Christopher Morasch

Schwerpunkt Young Professionals Vor gut einem halben Jahr startete Christopher Morasch als neuer Professor für das Lehrgebiet „Praxis und Theorie der Public Relations“ an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. „PR-Journal“-Redakteurin Annett Bergk wollte wissen, wie der Start in ein Lehrjahr ohne persönlichen Kontakt zu den Studierenden verlief, wie sich das Campusleben derzeit gestaltet und was er dem Branchennachwuchs für den Jobeinstieg mit auf den Weg geben möchte.

PR-Journal: Es war wahrscheinlich ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt als Professor im Sommersemester dieses Jahres an einer neuen Hochschule zu starten. Wie war Ihr Einstieg? Was war geplant? Und wie lief es wirklich?
Morasch: Tatsächlich war es herausfordernd. Der Semesterstart wurde verschoben. Es herrschte Veranstaltungsverbot und bis heute gelten sehr strikte Hygienevorschriften auf dem Campus. Die Hochschule hat es jedoch geschafft, zu keinem Zeitpunkt Fragen ungeklärt zu lassen. Das Troubleshooting war geradezu vorbildlich und es wurde sehr schnell reagiert. Innerhalb von kürzester Zeit waren die Lehrenden dazu in der Lage, die Lehre über Videokonferenzraumsysteme zu organisieren. Sogar die Prüfungsabnahme konnte plötzlich digital vonstattengehen. Das war bis März 2020 völlig undenkbar. Und auch die Studierenden haben sich schnell zurechtgefunden und den einen oder anderen virtuellen Umtrunk organisiert. (lacht)

PR-Journal: Das hört sich an, als wäre alles problemlos verlaufen.
Morasch: Nicht nur. Das Campusleben als solches ist auf Null heruntergefahren. Und natürlich ist es für die Lehrenden von Nachteil, wenn sie sich keine direkten Reaktionen aus den Blicken der Studierenden abholen können. Aber die ganze Situation ist eben nicht nur nachteilig.

PR-Journal: Aufgrund der schnelleren Digitalisierung?
Morasch: Auch. Wir haben hier in Gelsenkirchen eine Pendleruni. Das heißt, Veranstaltungen ohne Anwesenheitspflicht sind nicht besonders gut besucht – gerade weil zwischen einzelnen Terminen gut und gern zwei Stunden zu überbrücken sind. Bei digitalen Unterrichtsformen ist es leichter, kurz reinzuschalten. Unabhängig vom Standort.

PR-Journal: Gegenüber der Trikon formulierten Sie vor kurzem, die Kommunikation befinde sich im Wandel und die Tools, die heute zur Verfügung stehen, änderten das Berufsbild. Können Sie das konkretisieren?
Morasch: Für uns ist es wichtig, die Grenze zwischen PR und Journalismus zu wahren, und auch die Sinnhaftigkeit der Trennung zu erklären – mithilfe dahinterliegender Modelle und Theorien und mit Blick auf das Grundgesetz. Die neuen Tools, wie Big Data oder die Social Media, sind gleichermaßen Bedrohung für den Journalismus wie Chance für die PR. Es gab eine Zäsur im Jahr 2016. Seit Referendumsabstimmung in Großbritannien über den EU-Austritt und Wahl des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten hat die Öffentlichkeitsarbeit in fast allen westlichen Kulturbereichen eine andere Bedeutung bekommen. Und so ändert sich auch das Berufsbild des Kommunikationsmanagers bzw. kann man sogar sagen, dass Kommunikationsmanagement viele unterschiedliche Berufe herausbildet – von Texterstellung über Analyse bis hin zu Social Media Management und in gewisser Weise auch Unternehmensberatung.

PR-Journal: Wie praktisch ist das Lehrgebiet „Praxis und Theorie der Public Relations“ angelegt? Was bedeutet Praxis für die Studierenden?
Morasch: Wir versuchen uns als Hochschule wirklich auf die Praxis zu fokussieren. Nicht nur im Rahmen von Projekten und Praktika wird dabei die Verbindung zur Wirtschaft und zu anderen Organisationen aufrecht erhalten, sondern auch in der Lehre werden ganz konkrete Praxisanwendungen im Rahmen der Vorlesung vermittelt. Gerade das Institut für Journalismus und Public Relations (JPR) ist gut vernetzt mit regionalen und überregionalen Unternehmen.

PR-Journal: Dennoch beobachtet man auch an der Westfälischen Hochschule eine Organisation der Studierenden unabhängig von Studiengängen und Lehrveranstaltungen in vereinsähnlichen Gebilden. Ein Beispiel hierfür ist die DPRG Studierendengruppe in Gelsenkirchen. Wie sehen Sie auf solche Vereine?
Morasch: Gruppen, die sich zusammenschließen, um sich in Eigeninitiativen einem Berufsverband anzunähern, sind aus meiner Sicht sehr zu begrüßen. Es ist genau diese Eigeninitiative und Individualität, die wir als Hochschule weder koordinieren noch abdecken können. Aber wir stehen den Gruppen beratend zur Seite.

PR-Journal: Sollte man sich als Studentin oder Student in einem solchen Verein engagieren, um eine bessere Chance in der Branche zu haben?
Morasch: Eine schwierige Frage, die wahrscheinlich keine allgemeingültige Antwort kennt. Meines Erachtens sind viele Berührungspunkte mit der Praxis wichtig. Grundsätzlich würde ich empfehlen, sich über die Pflichtpraktika verschiedene Organisationen anzusehen, doch der Jobeinstieg ist ein sehr individueller Entscheidungsprozess, der ggf. auch mithilfe von eigeninitiierten Praktika, nebenberuflichem Arbeiten oder eben dem Engagement im Rahmen eines Studierendenvereins beschleunigt werden kann.

PR-Journal: Wie stehen Sie zum Traineeship als zusätzliches Angebot von Unternehmensseite?
Morasch: Grundsätzlich sind die Studierenden aus dem Bereich des Kommunikationsmanagements heute sehr gut für den Arbeitsmarkt ausgebildet. Ich denke, ein Traineeship ist immer dann sinnvoll, wenn man es mit einer großen Organisation zu tun hat. Es ist sinnvoll, zu wissen, wie das konkrete Organisationskonstrukt funktioniert, und in einzelne Abteilungen hineinzuschnuppern. Bietet mir hingegen eine Zehn-Mann-Agentur ein Traineeship an, so ist es wohl eher eine Worthülle, um keine Festanstellung bezahlen zu müssen.

Christopher Morasch hat 15 Jahre Erfahrung in den Bereichen Experience Management und digitale Marktforschung. Er war als Geschäftsführer und in leitenden Funktionen in Deutschland und in Großbritannien für verschiedene Unternehmen tätig, studierte Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg und promovierte am Lehrstuhl für E-Business der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg. Er ist Mitgründer und Managing Partner des Experience-Management-Startup digitell.me und Professor für Praxis und Theorie der Public Relations am Institut für Journalismus und Public Relations (JPR), Fachbereich Informatik und Kommunikation, der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen.


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