Das PR-Interview Wenn ein Rhetoriktrainer plötzlich mit KI arbeitet

Drei Jahrzehnte lang war Peter Flume in Seminarräumen zu Hause – immer mit demselben Ziel: Menschen zeigen, wie man mit Sprache überzeugt. Doch plötzlich sitzt eine neue Trainingspartnerin mit am Tisch: die Künstliche Intelligenz. Was also passiert, wenn ein erfahrener Rhetoriktrainer beginnt, ChatGPT in seine Coachings einzubauen? Ein Gespräch über Neugier, Wandel und die Grenzen der digitalen Trainingspartnerin.

Baut in seine Kurse nun auch KI ein: Peter Flume. (Foto: Tom Pingel)

PR-Journal: Herr Flume, Sie lehren seit über 35 Jahren, wie man mit Worten Wirkung erzielt. Warum greifen Sie jetzt auf KI zurück?

Peter Flume: Ich habe schon viele Methoden kommen und gehen sehen – aber KI ist anders. Sie verändert, wie wir arbeiten, denken und kommunizieren. Ich übernehme aber nichts blind. Ich probiere erst aus, was funktioniert. Erst wenn ich merke, dass ein Tool echten Mehrwert bringt, landet es im Seminar. Und das war bei ChatGPT irgendwann der Fall.

PR-Journal: Was war der Auslöser, es ernsthaft zu nutzen?

Flume: Ganz einfach: Die Teilnehmenden. Sie kämpfen mit komplexen Themen, mit Zeitdruck, mit der Frage, wie man eine Idee auf den Punkt bringt. Wenn eine KI dabei helfen kann, schneller Struktur oder neue Blickwinkel zu finden, warum nicht? Ich sehe sie nicht als Technikspielzeug, sondern als Unterstützung für die Menschen, mit denen ich arbeite.

PR-Journal: Wie binden Sie ChatGPT konkret in Ihre Trainings ein?

Flume: Wir nutzen es wie einen Assistenten. Teilnehmende lassen sich zum Beispiel auf Basis ihrer Inhalte Argumente ausarbeiten, optimieren diese dann und testen Ihre Wirksamkeit dann, indem sie die KI mögliche Gegenargumente ausspielen, lassen. Die KI gibt so den klassischen advokatus diaboli. Oder sie formulieren eine Rede, geben sie in die KI ein und schauen, wo es sprachlich oder logisch noch hakt. Manchmal simulieren wir sogar kleine Streit- oder Verhandlungsgespräche mit der KI. Das ist spielerisch, aber sehr effektiv – sie zwingt zum Nachdenken.

PR-Journal: Also ein digitaler Sparringspartner?

Flume: Exakt! Wenn jemand zum Beispiel eine Vorstandpräsentation vorbereitet, kann ChatGPT als „Widerstand“ auftreten und kritische Fragen stellen. Das trainiert Spontanität und Schärfe. Die KI ersetzt keinen Menschen, aber sie gibt einen neutralen Resonanzraum, in dem man sich ausprobieren kann – und das ganz ohne Lampenfieber.

PR-Journal: Viele probieren KI aus, sind aber enttäuscht. Warum klappt es bei Ihnen?

Flume: Weil ich den Leuten beibringe, die KI zu führen – nicht umgekehrt. Gute Ergebnisse entstehen nur, wenn die Aufgabenstellung klar ist. Wenn man weiß, welche Rolle die KI spielen soll, liefert sie bessere Antworten. Wer einfach drauflos promptet, bekommt Zufallstreffer.

PR-Journal: Und was bringt das im Alltag?

Flume: Zum Einen spart es enorm viel Zeit. Wenn man die Prompts sauber vorbereitet, kann man Präsentationen oder Reden wesentlich schneller aufbauen, teilweise verkürzt sich die Vorbereitungszeit um bis zu 75%. Und: Die KI inspiriert. Ich lasse mir manchmal auf Basis eines Textes Ideen für Visualisierungen oder Einstiege vorschlagen. Das sind oft Ansätze, auf die ich selbst nicht gekommen wäre – und das bereichert.

PR-Journal: Nutzen Sie KI auch für Ihre eigene Arbeit?

Flume: Ja, regelmäßig. Wenn ich zum Beispiel ein neues Training für eine bestimmte Branche plane, lasse ich mir typische Kommunikationsmuster oder Themen ausgeben. Aber wichtig: Das Ergebnis ist immer nur Rohmaterial. Ich überarbeite, ergänze, verfeinere – bis es wirklich zu meinem Stil passt. Ich sage gerne: Die KI liefert den Teig, aber ich backe den Kuchen.

PR-Journal: Das klingt als gäbe es bei der KI klare Grenzen?

Flume: Aber natürlich. Ich lasse mich schließlich inspirieren, aber nicht ersetzen. Sprache lebt von Haltung, Erfahrung, Emotion – das kann keine Maschine simulieren. KI hilft mir, schneller zu arbeiten, aber das Handwerk bleibt menschlich – und so bringe ich das auch meinen Kunden bei.

PR-Journal: Wo liegen für Sie Gefahren bei der Arbeit mit ChatGPT und Co.?

Flume: Die KI klingt überzeugend, aber sie weiß im Endeffekt nichts. Sie kann Fakten erfinden, Emotionen imitieren, Zitate verdrehen – und trotzdem klingt alles plausibel. Das ist gefährlich und faszinierend zugleich. Deshalb lehre ich: prüfen, hinterfragen, korrigieren. Wer das kann, nutzt KI souverän, statt auf sie hereinzufallen.

PR-Journal: Klingt, als wäre kritisches Denken wichtiger denn je?

Flume: KI ist keine Abkürzung zum Denken – sie ist ein Spiegel dafür, ob man selbst verstanden hat, was man sagen will.

PR-Journal: Ihr persönliches Fazit?

Flume: Die Kommunikation der Zukunft wird hybrid: menschlich in der Haltung, digital in der Unterstützung. Wenn wir das klug verbinden, bleibt das Beste aus beiden Welten erhalten – Empathie und Effizienz. 

Über die Autorin: Nele Ruppmann hat Linguistik und Anglistik in Stuttgart studiert und arbeitet seitdem journalistisch. Die Themenschwerpunkte der freien Journalistin und Marketing-Expertin sind Kommunikation, Coaching und das Musikgeschäft.

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