Interviews & Debatten Mashup-Gründerin Miriam Schwellnus „Vertrauen ist die Grundlage von Leistung – nicht Kontrolle“

Mehr Stunden, mehr Leistung? Miriam Schwellnus hält das für einen Denkfehler. Die Agenturchefin von Mashup Communications setzt seit fünf Jahren auf Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensurlaub – und widerspricht der politischen Forderung nach pauschal mehr Arbeitsstunden. Im Interview erklärt sie, warum Kontrolle Produktivität eher bremst und weshalb Krankheitstage sinken, wenn Urlaubstage steigen.

Miriam Schwellnus setzt seit fünf Jahren auf Vertrauensurlaub und Vertrauensarbeitszeit. (Foto: Saskia Uppenkamp)

PR-Journal: Frau Schwellnus, Bundeskanzler Merz spricht von „Lifestyle-Teilzeit“ und fordert mehr Leistungsbereitschaft. Sind Sie mit Ihrem Modell das Gegenprogramm zur politischen Forderung nach mehr Arbeit?

Miriam Schwellnus: Wenn „mehr Arbeit“ heißt, mehr Stunden im Büro zu sitzen, dann ja. Gerade in Wissensberufen führt das doch vor allem zu mehr Fehlern, mehr Prokrastination und mehr gesundheitlichen Problemen. Mit sinkendem Fokus steigt nicht die Leistung, sondern die Fehlerquote. Wenn man Produktivität ernst nimmt, muss man sich von der Gleichung „mehr Stunden ist gleich mehr Output“ verabschieden.

PRJ: Ist die aktuelle politische Debatte also ein Missverständnis darüber, wie moderne Arbeit funktioniert?

Schwellnus: Zum Teil schon. In vielen Köpfen ist Arbeit immer noch etwas, das man über Anwesenheit misst. Aber in der Kommunikationsbranche zählt das Ergebnis. Wenn sich Leistung sinnvoll messen lässt, sollte der Outcome entscheidend sein – nicht die Zeit, die jemand auf einem Stuhl verbringt. Studien zeigen seit Jahrzehnten, dass Produktivität und Arbeitszeitlänge negativ korrelieren. Dreht man die Logik um, müsste man dankbar sein für Mitarbeitende, die in weniger Stunden fokussierter arbeiten. Pro Stunde liefern sie oft bessere Ergebnisse. Und das bei geringeren Kosten und besserer Gesundheit. Deshalb haben wir vor fünf Jahren Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensurlaub eingeführt, auch als Reaktion auf gesundheitliche Belastungen in der Corona-Krise.

PRJ: Spüren Sie inmitten der aktuellen Diskussion Druck, sich rechtfertigen zu müssen?

Schwellnus: Nein. Weder von Kunden noch aus der Branche. Unsere Kund:innen wissen von Anfang an, wie wir arbeiten. Wir kommunizieren unsere Werte und Modelle bereits in der Angebotsphase. Das Thema Vertrauensarbeitszeit und Vertrauensurlaub gehört dazu. Und die Argumente sind klar: hohe Loyalität, geringe Fluktuation, stabile Teams. Weniger Berater:innenwechsel bedeutet für Kunden mehr Kontinuität und Expertise. Das wird eher positiv gesehen.

Menschen wollen gesehen werden – in ihrer Arbeit und in ihrem Leben.

PRJ: Ist Vertrauensurlaub und -arbeitszeit inzwischen Ihr stärkstes Employer-Branding-Instrument?

Schwellnus: Es ist ein starkes Argument, ja – aber nicht das stärkste. In Bewerbungsgesprächen steht Wertschätzung ganz oben. Vertrauensarbeitszeit ist wichtig, aber entscheidend ist die Kultur dahinter. Menschen wollen gesehen werden – in ihrer Arbeit und in ihrem Leben. Vielleicht könnte sich auch die Politik stärker daran orientieren, statt primär Forderungen zu stellen.

PRJ: Sie sprechen von fehlender Wertschätzung in der politischen Debatte. Wo sehen Sie das konkret?

Schwellnus: Ich habe den Eindruck, dass der Politik oft das Vertrauen in die Eigenmotivation der Menschen fehlt. Die Grundannahme scheint zu sein, dass man Menschen antreiben oder kontrollieren muss. Mein Weltbild ist ein anderes: Die meisten Menschen wollen arbeiten, produktiv sein, etwas beitragen. Wenn dieses Vertrauen fehlt, entstehen Forderungen nach „mehr Arbeit“. Aber Vertrauen ist die Grundlage von Leistung – nicht Kontrolle.

PRJ: Sie haben nach fünf Jahren Bilanz gezogen und Zahlen veröffentlicht: Im Schnitt werden bei Ihnen zehn Urlaubstage mehr genommen als im bundesweiten Schnitt, gleichzeitig fallen rund zehn Krankheitstage weniger an. Reduzieren Sie tatsächlich echte Erkrankungen – oder verschieben Sie nur die Kategorie von „Krankheit“ zu „präventiver Auszeit“?

Schwellnus: Da ist die Kausalität schwer zu beweisen, aber die Korrelation ist deutlich. Seit fünf Jahren bieten wir das Modell an, die Krankheitstage sind kontinuierlich gesunken. Wichtig ist: Abwesenheit gibt es bei einem Urlaubstag und einem Krankheitstag. Die Frage ist, ob sie planbar ist oder nicht. Urlaub ist planbar. Krankheit nicht. Und Urlaub ist eine erholsame Zeit. Krankheit ist eine Belastung – für die Person und fürs Team. Wenn wir durch mehr Selbstbestimmung stressbedingte Ausfälle, und damit Krankheitstage reduzieren, profitieren alle.

Ich hatte mit 23 meinen ersten Burnout. Mit 24 habe ich dann meine eigene Agentur gegründet, mit dem klaren Ziel, eine andere Kultur zu etablieren.

PRJ: Auch Ihre Mitarbeitenden bewerten das Konzept nach fünf Jahren durchweg positiv und beschreiben Vertrauensurlaub als „Schutzmechanismus gegen stressbedingte Ausfälle“. Die Kommunikationsbranche war lange berüchtigt für Überstunden, Pitch-Marathons und Wochenendarbeit. Ist Ihr Modell eine späte Korrektur in der Branche?

Schwellnus: Da ist schon länger ein Wandel im Gange, auch angetrieben durch das Fairgency-Netzwerk, in dem sich viele Agenturen für Wertschätzung und Diversität engagieren. Für mich war es auch ein sehr persönliches Anliegen: Ich hatte mit 23 meinen ersten Burnout. Mit 24 habe ich dann meine eigene Agentur gegründet, mit dem klaren Ziel, eine andere Kultur zu etablieren. Stressige Phasen gibt es auch bei uns. Aber sie sind Ausnahme, nicht Regel. Und Überstunden werden nicht gefeiert: Wenn jemand dauerhaft zu viel arbeitet, ist das kein Heldentum, sondern ein Systemfehler, den wir beheben müssen.

PRJ: Wie verhindern Sie, dass Vertrauensarbeitszeit in der Praxis doch wieder zu verdeckten Überstunden führt – nur ohne offizielle Erfassung?

Schwellnus: Wir schauen hin. Wir haben ja noch eine Zeiterfassung, schon allein um Stunden auf Kunden buchen zu können. Wir sehen zudem Online-Zeiten, wir sprechen im Team regelmäßig in Retrospektiven über Arbeitslast und Prozesse. Und wir haben eine Kultur, in der man einander aufmerksam begegnet. Vertrauen heißt nicht Wegschauen. Es heißt Verantwortung teilen.

PRJ: Und wie vermeiden Sie Chaos bei Urlaub und Abwesenheiten?

Schwellnus: Urlaube werden frühzeitig angekündigt, längere Auszeiten brauchen Vorlauf. Die Jahresplanung wird grob abgestimmt, um Engpässe zu vermeiden. Entscheidend ist aber das Verantwortungsbewusstsein im Team. Wer in den Urlaub geht, sorgt für eine saubere Übergabe. Das ist fast ein interner Sport geworden: Wie gut ist meine Übergabe, wie gut meine Rückübergabe? Das stärkt den Zusammenhalt enorm.

PRJ: Gab es Momente, in denen die Regelung infrage gestellt wurde?

Schwellnus: Bei der Einführung gab es Diskussionen – interessanterweise vor allem wegen des Statussymbols Urlaubstage. Viele sind daran gewöhnt, diese Zahl als Verhandlungsmasse zu sehen. Das loszulassen war für manche ungewohnt. Aber mit der Zeit verschiebt sich die Perspektive. Es entsteht eine neue Entspanntheit. Man muss nicht mehr jeden Brückentag strategisch kalkulieren. Man kann auch mal antizyklisch denken.

PRJ: Gegner:innen warnen vor Produktivitätsverlust. Können Sie belegen, dass Ihr Konzept wirtschaftlich funktioniert?

Schwellnus: Wir haben keine isolierte Kennzahl, die sagt: X Prozent Produktivitätssteigerung durch Vertrauensurlaub oder Vertrauensarbeitszeit. Aber wir haben eine sehr hohe Mitarbeiterbindung. In einer Branche, die für hohe Fluktuation bekannt ist, bleiben Menschen bei uns drei, vier oder mehr Jahre – einige über zehn. Das ist ein harter Faktor. Jede vermiedene Neubesetzung spart Kosten, sichert Expertise und schafft Stabilität für Kunden. Das ist wirtschaftlich relevant.

Kleine Schritte in Richtung Vertrauen und Selbstorganisation sind fast überall möglich.

PRJ: Auch das Argument, Vertrauensurlaub und -arbeitszeit funktionierten natürlich nicht in der Industrie am Fließband ist immer wieder zu hören. Ist Ihr Modell am Ende nur ein Privileg der Kreativ- und Kommunikationsbranche?

Schwellnus: Ortsunabhängiges Arbeiten ist definitiv ein Vorteil. Aber Vertrauen und Selbstbestimmung sind keine Branchenfrage. Ich denke, auch in der Industrie kann es Modelle für mehr Flexibilität geben, etwa bei Schichtplanung. Man wird nie überall das gleiche Maß an Freiheit umsetzen können. Aber kleine Schritte in Richtung Vertrauen und Selbstorganisation sind fast überall möglich. Und sie wirken.

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