Interviews & Debatten Bürgermeister Lars Bökenkröger „Kommunale Kommunikation steckt in der Dauerkrise“
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- von Joris Duffner, Dortmund
Lars Bökenkröger ist seit 2020 Bürgermeister von Bad Oeynhausen. Zuvor arbeitete er zwei Jahrzehnte in der PR-Branche – in der Unternehmenskommunikation, bei einer internationalen Agentur und im Regionalmarketing. Im Interview erklärt er die Unterschiede zwischen Unternehmens-PR und kommunaler Kommunikation, warum Letztere in der Dauerkrise steckt und welche Vorteile PR-Profis in der Kommunalpolitik haben. Als Politiker auf TikTok zu singen und tanzen hält er für keine gute Idee. Bökenkröger spricht zudem über Authentizität und Nahbarkeit – sowie die Folgen eines Totschlags im Kurpark.
PR-Journal: Wie stark prägt Ihr PR-Hintergrund Ihre Arbeit als Bürgermeister? Was aus der Zeit in der Kommunikationsbranche konnten Sie direkt ins Rathaus übertragen?
Lars Bökenkröger: Mir hat meine Ausbildung und Tätigkeit in der PR sehr geholfen. Das Anforderungsprofil für Bürgermeister hat sich aus meiner Sicht stark geändert. Früher hat man sehr auf Verwaltungserfahrung gesetzt. Heute sind Bürgermeister mehr und mehr Kommunikatoren. Die Anspruchsgruppen von der Öffentlichkeit bis zu den Medien werden immer fordernder. Außerdem befinden sich die Kommunen im Krisenmodus. Gerade die vergangenen Jahre waren von Krisen gekennzeichnet. Da ist es sehr hilfreich, wenn man nicht nur kommunikationsstark ist, sondern auch das PR-Instrumentarium kennt.
PRJ: Wo unterscheiden sich Unternehmens- und kommunale Kommunikation am deutlichsten?
Bökenkröger: Der deutlichste Unterschied liegt in ihrer Zielsetzung: Unternehmen kommunizieren in erster Linie, um wirtschaftlichen Erfolg zu sichern und ihre Marke zu stärken. Kommunen hingegen informieren, schaffen Transparenz, ermöglichen demokratische Teilhabe. Die Zielgruppen sind bei Kommunen breiter und heterogener – sie richten sich an alle Bürgerinnen und Bürger, nicht nur an klar definierte Kundengruppen. Und der Stil: Unternehmenskommunikation ist oft emotional und markenorientiert, kommunale Kommunikation dagegen sachlich, neutral und rechtlich besonders sorgfältig.
PRJ: Gibt es Situationen, in denen der PR-Profi in Ihnen mit dem Amt des Bürgermeisters kollidiert?
Bökenkröger: Immer wieder kommt das vor. Während ich sehr viel aktiver und früher kommunizieren möchte, wird man durch verwaltungsrechtliche Vorgaben oft ausgebremst. Verwaltungsvorgänge können manchmal mehr Zeit beanspruchen. Das verlangsamt dann auch die Kommunikation. Manche Abläufe konnte ich im Rahmen der Möglichkeiten anpassen. Statt Kommunikation erst nach Abschluss von Verwaltungsprozessen oder Gremienarbeit zu beginnen, denken wir sie von Anfang an strategisch mit, um Bürgerinnen und Bürger frühzeitig einzubinden und Transparenz zu schaffen. Sie wird aktiv gestaltet, anstatt nur auf Anlässe zu reagieren.
PRJ: Wie organisieren Sie die Kommunikation innerhalb der Verwaltung?
Bökenkröger: Wir haben bei der Stadt Bad Oeynhausen zwei Mitarbeiter für Kommunikation, die direkt an mich berichten. Beide verantworten sowohl die klassische Pressearbeit als auch die Bespielung der Social-Media-Kanäle. Für politische Fragen haben die Journalisten aber auch den direkten Zugang zu mir. Hier haben wir eine klare Regelung, dass Journalistenanfragen zu Verwaltungsthemen selbstverständlich über die Kommunikation im Stabsbereich beantwortet werden.
PRJ: Welche Kanäle funktionieren in Bad Oeynhausen am besten, um Bürger zu erreichen?
Bökenkröger: Es ist ein Dreiklang. Die Tageszeitung ist nach wie vor ein wichtiges Medium. Mittlerweile gehört es aber auch im Bürgermeisteramt zu einem Handwerkszeug, Social Media zu nutzen, um Einblicke in die tägliche Arbeit als Bürgermeister zu geben. Natürlich bleiben der direkte Kontakt und das Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern unverzichtbar. Das wird sich auch nicht ändern.
PRJ: Sie sind auf Social Media als Bürgermeister sehr aktiv, haben auch einen TikTok-Kanal. Sollten Bürgermeister inzwischen immer auch Bürgermeister-Influencer sein?

Bürgermeister-Influencer Bökenkröger auf TikTok. (Screenshot: TikTok)
Bökenkröger: Das ist ein unbedingtes Muss. Auf kommunaler Ebene dürfen Jugendliche ab 16 Jahren schon wählen. Diese Zielgruppe erreiche ich fast nur noch über Social Media. Es ist allerdings immer auch ein schmaler Grat bei der Nutzung. Ein singender und tanzender Bürgermeister auf TikTok generiert vielleicht Reichweite, es kann aber auch das seriöse Image schädigen. Ich verzichte lieber auf 1000 Follower, habe dann aber auch eine hohe Glaubwürdigkeit. Alle Social-Media-Aktivitäten müssen immer auch zum Politiker-Typ passen.
PRJ: Ist kommunale Kommunikation heute mehr Dialog oder immer noch vor allem Information? Spüren Sie eine gestiegene Erwartungshaltung oder Ungeduld bei Bürgern?
Bökenkröger: Heutzutage muss man sehr viel mehr erklären, warum Bauprojekte vielleicht länger dauern oder nicht jedes Projekt mehr zu realisieren ist. Bestes Beispiel ist die Transformation der Innenstädte. Dort haben wir einen großen Strukturwandel mit viel Leerstand, hier müssen Bürgermeister den Bürgerinnen und Bürgern immer wieder erklären, wo man als Kommune auch an Grenzen stößt und eben nicht alles selbst steuern kann. Leider wird der Verwaltung immer mehr eine Zuständigkeit zugewiesen, obwohl die Stadt oft nicht verantwortlich ist. Kommunikation ist daher oft Aufklärungsarbeit über Handlungsrestriktionen.
PRJ: 2024 wurde ein junger Mann im Kurpark von Bad Oeynhausen angegriffen und so schwer verletzt, dass er zwei Tage später starb. Der Fall sorgte bundesweit für großes Aufsehen. Täter war ein polizeibekannter damals 18-jähriger Syrer, der 2016 im Zuge einer Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen war. Sie waren bei Markus Lanz und haben von einer großen Wut in der Bevölkerung gesprochen. Wie kann kommunale Kommunikation Bürger in einer solchen Lage überhaupt erreichen?
Bökenkröger: Die Gewalttat hat die Bürgerinnen und Bürger vom ersten Tag an sehr bewegt. Als Bürgermeister muss man sofort sprechfähig sein und Gesicht zeigen. Die Bürgerinnen und Bürger verlangen danach, dass man sich der Krise stellt und sichtbar ist. Der größte Fehler wäre, sich wegzuducken. Ich habe sehr schnell zu einer Gedenkveranstaltung aufgerufen bevor die extremen politischen Kräfte die Tat für sich nutzen. Die Resonanz der Bevölkerung war unglaublich. Ich habe auch bewusst die breite Öffentlichkeit genutzt, um zu erklären, warum Kommunen beispielsweise keine Videoüberwachung im öffentlichen Raum einsetzen dürfen oder die Zuständigkeit für die Polizei beim Kreis liegt. Diese Fragen wurden sehr schnell aufgeworfen und an den Bürgermeister adressiert. Mir hat es aber auch geholfen, dass sich der Deutsche Bundestag und der Landtag in Düsseldorf mit der Gewalttat beschäftigt haben. Es hat uns als Kommune und mir als Bürgermeister den Rücken gestärkt.
PRJ: Die Erwartungshaltung an Sie als Bürgermeister muss enorm gewesen sein. Was hat diese Zeit mit Ihnen gemacht?

Lars Bökenkröger bei Markus Lanz.
(Screenshot: ZDF heute)
Bökenkröger: Das politische Klima ist rauer geworden. Das geht an keinem Bürgermeister spurlos vorbei. Gerade solche Gewalttaten werden heute sofort politisch instrumentalisiert. Da gilt es den richtigen Ton zu treffen. Der mediale und öffentliche Druck ist groß. Da war meine PR-Ausbildung sehr hilfreich, um zu wissen, wie man kommuniziert und wie Medien arbeiten. Irgendwie muss man in den Krisen immer nur funktionieren. Das kann schon belastend sein. Wir haben einen kleinen Gedenkstein am Tatort installiert. Symbolisch haben wir so einen würdigen Umgang mit der schrecklichen Tat gefunden.
PRJ: Wie transparent kann Verwaltung und kommunale Kommunikation in sensiblen Debatten oder laufenden Verfahren wirklich sein?
Bökenkröger: Es gibt zum einen den Anspruch der Öffentlichkeit und der Presse auf transparente Kommunikation, die wird auch zunehmend eingefordert. Zum anderen darf man oftmals aus verwaltungsrechtlicher Sicht nicht alles sagen. Das ist oft ein schmaler Grat. Man bewegt sich immer auf sehr dünnem Eis.
PRJ: Besteht der Kommunikationsalltag für Kommunen inzwischen eher aus Krisenmanagement als aus strategischer Planung?
Bökenkröger: Absolut. Strategische Planung ist kaum noch möglich. Die vergangenen fünf Jahre im Amt waren geprägt von Krisen. Erst Corona, dann der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine mit der Aufnahme von Flüchtlingen und der Energiemangellage. Ein Hochwasser an Weihnachten 2023 und kleinere Krisen wie Bombenfunde, die man managen muss, prägen die Tätigkeit als Bürgermeister. Ganz abgesehen von Personalproblemen in den Verwaltungen und tiefroten Haushalten. Ich würde sogar sagen, kommunale Kommunikation steckt in der Dauerkrise. Und die Zukunft scheint nicht besser zu werden.
PRJ: Wie kommt man aus dem Krisenmodus raus?
Bökenkröger: Entscheidend ist in Zeiten knapper Kassen Transparenz, um die Bürger auf Einschnitte oder höhere Kosten vorzubereiten. Die Bevölkerung schätzt eine solche authentische Kommunikation. Ein großes Problem ist auch die falsche Annahme der Allzuständigkeit der Stadt, zum Beispiel beim Winterdienst auf Landesstraßen. Es erfordert viel kommunikativen Aufwand, die Zuständigkeiten verschiedener Ebenen wie Kreis und Land zu erklären. Politisch ist das Erste, was aufhören muss, dass Bund und Länder den Kommunen immer mehr Aufgaben übertragen, ohne sie zu finanzieren. Die Bund-Länder-Finanzen sowie die Zuständigkeiten im Föderalismus müssten grundsätzlich neu definiert werden. So, dass sie mit den finanziellen Möglichkeiten übereinstimmen.
PRJ: Wie bereiten Sie sich kommunikativ auf mögliche kommende Krisen vor?
Bökenkröger: Wir bereiten uns als Verwaltung auf verschiedene Krisenszenarien vor. Erst kürzlich hatte ich alle Führungskräfte meiner Verwaltung zu einem Krisenworkshop vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eingeladen. Solche Krisen wie zuletzt in Berlin mit einem Stromausfall haben wir einmal durchgespielt. Dabei haben wir auch die Krisenkommunikation noch einmal überprüft.
PRJ: Fake News sind nicht erst seit dem KI-Zeitalter eine Herausforderung für den Staat auf jeder Ebene. Wie gehen Sie mit Falschinformationen um?
Bökenkröger: Eine eigene aktive und starke Kommunikation schützt auch vor Fake News und stärkt die eigene Glaubwürdigkeit. Mittlerweile wird die Stadtverwaltung für viele Handlungen öffentlich verantwortlich gemacht und es wird die nächste Empörungswelle losgetreten. Gerüchte, oft über banale Themen wie Straßensperrungen, verbreiten sich schnell in lokalen Facebook-Gruppen. Ich greife punktuell selbst in solche Diskussionen ein, um Falschinformationen frühzeitig zu korrigieren. Der kommunikative Aufwand wird immer größer.
PRJ: Was ist aus Ihrer Sicht das Wichtigste für erfolgreiche kommunale Kommunikation?
Bökenkröger: Authentizität und Nahbarkeit. Das Bürgergespräch und die Nähe zu den Bürgern bleiben auch in Zeiten von Social Media unverzichtbar. Als Bürgermeister sollte man nahbar sein und darf sich nicht nur als Verwaltungschef sehen, der sich in seinem Büro versteckt. Die Zeiten sind längst vorbei.
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