen, U-Bahn-Stationen, Gehwege. Überall finden sich Barrieren, die für die meisten von uns als solche gar nicht erkennbar sind. Der Wettbewerb beginnt somit für die paralympischen Athleten schon auf dem Weg zum Stadion. Diese scheinbar unsichtbaren Hürden des Alltags zu überwinden, wurde gewissermaßen zur „Unofficial Discipline“ der Spiele.
Mit unseren Plakaten und Installationen an diesen Orten wurden sie erstmals sichtbar für alle. Und das hat funktioniert. Ich war selbst zu dem Zeitpunkt in Paris und habe gesehen, wie Menschen vor unseren Plakaten stehengeblieben sind, die Barrieren bemerkt und darüber diskutiert haben. Das war ein schöner Moment, zu erleben, dass man mit seiner Arbeit wirklich etwas in den Köpfen der Menschen bewirken kann. Und möglicherweise reale Veränderungsprozesse anstößt, die das Leben von Menschen erleichtern können.
PRJ: Zum anderen waren bekannte paralympische Athlet:innen Teil der Kampagne auf Social Media. Wie war hier die Resonanz?
Lucas Schneider: Dafür konnten wir Ottobock-Markenbotschafter wie Davide Morana oder Beatrice Vio einbeziehen. Die Videos haben auf Social Media eine unglaubliche Resonanz erzeugt. In den Kommentarspalten war eine sehr positive Energie spürbar, man hat gemerkt, dass die Leute sich wirklich mit diesem wichtigen gesellschaftlichen Thema auseinandersetzen. Auch das hat uns sehr in unserer Arbeit bestärkt.
PRJ: Das hat dann sogar das französische Fernsehen aufgegriffen.
Schneider: Richtig, wir waren mit der Kampagne Thema im französischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, wo auch die Videos nochmal in einer Talkshow gezeigt wurden. Das hat die Zielgruppe, die wir erreichen konnten, sicherlich erweitert und auch neue Diskussionen in Frankreich angestoßen.
Wir sind froh über Kunden, die sich solchen wichtigen gesellschaftlichen Themen widmen.
PRJ: Sind solche gesellschaftspolitischen Ansätze Ihr Markenzeichen?
Riegel: Wir sind froh über Kunden, die sich solchen wichtigen Themen widmen. Ähnliche Ansätze haben wir zum Beispiel in der Kampagne „Invisible Class“ für Ottobock umgesetzt und in der „Lost Sense Experience“ für die Zurich Versicherung. All diese Arbeiten verbindet auch, dass sie neben dem wichtigen Purpose die gesteckten Ziele übertroffen haben und maximalen Creative Impact entfalten konnten.
PRJ: Sie haben turbulente Zeiten hinter sich. Anfang des Jahres haben Sie Presence nach einem Insolvenzverfahren im Rahmen eines Management-Buyouts übernommen.
Bülskämper: Ja, durch den Einstieg des Designstudios Heine/Lenz/Zizka wurde das möglich, worüber wir sehr froh sind. Wir ergänzen uns sehr gut mit HLZ. Eine sehr erfahrene Agentur, die schon seit über 30 Jahren am Markt ist und viel Expertise im Bereich Kultur hat, zum Beispiel in der Arbeit mit Museen. Der Kontakt kam über HLZ-Mitbegründer Achim Heine zustande, den ich in meinem Studium an der Universität der Künste in Berlin kennengelernt habe.
PRJ: Sehen Sie Ihre Auszeichnungen bei Awards auch als Motivation, den Weg weiterzugehen?
Schneider: Das Timing ist schon echt gut. Nach einem turbulenten Jahresende 2025 konnten wir jetzt zum Jahresbeginn richtig punkten und ein starkes Signal setzen. Es gab einige Auszeichnungen für uns, was eine große Ehre für unser ganzes Team ist. Wir wurden unter anderem auch Rookie Agency of the Year beim Art Directors Club, was uns sehr stolz macht. Das alles zeigt uns, dass wir gemeinsam mit unseren tollen Partnern und Kunden auch in schwierigen Zeiten auf einem guten Weg sind.
PRJ: Und woran arbeiten Sie gerade?
Riegel: Die aktuelle Apple Music x Ritter Sport Collab macht auf jeden Fall viel Spaß, gerade durch das anfängliche Erstaunen, das wir ausgelöst haben. Und es gibt einige Kampagnen, die in den nächsten Wochen und Monaten veröffentlicht werden, die großes Potenzial haben und bestimmt auch eingereicht werden. Auch wieder eine mit Ottobock zu einem ähnlich relevanten Thema wie „The Unofficial Discipline“.
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